Zufällige Begegnung (Julia), Teil 2

Die junge Frau lag immer noch so da wie eben, bewegungslos und mit hart angespannter Skelettmuskulatur, den Kopf zu ihm gewandt, aber ihre Augen starrten blicklos ins Leere. Das, was sie sah, ging wie bei einem Fotoapparat durch ihre Linsen, quer durch ihren Kopf und trat hinten völlig unbearbeitet wieder heraus. Matt blieb für vielleicht für eine Zehntelsekunde regungslos, so einem Blick war er bisher noch nicht begegnet, es schauderte ihn etwas. Ihr Blick flackerte nicht, ihre Pupillen waren starr, ihr Gesichtsausdruck bar jeglicher Emotion, völlig unbeteiligt an dem Geschehen um sie herum. Matt kannte diesen Blick von Models, die fotografiert wurden, und er hatte von ihm von Soldaten im einem Kriegsgeschehen gehört. Für gut und gerne eine Minute hielt ihn dieser Blick gefangen, er verhielt dabei unwillkürlich auch in seiner Bewegung, dann hatte er sich wieder im Griff. Er musste sie jetzt dort abholen, wo sie gerade war, in ihrem ureigenen innersten Rückzugsort, ihrem Kopfzuhause in ihr selbst, dort, wo das Geschehen von eben in ihrem Geist immer noch seinen Lauf nahm mit einer augenscheinlich verheerenden Wucht.

Er ließ seinen Blick kurz über ihren schmalen Körper gleiten. Der Kerl hatte sie mit großen Kabelbindern so fest an ihrem Bett fixiert, dass ihre zarten Hände bereits anschwollen. Er kämpfte für einen Moment seinen Ärger nieder bei diesem Bild. Das T-Shirt der Frau lag zerrissen unter ihrem Oberkörper, der kurze, schwarze Rock war weit hochgeschoben, das Höschen zerrissen und ebenfalls noch unter ihrem Gesäß. Ihre ganze Gestalt wirkte auf ihn wild entblößt, als habe sich ein wilder Bär auf sie gestürzt und ihre Kleidung einfach weggefetzt, um an ihren Bauch zu kommen, ihre Eingeweide, und irgendwie war das ja auch so.

Er löste sich aus seiner Starre und ging um das Bett herum, zog sich im Gehen den schwarzen Mantel aus und warf ihn über einen Stuhl. Er machte ruhig die Küche ausfindig und griff sich ein Messer, suchte dann im Schlafzimmer nach einem Bademantel. Zu seiner Erleichterung fand er einen, zog an dem Gürtel, er hakelte etwas, er zog noch einmal, dann war er frei. Die Frau war das nicht. Er sah ein großes, hauchdünnes, bunt gemustertes Seidentuch neben seinem Mantel achtlos über die Lehne des Sessels geworfen, er öffnete ihren Kleiderschrank und fand einen festen, schmalen Schal. Damit hatte er, was er vorerst brauchen würde. Er trat zu der Frau, legte beide Schals neben ihrem still rasenden Körper ab und schnitt mit dem Messer den Kabelbinder um ihr ihm zugewandtes Handgelenk durch. Die Fingernägel liefen schon blau an. Sie rührte sich nicht, er fesselte sie erneut, aber diesmal routiniert und geschickt etwas lockerer mit dem Gürtel des Bademantels an ihr Bett. Dann griff er über sie und verfuhr ebenso mit ihrem zweiten Handgelenk, nahm den schmalen Schal zum Fesseln. Zum Schluss breitete er das Seidentuch aus und legte es wie einen Gazeschleier über ihre blass leuchtende Haut, vom Dekolleté bis zu ihren Knien. Er fasste sie weiter nicht an, hielt einen gewissen Abstand zu ihr und setzte sich dann einfach neben sie auf das Bett. Sie starrte weiter blicklos geradeaus, hatte scheinbar von alldem nichts weiter mitbekommen.

Er schlug die Beine übereinander, setzte sich bequem zurecht und öffnete zwei Knöpfe seines Hemdes, schlug die Armel leger hoch und fuhr dann mit einer seiner warmen Handflächen unter das spinnwebenfeine Tuch, das ihren Körper wie mit einem psychedelischen Hauch bunter Farben und Formen umgab, aber quasi gar nicht vor seinen Blicken verbarg. Er legte seine Hand auf ihren Oberbauch, der sich noch immer flach und rasend schnell hob und senkte. Er verschwendete keinen Gedanken mehr an den armseligen Kerl, wichtig war für ihn nur das das Abbild, das sie von ihm in sich trug. Er sah einfach nur nieder auf ihr unbewegtes Gesicht, unvoreingenommen, er verurteilte sie ja nicht, ganz im Gegenteil, aber er konnte nichts anderes tun als es ihr zu überlassen, eine Entscheidung zu treffen und die Brücke zu ihm zu überschreiten, die er ihr mit seinem Handeln gerade baute.

Er ahnte, was wohl in ihr toben musste, wie groß ihre Wunden sein mussten, die dieser innere Kampf gerade schlug, aber erfassen konnte er es nicht. Ihr ganzer Körper erwies sich als fest angespannt, die Haut unter seiner Hand vibrierte leicht. Er ließ seine Hand leicht auf ihrem Oberbauch liegen, ließ sie mit ihrer Atmung mitschwingen, begann dabei, ihre Haut leicht und zart zu streicheln. Die Spannung wich nach ein paar endlosen Augenblicken etwas, ihre Haut wurde wärmer, ihr Kinn sackte leicht nach unten, für einige lange Augenblicke war sie hilflos gefangen. Und er musste sich eingestehen, dass er sie in dieser Hilflosigkeit besonders reizend fand, wie ein Rehkitz, das sich schockstarr unter seinem streichenden Griff in seinem Grasnest duckte. Eine schwarzhaare Schönheit, die ihn an ein Rehkitz erinnerte und die gerade von einem Mann schwer verletzt worden war, das war einfach zu viel. Kein Wunder, dass er nicht hatte gehen können.

Er nahm seine Hand nicht von ihrer Haut, wie er es schon lange hätte tun müssen, wenn er sich gesellschaftskonform verhalten wollte, er ließ sie liegen und erweiterte vorsichtig streichelnd den Radius seiner kreisenden, leichten Bewegungen auf ihrer Haut. Kein Druck, kein Zwang. Er hatte noch keine Absichten, aber er war offen für alles, was sich nun ergeben würde. Er ließ seine Finger höher gleiten, streichelte nun ebenso leicht und achtsam ihre flachen, kleinen Brüste, fixierte sich aber auf keine ihrer Formen, ließ sie nur seine Nähe, seine warme Hand und seine leichte Massage fühlen, ruhige, aber sehr zielgerichtete Bewegungen, die für sie aber keineswegs bedrohlich waren, trotz der Intimität, die sie beinhalteten.

Er fragte sich gerade, wie er sie aus ihrer inneren Starre reißen konnte, als ihre Handgelenke sich plötzlich sachte regten. Die Hände der jungen Frau drehten sich als erstes leicht in seinen Stofffesseln, ihr Nacken spannte sich an, ihr Gesicht rötete sich leicht, ihre Wangen flammten leicht auf, als würden sie brennen, und sie wandte ihm etwas ihr Gesicht zu, schloss halb die Augen, als würden sie ihre Handgelenke schmerzen und ihr ganzes Gesicht brennen. Vielleicht hatte sie ja auch ein paar harte Ohrfeigen von ihrem Peiniger erhalten. Ein Grund mehr, diesen Kerl in den Erdboden zu stampfen, knurrte er bei sich.

Er sah ihre halbgeschlossenen Augenlider, ihre Augäpfel rollten schnell hin und her, als würde sie träumen. Er versuchte, sich in sie hinein zu versetzen, nachzuvollziehen, wie sie ihren Angreifer erlebt haben musste. Der Mann hatte sie völlig überraschend und wahrscheinlich von hinten kommend mit seinen gut und gerne 90 Kilo zu Boden gerissen, sie wog vielleicht etwas mehr als die Hälfte davon. Zu einer Gegenwehr anzusetzen war völlig sinnlos für sie gewesen, er war ausgewildert und bewegungsfrei, ihre hatte er ihr durch seinen entschlossenen Angriff genommen. Sie konnte ihn riechen, seine Aggression, sie konnte seine Halsschlagader pochen sehen, so kam er über sie. Das machte er definitiv nicht zum ersten Mal so, das war ihr wohl sofort klar gewesen, zu entschlossen und zielgerichtet war sein Handeln, zu schnell und gewandt brachte er sie zu Fall, machte sie mit ein paar harten Schlägen bewegungsunfähig vor Entsetzen. Vielleicht regte sie sich einen Moment nicht, wollte auf einen Moment warten, in dem er vielleicht unachtsam wurde, auf den einen Moment, den, der ihr eventuell eine Chance geben würde. Doch er griff ihr in die langen Haare dicht über ihrer Kopfhaut, zerrte ihren leichten Körper daran brutal über den Boden zum Bett. Vorbei war es mit dem ersten und einzigen Ansatz in ihr zu einer Gegenwehr, sie konnte seinen festen Entschluss in seiner kräftigen Hand fühlen, sie schrie auf, schmerzgepeinigt, zappelte hilflos mit ihren Beinen über den Boden, das hatte Matt durch die Tür gehört, sowohl das Zappeln wie auch das Schleifen. Er hob sie mit geübten Griffen an, warf sie auf ihr eigenes Bett, sie sah von ihm vielleicht nur seine kräftigen Unterarme und die dicke Adern darauf, als er ihre Handgelenke viel zu schnell für sie mit Kabelbindern an ihren eigenen Bettpfosten festmachte. Schwer fixierte er sie dabei mit seinem Körpergewicht, sie lag beschwert durch ihr eigenes Gewicht dazu in Rückenlage, wie tot konnte sie sich stellen, bevor sie tot war? Ihr Herz musste zum Zerspringen geklopft haben in ihren Ohren, zum Schreien war sie gar nicht gekommen, denn die Schnelligkeit seiner Handlungen hatte ihre eigene Vergegenwärtigung des gerade Geschehenden überholt, aber in diesem Moment begann die Wirkzeit der Auswirkungen seiner Handlungen an ihr. Wie ein routinierter Handwerker war er wohl mit ihrem Körper umgegangen, kein Moment des Zögerns oder Abrutschens, des Zitterns oder der Nervosität, und sie fand mit Sicherheit keine Position, in der sie die ganze Situation und ihr eigenes Gewicht an ihren viel zu fest gezurrten Handgelenken ertragen konnte. Sie wand sich schreiend, sie wusste vielleicht auch, dass sie ihm damit die Bühne bot, die er brauchte, um fortzufahren, aber sie konnte auch nicht anders, ein uraltes Programm hatte ihr Handeln und Denken übernommen, so wie auch seines, ein archaisches, eines, das so alt war wie die Menschheit selber. Wahrscheinlich hatte ihr Angreifer sich an dieser Stelle einen Moment Zeit gelassen und ihr in die Augen gesehen, lange genug, dass sie erkennen konnte, wie albern ihre hilflosen Abwehrversuche waren, er hatte sie zu Boden gerissen wie ein Raubtier und auf diesen Ort hier geworfen, auf dem er sie genau auch haben wollte. Dann hatte er ihr das T-Shirt brutal mit zwei Fäusten aufgerissen, den Rock weit über ihre Hüften geschoben, und als sie in genauer Erwartung des nun Kommenden schrie und schrie, hatte er ihr irgendetwas in den Mund gestopft. Auch das hatte Matt durch die Tür hören können. Kurz war er dann für sie wohl aus dem Bild gekippt, sie hörte das charakteristische Schnarren seines Reißverschlusses, mit dem er seine Hose öffnete, dann musste er sofort wieder über sie gekommen sein, ohne weitere Verzögerung. Wäre das anders gewesen, hätte Matt ihn noch von seinem Vorhaben abhalten können, so war er nicht schnell genug gewesen. Dann mussten seine Augen direkt vor ihren gewesen sein, Zentimeter von ihren panisch aufgerissenen entfernt, nicht mehr als eine Handbreit, sie musste das als ein erstes Eindringen in sie empfunden haben. Sein Geruch nach Schweiß und Gier musste sie wie ein Schlag getroffen haben, ein zweites Eindringen in ihren von reiner Panik erfüllten Geist. Er hatte ihr nicht die geringste Möglichkeit gelassen, ihm irgendwie zu trotzen, geistig eine Schranke zwischen dem, was er dann tat, und ihr selbst zu errichten, einen Verteidigungswall, irgendetwas. Ganz sicher wollte sie ihm keine Bühne bieten, keinen Genuss bieten, keinen Erfolg gönnen, sein Szenario nicht auch noch unterstützen, aber so hatte er ihr keine Chance dazu gelassen. Und dann war dieser erwartete, zerreißende Schmerz durch ihren Unterleib gefahren, als er brutal und ohne Hemmungen hart in sie eindrang, dieser Schmerz musste für sie wie ein Vernichtungsschmerz gewesen sein, überwältigend, in ihrem aufgepeitschten Zustand unerträglich, nicht vorhersehbar, nicht vorstellbar und damit auch nicht irgendwie beherrschbar. Vielleicht hatte sie noch einen Blick direkt in sein verzerrtes Gesicht vor ihrem geworfen, bevor sie dann in einer Agonie aus Schmerzen versunken war und er begonnen hatte, sich in ihr zu bewegen, sie hart zu stoßen. Sie konnte ihm nicht mehr standhalten, jeder Versuch einer Gegenwehr von ihr war kläglich gescheitert, als er das begann, und seine von Lust getränkten, unbarmherzig harten Bewegungen mussten ihr die Luft aus ihren ohnehin schon nur noch unzureichend mit Atemluft gefüllten Lungen getrieben haben. Seine harten Stöße, die unerträglichen Schmerzen und sein lautes Keuchen dabei musste ihr gezeigt haben, dass er sie für seine Bühne reif unter sich liegen hatte. Er wusste das und sie wusste das, und zu diesem Zeitpunkt wusste auch Matt das. Und mit der kalt in ihr entfesselten Panik, die brennend in ihrem Kopf endete und dort verheerend wütete, musste sie sich in ihr letztes Refugium zurückgezogen haben, das ihr noch blieb, ihr Kopfzuhause. Sie war dabei gewesen, mit der letzten ihr verbliebenen Energie zu haushalten, als Matt ihn von ihr reißen konnte, die Luft wurde ihr zu wenig und zu dünn, aber sie war noch nicht weich geworden.

Sie war noch immer nicht weich geworden, dachte Matt mit einem Schaudern, der finale Akt hatte ihre endgültige Zerstörung nicht erreichen können, noch nicht, dank seines Eingreifens und nur deswegen. Aber die brutale Gewalt, die über ihren zarten Geist mit einer verheerenden Wucht hereingebrochen war, die teilte sich auch ihm mit, egal, ob Mann oder Frau, jeder Mensch fühlte in einer solchen Situation das gleiche. Matt besaß die geistige Standhaftigkeit und die Lebenserfahrung, sich solchen Eindrücken zu stellen, die auch ihn heimsuchten, wenn er ihre Körpersignale so neben ihr sitzend deutete. Er besaß nur ein wesentlich besseres Rüstzeug als die junge Frau, mit einer solchen Gewalt gegen seinen Geist umzugehen, er hatte sich seine Kompetenz im Umgang mit ihr redlich erworben durch eine ganze Reihe von eigenen Lebenserfahrungen. Wer nachgab, führte?, dachte er höhnisch. Eine Frau, die sich nur im Spiel unterordnete, aber nicht im Leben? Eine Frau, die Lust auf so etwas hatte? Matt konnte mit solchen Sprüchen nicht sehr viel anfangen, und der Grund lag vor ihm in Gestalt der jungen Frau. Das Leben ging andere Wege, das war offensichtlich für ihn, ob komplizierter oder auch einfacher, das wusste er nicht so genau, aber so war es ganz sicher nicht. Auch die Frauen, die er sich nahm, hatten sich diese Situation ganz sicher nicht so ausgesucht, dafür sorgte er ja selber, deswegen wusste er das auch nur allzu gut.

Sie versuchte noch immer, ihre Seele selber zu retten mit dem letzten Mittel, das ihr noch blieb, die innere Distanzierung von dem Geschehen. Und er würde ihr jetzt nur helfen können, wenn es ihm gelang, dass sie die Konfrontation mit ebendiesem Geschehen in seiner Gegenwart und mit seiner Unterstützung zuließ und zu verarbeiten suchte. Er war dabei, den losen Faden aufzugreifen, den der Angreifer in ihr hinterlassen hatte. Sie musste die Kraft in sich finden, dem Geschehen bewusst entgegen zu treten und es dann mit seiner Hilfe zu relativieren, dann würde sich die zerstörerische Kraft in ihrem Geist auflösen. Er wusste einfach, dass das so war. Aber was er nicht wusste, war, ob sie dazu noch die innere Kraft aufbringen konnte. Es waren nur Minuten gewesen, wenige Minuten, bis er die Situation für sie entschärft hatte, aber das waren Herzschlagminuten gewesen, Minuten wie Schläge auf einer alten Turmuhr, jeder Schlag konnte der letzte sein, der Schlag Zwölf auf der alten Turmuhr, die die letzten Minuten herunter zählte.

Er sah auf ihren zarten Hals, sah das schnelle, flache Pulsieren ihrer Halsschlagader, und auf sich langsam abzeichnende rote Würgemale auf ihrer blassen Haut. Dieser Kerl hatte ihren Kopf hochgezogen mit seiner kräftigen Hand um ihren Hals, hatte sie damit auf Spannung gehalten. Das musste sie noch immer in sich fühlen, wie sich seine Finger um ihren Hals zuzogen. Immer weiter zuzogen. Und sie hatte sich ebenfalls ganz zurückgezogen. Er hoffte, sie nun auffangen zu können, wo sie langsam wieder hervor kam, und das, bevor sie ganz unter dieser Last einbrechen würde. Bevor sie in diese Haltung fiel, in der sie nur noch hoffte, dass es bald vorbei sein würde. Denn genau das würde nicht geschehen, diese Bilder in ihrem Kopf würden nicht vorbei sein, nicht bald und auch nicht in absehbarer Zeit, ihr würde Kälte im Herzen bleiben, eine Kälte, die ihr Herz betäuben würde, Kälte und Einsamkeit, die des missbrauchten Opfers.

Er sah ihr ins Gesicht, als sie dann endlich wieder ihre Augen öffnete. Er streichelte sie sanft weiter, raumgreifender und zärtlich, und fing mit Autorität ihren herumirrenden Blick ein. Er wusste, dass ein intensiver Blickkontakt mit ihm auf die Frauen eindringlich wirkte, und er bewahrte die junge Frau bewusst nicht vor diesem Effekt. Er mochte es überhaupt nicht, wenn Männer diese Eigenschaft besaßen und mit ihr prahlten, aber jetzt und hier warf er alles in eine Waagschale und ließ es darauf ankommen. Entweder er fing sie jetzt ein oder eben nicht.

Sie stöhnte leise und atmete ein paar Mal tief durch. Dann traten Tränen in ihre goldbraunen Augen, langsam liefen ihre wunderschönen Augen über. Um ihr Kinn legte sich ein gespannter Zug, ihre Stirn kräuselte sich leicht und ihre vollen Lippen begannen, leicht zu zittern. Sie bog unwillkürlich ihren Oberkörper in einer abwehrenden Haltung leicht nach oben durch, er dachte nicht nach und drückte ihn bestimmt mit seiner Hand, die gerade zwischen ihren Brüsten lag, wieder herunter.

„Kennst du das Paarungsritual einer australischen Spezies von Unterwasserschnecken, meine Schöne?“, fragte er sie mit sanfter Stimme und ohne nachzudenken. „Das Männchen hat neben seinem ersten Saugrüssel am Kopf einen zweiten, baugleichen, den es für die Paarung mit dem Weibchen ausfährt. Er bohrt ihn in den Kopf des Weibchens. Das Weibchen nimmt dabei keinen Schaden. Aber dennoch gehört dieses Ritual in die Gruppe der traumatisierenden Paarungen im Tierreich.“ Er sah ihr in die Augen, er lachte nicht, denn die Botschaft, die er ihr damit übermittelte, war schnell, hart und glasklar, und er ließ auch seine Augen und seinen Gesichtsausdruck dabei sprechen. Die Information, die er ihr so übermittelte, war die, dass er sehr gut verstand, wie schmerzhaft das eben Geschehene in ihr jetzt wütete, und dass er das sehr ernst nahm und an ihrer Seite stand.

Sie begann, leicht hin und her zu rutschen auf dem zerwühlten Laken, stellte dabei durch leichten Zug sofort und sehr scharfsinnig fest, dass sie noch immer an ihr Bett gefesselt war, aber auch sofort durch die Art ihres Zuges, dass die Fesselung nun leichter und angenehmer war und sie nicht mehr mit ihrem vollen Körpergewicht an ihren Fesseln hing. Sie ballte ihre kleinen Hände probeweise zu Fäusten, öffnete und schloss sie immer wieder, um die Blutzirkulation in ihren angeschwollenen Fingern wieder anzuregen. Matt war einen Moment wie gefangen, das erwischte ihn recht unerwartet, und er starrte sie für einen Moment daher recht überrascht an. Sie musste ihre Lage sofort und sehr scharfsinnig abgeschätzt haben, und ihr Blick musste trotz der unzweifelhaft in ihr tobenden Eindrücke wirklich scharf sein. Langsam wurde sie für Matt wirklich, ehrlich interessant. Sie hob ihren Oberkörper probehalber wieder leicht an, und Matt machte diese Bewegung diesmal mit seiner Hand mit, zeigte ihr so, dass es nicht er war, der sie festgebunden hatte, und dass er auch nicht vorhatte, sie hier festzuhalten, zumindest nicht länger, als er es für nötig hielt. Sie zögerte noch eine lange Sekunde lang und sackte dann wieder zurück in das Kissen, ließ auch die Spannung in ihren Armen fahren. Sie sah ihm jetzt offen und hilflos gerade in die Augen, und um ihre ganze Augenpartie erschien ein sehr angespannter Zug, als würde sie sich erst jetzt ihrer Notlage so richtig bewusst werden und gleich anfangen, laut zu weinen. Ihre Tränen rannen nun lautlos, aber in einem ungebrochenen Rinnsal.

„Schhhht, schhhht, schhhht“, machte Matt leise und wieder voller Autorität, „ja, meistens ist das bei einer Vergewaltigung die verständlichste Reaktion, aber in diesem Fall sitze jetzt ich hier bei dir und du hast keinen Grund dafür. Der Typ von eben musste froh sein, dass er ohne fremde Hilfe überhaupt noch seine Hose wieder zumachen konnte. Geschafft hat er das erst auf der Straße, Liebes, so schnell ist er geflüchtet eben. Er wollte nicht in den sicheren Selbstmord rennen, geschlossen mit all den anderen Idioten, die so etwas tun und dabei von einem Kerl wie mir aufgerieben werden. Und um seine herunter gelassene Hose konnte er sich erst wieder kümmern, als die Doppelbilder vor seinen Augen wieder verschwunden waren, deswegen hat er mit seinem Schwanz ein paar Passanten gut unterhalten.“

Sie sah ihm etwas verblüfft direkt in die Augen und er wusste, er hatte ihre volle Aufmerksamkeit, der wilde Tränenausbruch war erst einmal abgewendet. Damit hatten seine etwas unkoordiniert gewählten Worte ihr Ziel erreicht. Und so ganz nebenbei musste er seine Liste an Beobachtungen ergänzen. Er erlebte nun eine fast niedergeschmetterte Seite an ihr, in der sie aber richtig süß auf den Zug seiner Augen reagierte, sich von ihm weich leiten ließ und vor allem ihren wilden Schmerz beherrschte. Und diese Seite war fast schon zum Verlieben. Entsprechend freundlich hielt er weiter ihren angespannt in seinen Augen ruhenden Blick.

Die Schöne gehörte zu den wenigen Menschen, bei denen das ganze Gesicht auf ihre Emotionen reagierte. Jeder Teil ihres ebenmäßigen, ovalen Gesichtes und seiner Mimik hatte seine eigene Rolle. Dieser angespannte Zug um ihre Augen wurde etwas weicher, machte einem intensiv in seinem Blick ruhenden Paar wirklich wunderschöner, großer rehbrauner Augen Platz, die durch die unermüdlich laufenden Tränen glänzten. Ihre zarten Nasenflügel bebten leicht, ihr Kinn zog sich etwas zusammen. Dieser ganze Gesichtsausdruck war offen und ungehemmt, nicht aufbegehrend, effekthaschend oder verhalten, wie er es bei sehr vielen Damen erlebte und nicht mochte. Das Wichtigste war aber, dass seine Ruhe ihre Augen erreichte und zum Funkeln brachte. Er konnte das Feuer in ihr neu entfachen, und ganz offensichtlich besaß sie Feuer. Und das gefiel ihm an ihr so gut, dass er nicht mehr versuchte, seinen Gesichtsausdruck so eisern zu beherrschen, sondern sie ein wirklich ehrlich gemeintes, liebevolles Lächeln sehen ließ. Er signalisierte ihr damit ganz offen, dass sie von einem fremden Mann überfallen worden war, dass sie aber jetzt zu seinem Stamm gehörte und damit unter seinem Schutz stand, und dass er diese Situation für sie schon bereinigt hatte, dass es deswegen keinen Grund mehr für Panik oder einen Ausbruch unbeherrschbarer Schmerzen in ihr gab. Das war so archaisch wie das, was ihr eben passiert war, und deswegen verstand sie es auch sofort. Ihr Gesichtsausdruck wurde gelöster, ganz offensichtlich konnte sie den Druck in sich etwas abbauen und auch eine Entscheidung treffen, nämlich die, ihm jetzt und hier zu vertrauen. Sie warf einen Blick an sich hinunter auf seine streichelnde Hand, die inzwischen über ihren ganzen Brustkorb fuhr, dann sah sie wieder auf und studierte sein Gesicht genauer.

Sie stellte dabei ruhig eines ihrer schlanken Beine auf. Sein Kalkül schien aufzugehen, der feine, gazeartige Stoff gab ihr eine intime Sicherheit in ausreichendem Maße, sie entschied sich bewusst dazu, zu bleiben, in der Lage, die er für sie vorgesehen hatte. Sie wandte sich ihm zu und nahm ihn etwas genauer in Augenschein.

„Du hast ihn vertrieben, nicht wahr?“, fragte sie ihn das Offensichtliche und befreite sich dabei ganz offensichtlich immer mehr von ihrer beklemmend beängstigenden Situation. Er lächelte und nickte nur. Ihr Blick wechselte noch einmal zwischen seiner streichelnden Hand und seinem Gesicht hin und her und fragte ihn dann mit großen, offenen Augen. Er stellte sein Streicheln nicht ein, und sonst tat er weiter auch nichts, als ihren suchenden Blick lächelnd ruhig und freundlich zurück zu geben. Überraschung zeichnete sich in ihrem Gesicht ab, dann kämpfte sie wieder erfolgreich mit den Tränen. Sie sah die Art, wie er sie ansah, und das gab ihr den Rest. Ihre Augen liefen über. Er verurteilte sie nicht für das, was ihr eben zugestoßen war, ganz im Gegenteil, er fand sie immer bezaubernder. Das ließ er sie deutlich sehen und fühlen, und auch, dass er auf eine Entscheidung von ihr wartete.

Sie schlug ihre langen Augenwimpern kurz verschämt nieder, atmete zwei, drei Male tief durch und hob den Blick dann wieder, bis sie seinem begegnete. Dabei hob sie nun auch ihr anderes Bein an und legte beide Beine mit den angewinkelten Knien aneinander gelegt schräg erst auf die eine, dann auf die andere Seite, als würde sie ihr Unterleib schmerzen. Er löste kurz seinen Blick und ließ seine warme Hand an ihrer Flanke herab wandern bis auf ihren Bauch, sah dabei zur Seite auf ihren schlanken Körper. Er legte seine Hand bewusst zärtlich auf ihren warmen Bauch und streichelte ihn sanft, massierte ihn leicht. Er atmete tief und etwas unschlüssig durch. Er musste sich langsam auch entscheiden, und zwar rechtzeitig, bevor sie für ihn nicht mehr zugänglich war. Noch hielt sie sich an ihm fest, begann, Vertrauen aufzubauen. Aber er war ihr völlig fremd, lange konnte er diese Hilfestellung an ihr nicht mehr leisten, wenn er nicht einen Schritt weiter ging jetzt. Und ihre reizende, offene Art traf ihn in Form einer unerwarteten Wendung, mit allem hatte er gerechnet, aber nicht wirklich damit, dass sie bereit war, sich von ihm tatsächlich helfen zu lassen, ohne Wenn und Aber.

„Ich bin Julia“, sagte sie inzwischen, und sie sprach ihren Namen unversehens überaus reizend mit einem weichen italienischen Akzent aus. Das gab für ihn den Ausschlag, so eigenartig ihm das selber auch vorkam, aber das gefiel ihm einfach zu gut.

„Freut mich sehr, Julia“, erwiderte er und brachte seine Hand deutlicher in ihr Bewusstsein, indem er einen ihrer aufgestellten Oberschenkel hinauf strich bis kurz unter das Knie, dann wieder hinunter an ihre Hüfte, ihre Hüfte dann leicht und zärtlich mit seiner Hand umspannte, wie er es bei einer Geliebten tun wurde. Ihr Blick huschte kurz herunter zu der Stelle, wo er ihren Körper mit einer warmen Hand umfasst hielt und leicht zudrückte, dann wieder prüfend in seine Augen. Sie suchte nach einem Hinweis für seine Absichten, und gerade die waren ihm nun selber nicht mehr so klar. Ihm war bewusst, dass sie ihn nicht lesen konnte, was sie in seinem Gesicht nun fand, war gleichzeitig alles und nichts.

„Er hat mir eben sehr weh getan“, bekannte sie ihm mit schwankender Stimme, suchte nach einer nicht allzu gefühlsschwangeren Form, ihn in ihr Fühlen mit einzubeziehen. Diese süße Scheu und fast schon anrührende Unschuld in ihrer Stimme gaben ihm den Rest, zeigten sie von einer so reizvollen Seite, dass er sich fühlte, als könne er sich in sie verlieben. Und er erfasste auch sofort, dass sie ihn nicht von seinem Handeln abzuhalten versuchte, ganz im Gegenteil, sie wies ihn mit keinem Wort zurück, wie sie es ganz unzweifelhaft getan hätte, wenn sie ihn mehr auf Distanz hätte halten wollten oder gar Angst vor ihm gehabt hätte. Auch hätte sie dann versucht, ihm ihren Oberschenkel zu entziehen, weil er sehr dicht an ihrem Schoß vorbei streichelte, aber auch das passierte nicht. Ganz offensichtlich machte er ihr keine Angst, er machte ihr alles andere als Angst, er hatte den Eindruck, dass er ihr eher Sicherheit geben konnte.

Er sah ihr direkt in die Augen, wich ihrem Blick bewusst nicht aus, wie es die meisten Idioten in der Normalbevölkerung wohl an dieser Stelle getan hätten, an der sie bereit schien, über ihr Empfinden aus ihrer rein weiblichen Sicht der Dinge heraus zu sprechen und ihn ganz intim mit einzubeziehen. Er atmete nur einmal tief durch, dann hatte er sich entschieden.

„Das ist mir klar, Kleines. Ich habe gesehen, wie dieser Vollidiot in dir extrem hart gewühlt hat“, bestätigte er sie nickend und rief damit eine leicht verunsicherte Reaktion bei ihr hervor. Das waren klare Worte, und er setzte noch einen drauf. „Das war eben nicht die übliche geile Mischung aus Gewalt, Sex, Lust und Unterwerfung, Liebes. Er hätte dich eben verdammt übel zugerichtet, wenn ich nicht eingeschritten wäre. Dazu muss er aber noch ein wenig früher aufstehen, in meiner Gegenwart zieht er diese Nummer nicht durch. Und bei mir würdest du auch ganz anders empfinden, Liebes, und das hat rein gar nichts mehr mit meinem guten Aussehen zu tun.“

Es dauerte einen kleinen Moment, bevor sie diese offene Avance von ihm verarbeitet hatte, und er bestätigte sie noch. Er wusste, wie ungewöhnlich sein Vorschlag an dieser Stelle war. „Und das würde ich dich nach dieser schrecklichen Erfahrung nur zu gerne auch fühlen lassen dürfen, Kleines. Alleine dafür hätte es sich heute schon gelohnt, hierher zu kommen, nur um zu sehen zu können, wie dieser entsetzte und gepeinigte Ausdruck in deinen wunderschönen Augen sich wieder ändert und nie zurück kehrt. “

©Matt

Und eines meiner Lieblingsfotos für euch, zur Überbrückung… (Stimmungsbild)

Und eines meiner Lieblingsfotos für euch, zur Überbrückung...

Ein wunderschönes Bild, wie ich finde, ich liebe Schwarz-Weiß bei Erotik-Aufnahmen. Einen ganz lieben Dank dem Fotografen für diese gelungene Aufnahme voller Möglichkeiten…

(Wenn ich hiermit die Rechte des Fotografen verletzte, dann bitte einen Hinweis auf das Copyright geben, ich entferne das Bild dann sofort wieder!)

Etwas Organisatorisches

Hallo nochmal!

Ich habe gezeigt bekommen, dass die ersten Beiträge nur zu finden sind, wenn man im Monat September ganz nach unten scrollt und dann den Button dort anklickt. Das ist natürlich sehr umständlich. Ich werde jetzt mal endlich versuchen, hier einen Geschichtenindex einzuführen, wie auch immer, und ebenso einen Index der anderen posts. Angedacht ist derselbe Blog auch bei blogger, da geht so etwas viel leichter. Bis dahin, für alle, die neu dazu kommen, bitte daran denken, die Geschichten sind wie oben beschrieben wieder zu finden!

Liebe Grüße!

 

Aliens unter uns, Aufruf vom 13.09.2013

Ich bin begeistert! Es haben sich doch tatsächlich schon zwei Menschen in der Leserschaft dieses Blogs gemeldet, die sich geoutet haben. Der eine möchte anonym bleiben, die andere ist Nadja, die garantiert von einem Planeten kommt, der mit meinem assoziiert ist. Lass dich nicht verunsichern, Nadja, Menschenwesen verstehen uns kosmische Wesen nicht. Was deine Schwiema angeht: Wenn sie wirklich weiß, wo ein Sack Reis in China umgefallen ist, hm, das ist bemerkenswert, aber hat sie dich damit dermaßen geärgert? Wenn dem so sein sollte, kommt sie wahrscheinlich auch von einem anderen Planeten, denn sonst gäbe es auf deinem ja Mord und Totschlag! 😀 Aber vielen Dank für deinen Trost, das tut echt gut! Und ich kann es mir nicht verkneifen, einen weltberühmten Song eines definitiv ebenfalls Außerirdischen in Teilen zu zitieren.

Stell dir vor, keine Reichtümer,
Ich frage mich, ob du das kannst.
Keinen Grund für Habgier oder Hunger,
Eine Bruderschaft der Menschen.

(John Lennon, Imagine)

Geschichten, die immer gut ausgehen, Teil 4

Das Thema wird mir immer wichtiger, das habt ihr in mir ausgelöst, und dafür danke ich allen, die hier sich beteiligt haben. Und das sind so hervorragende Kommentare, dass ich sie einfach mal eiter wieder gebe.

Krystan hat sich wieder zu Wort gemeldet und etwas, wie ich finde, sehr Gutes geschrieben: (Gesendet am 20.11.2013 um 22:53)

Ich wage mich mal aus dem Fenster. Gute Literatur schafft es, den Leser innerlich zu erreichen, wobei damit auch schon wieder die Subjektivität offenkundig wird. Denn jedes Werk hat immer auch nur einen gewissen Personenkreis. Reich wird man, wenn dieser Personenkreis in die Millionen geht. Ruhm erlangt man, wenn man die Eliten, Studenten, etc., anspricht. Bewegt Literatur wirklich etwas? Wer weiß. Ein gutes Buch kann in meinen Augen ein Katalysator sein, nicht mehr, nicht weniger. Wenn der Grundstock in einem vorhanden ist, hilft ein Buch vielleicht, sich in Bewegung zu setzen. Wohin die Reise geht? Das weiß am Ende vermutlich nur die Zukunft.

An der Stelle finde ich es übrigens wichtig, dass unterhalten und verstören nicht als Gegensatz gesehen werden. Denn was der eine als Unterhaltung sieht, ist für einen anderen verstörend. Und jemand, der keinen Zugang dazu hat, wird es langweilig finden. Es ist eben sehr subjektiv. Entscheidend ist einfach die Größe des Kreises.

Dazu von mir als Ergänzung: Gute Literatur erreicht den Leser innerlich und holt ihn auch da ab, wo er gerade steht. Das ist ein unumstößliches Statement. Ruhm erlangt man aber auch, wenn man schlicht und ergreifend die Gesellschaft als Ganzes anspricht, und zwar genau dann, wenn es genügend Elemente in der Gesellschaft gibt, die ähnliche oder gleiche Gedanken hegen, sie aber nicht auszusprechen wagen. Dann wirkt die Literatur wie ein Katalysator, er setzt immer mehr Menschen vereinigt in Bewegung. Ein Buch besteht aus Gedanken, und Gedanken haben die Kraft, die Welt zu verändern, eben genau so. Ich erinnere noch einmal an die ungeheure Kraft der Gedanken in der Zeit der Aufklärung. Wasser ist inkompressibel, Schnee ist es, und Gedanken können das auch sein. Deswegen habe ich Ehrfurcht vor dem geschriebenen Wort. Und eine Verstörung des Lesers ist insbesondere meiner Meinung nach auch eine gute Unterhaltung, wenn sie nicht über das Ziel hinaus schießt und Ablehnung erzeugt. Verstörung kann ebenfalls wie ein Katalysator wirken, denke ich. 🙂

Und Nadja schrieb (Gesendet am 21.11.2013 um 21:37)

Ich würde gar nicht mal sagen, dass man als Autor festgelegt sein muss auf ein bestimmtes Genre. Durch die Nutzung verschiedener Pseudonyme hat man als Autor durchaus die Möglichkeit sich in verschiedenen Genres auszuprobieren. Man müsste dann halt im neuen Genre nochmal als „niemand“ anfangen, klar.

Ich habe am Wochenende einen sehr aufschlussreichen Workshop von Christiane Lind besucht, einer eher wenig bekannten Autorin, die zum Beispiel historische Romane, Katzengeschichten und einen Jugendroman bei großen Publikumsverlagen veröffentlicht hat. Bei ihrer Arbeit an dem Jugendroman wurde ihr vom Verlag ein neues Pseudonym angeraten (Laura Antoni).

Sie hat auch davon erzählt, wie schwierig es ist, die bereits geschriebenen Romane an den Mann bzw Verlag zu bringen. Im Prinzip lebt sie eher von Auftragsarbeiten. So kommt es vor, dass ein Verlag ihr Manuskript zwar ablehnt, aber an einer Zusammenarbeit mit ihr interessiert ist. Dann sagt der Verlag: Uns fehlt für nächstes Jahr noch ein historischer Roman in unserem Programm, und dann schreibt sie los. Und wenn sie Pech hat, entscheidet sich der Verlag dann doch gegen die Veröffentlichung bzw. verschiebt die Veröffentlichung auf unbestimmte Zeit.

Wenn man nicht gerade einen Bestseller nach dem anderen produziert, hat man es einfach sehr schwer und ist den Verlagen ziemlich ausgeliefert. Veranstaltungen wie Lesungen muss sie zB. von sich aus organisieren. Vom Geld brauchen wir gar nicht erst reden. Früher konnte man wohl davon leben, wenn man jedes Jahr zwei durchschnittliche Romane veröffentlicht hat. Heute reicht das nicht mehr. Alle wollen Bestseller. Irgendwie geht der Markt gerade voll den Bach runter…

Sie selber hat noch einen „Brotberuf“, mit dem sie quasi ihre Schriftstellerei finanziert.

Bei Verlagen scheint es auch nicht besser auszusehen. Wo es früher 10 festangestellte Lektoren gab, gibt es heute nur noch zwei und ein paar Freie (quasi Zeitarbeiter). Die können dann am Wochenende schön unbezahlte Überstunden machen und die Manuskripte durchgehen.

Finanziell haben sich wohl die Bücher mit den Katzengeschichten am meisten gelohnt. Süße kleine Kätzchen mag halt jeder. Ein bisschen heile Welt. Sie ist selber Katzenbesitzerin und schreibt die Geschichten auch gerne. Aber für den einen oder anderen wäre das vielleicht schon zu sehr Richtung „Ich verkaufe meine Seele/Ideale“. Das ist ja immer eine persönliche Entscheidung und Einstellungssache.

Ich denke, bei Liebesgeschichten wie bei erotischen Romanen auch, möchte ich doch auch als Leser in irgendeiner Form befriedigt werden und mit einem guten Gefühl rausgehen.

Krystans Idee von der Wirkung von Büchern als Katalysator finde ich gut und treffend. „Du bist, was du liest“, den Satz habe ich neulich irgendwo gelesen und vielleicht ist da was dran. Eine Frau zum Beispiel, die Bücher von emanzipierten Schriftstellerinnen liest, wird vermutlich nicht unemanzipiert sein.

Das ist ein sehr wichtiger Einwurf, aus mehreren Gründen, wie ich finde. Zum einen erzählt Nadja davon, wie schwer es heutzutage, bei diese Medienvielfalt, die uns überschüttet, ist, eine Geschichte an den Leser zu bringen. Das ist dann schon die nächste Stufe, Ruhm und die Verkörperung von Idealen, danach Erfolg, und danach Ringen um den Erfolg mit persönlichen Eingeständnissen. Diesen Workshop hätte ich übrigens unwahrscheinlich gerne besucht, liebe Nadja. Du schilderst wirklich gut nachvollziehbar, was man da alles an Klimmzügen machen muss, und wie man sich unter Umständen auch verbiegen muss. Hinzu kommt ja noch, dass das Internet viele Funktionen von Büchern ersetzt hat.

Vorgestern, glaube ich, war Stephen King, 400Mio verkaufte Bücher weltweit, zum ersten Mal in Deutschland. Er hat eine Lesung in Hamburg gehalten und war bei Lanz. Ich hab mich gefreut wie ein kleines Kind, denn ich hab bereits sein erstes Buch, Carrie, gelesen und bin mit ihm aufgewachsen. Sein Lieblingsbuch ist auch meines: Es. Er fand es übrigens im Deutschen viel schöner auszusprechen, statt nur kurz IT konnte er  ESSSSSS sagen, wer das Buch kennt, weiß, warum… Stephen King sagt von sich, er habe so viel Phantasie, das das so wäre, als hätte man einen kleinen Jungen in einen Rennwagen gesetzt. Er ist ein sehr privater Mensch, das wusste ich auch vorher schon von ihm. Er leibt schnelle Autos und Deutschland, weil man da so richtig Gummi geben kann… Was ich nicht wusste, war, dass er ein richtig harter Alkoholiker war, dass daran seine Ehe und sein ganzes Leben fast zerbrochen wäre. Er hat seine Sucht besiegt, aber er sagt auch: Ein Glas, und ich bin wieder drauf. Das hat mich betroffen gemacht, einer, der so ein gewaltiges Kopfkino hat, hat scheinbar auch erst eine Möglichkeit suchen müssen, damit klar zu kommen. In seinem 40. Lebensjahr ist er von einem betrunkenen Autofahrer auf dem Bürgersteig erfasst und fünf Meter durch die Luft geschleudert worden. Sein erster Gedanke: Das überlebst du nicht. Und sein zweiter: Und wenn doch, dann gibt es gleich jede Menge schöner Drogen…Stephen King hat phantastische Bücher geschrieben. Sein Erfolgsrezept: Er führt konsequent fort, was er sieht, und er versetzt sich in seinen Gegenüber. Empathie. Was wäre, wenn sein Gegenüber im Bus, der an ihm vorbei fährt, sieht, wie ein unauffällig wirkender Mann (King selber) gerade ein Messer erhebt, um auf eine Frau einzustechen… und schon ist eine neue Geschichte geboren. In Hamburg muss er wohl gesagt haben: Jetzt seid ihr mir zu viele. Aber wartet ab, nachher knöpfe ich mir jeden von euch einzeln vor…. Empathie. Und er meinte ganz trocken: Ich gehe gerne in die Hölle, so lange es eine gute Leihbibliothek dort gibt. Ein Satz, bei dem mir mein Herz aufgeht. Der könnte von mir kommen.

Warum erzähle ich an dieser Stelle von ihm? Zum einen, ihm gehört ein Denkmal gesetzt, finde ich. Ein Mann, der von sich selber sagt, er liefert nur gute Handwerksarbeit ab, keine gehobene Literatur, und dann 400 Mio Bücher damit verkauft… ohne Worte. Er hat eine unfassbare Phantasie, das weiß ich. Und seine Geschichten gehen IMMER gut aus, und es hat sich niemand deswegen beklagt. Warum? Er schreibt Horror, und da ist es beim Lesen fast natürlich, dass das Gute siegt. Dieses Gefühl gibt er mir, und ich finde das echt beruhigend. Er macht meine Welt ein wenig sicherer, und mit dieser versteckten Botschaft erreicht er Millionen von Menschen, wenn nicht Milliarden. Das ist mal ein Wort, ein Mann, der nicht predigt, aber so eine Aussage überzeugend um den Erdball schickt, und das aus einer eigenen, tiefen inneren Überzeugung trotz seines in vielen Bereichen schweren Lebens. So einem wie ihm glaubt man das einfach. Das ist Ruhm und Idealismus, und auch kommerzieller Erfolg, und er muss sich nicht dafür verbiegen…

Kätzchengeschichten sind schon wieder eher eine Nische. Aber erotische Romane sind das eigentlich nicht. Hier in Deutschland ja wohl eher doch, aber da empfinde ich es als Herausforderung, den erotischen Roman aus seinem Nischendasein heraus zu holen. Weil die Erotik eben das ganze Leben bestimmt, und die Beschäftigung mit so etwas darf einfach in meinen Augen keine Nische sein. Helden in erotischen Romanen können sich verändern, lernen, sie können anderen ein Beispiel sein. Erotische Romane können echte, tiefe Gefühle von falschen Bezeichnungen trennen. Erotische Romane können vielleicht Gruppierungen aufbrechen. Gewalt und Erotik können zur Liebe finden. Erotische Geschichten können unerwartete Wendungen nehmen. Und wenn man das Ende schon auf der ersten Seite liest, dann wird die Geschichte langweilig, aber wenn im Verlauf die Frage aufgeworfen wird: Wird er sie retten oder heilen können? und dann: Wird er sich selber heilen können? und zum Schluss: Kann die Geschichte noch gut ausgehen, wenn er das schafft? oder muss das Ende dann tragisch ein? Dann wird auch ein schlechtes Ende interessant, gell?

Ich danke euch von Herzen für eure Kommentare, seid bitte so lieb und macht weiter so! Ihr arbeitet mehr mit an einer längeren Geschichte, als ihr euch das jetzt gerade so denkt, und dafür danke ich euch!

Liebe Grüße, euer Matt

Geschichten, die immer gut ausgehen, Teil 3

(Überarbeitet mit einem weiteren Beitrag von she dazu am 23.11.2013)

Dieses Thema ist eben keinesfalls trivial oder unwichtig…

Nadja hat dazu geschrieben:

Also, die Frage nach „guter“ Literatur ist ja immer sehr subjektiv. Man unterscheidet da ja auch nach Unterhaltungsliteratur und „ernsthafter“ bzw. gehobener Literatur. Der geneigte Literaturprofessor mag die E-Literatur wohl für das höchste aller Gefühle halten, aber der durchschnittliche Leser möchte im Grunde doch nur unterhalten werden, anstatt alle zwei Minuten zu überlegen, was der Autor wohl damit sagen wollte. Und natürlich ist diese Unterscheidung auch künstlich und es gibt Überschneidungen.
Für mich muss gute Literatur einfach spannend sein, in welcher Form auch immer.

Ich habe mich auch schon immer für Horror interessiert und kann bestätigen, dass das schlimmste, was ich in meinem Leben jemals gesehen habe, auf einer DVD in einem Chirurgielehrbuch zu sehen war. :-D

Ich denke, man muss auch klar unterscheiden, was man vorhat mit seinen Geschichten. Schreibt man nur für sich oder möchte man sie publizieren und damit vielleicht sogar richtig Geld verdienen?
Im zweiten Fall wäre die Frage, ob der Leser es verzeiht, wenn die Geschichten (zu oft) schlecht ausgehen. Es sollte vielleicht wenigstens noch ein bisschen Hoffnung geben durch ein abgemildertes Ende, damit er wenigstens noch ein bisschen aufgefangen wird.
Ich will mal versuchen eine erotische Geschichte mit einer Liebesgeschichte zu vergleichen (oje, wenn das mal gut geht… ;-) ). Bei der Liebesgeschichte geht es doch im Endeffekt auch ebenso wie bei der erotischen Geschichte darum, bestimmte Emotionen beim Leser zu wecken. Es geht um Liebe, es geht um Lust. Und was danach passiert, ob Mr. Right zwei Monate später schon die Nachbarstochter vögelt und immer vergisst, den Müll rauszubringen, will man doch genauso wenig wissen, wie die persönlichen Gefühle einer vergewaltigten Frau in einem erotischen Roman. Das passt einfach nicht ins Genre.

Sebastian Fitzek hätte mit Sicherheit nicht „scheiße“ gesagt, der Teil kommt von mir und jedes andere Wort hätte zu beschönigend auf mich gewirkt ;-)

Und ein Zitat von she von Jane Austin höchstpersönlich 🙂 :

” Dein Lob für meinen letzten Brief hat mir sehr geschmeichelt, denn ich schreibe nur des Ruhmes und nicht des Geldes wegen.”

J.A. an Cassandra, 16. Januar 1796

P.S.vom 23.11.2013:

Von she, gesendet am 20.11.2013 um 18:56

Vielleicht verwechsle ich ja Ruhm mit Idealen. Anthony Burgess! ……. Der Fuerst der Phantome, Uhrwerk Orange sind Werke die viele Menschen nachhaltig beeindruckt und inspiriert haben. Sex und Gewalt in dieser Form dargestellt, habe ich eher selten gelesen. Spannend, schockierend und realistisch geschrieben. Dieser Mann hat in meinen Augen Ruhm erreicht. Ob er dadurch reich geworden ist? An Bewunderern auf jeden Fall.

Tja, Geschichten, die nicht gut ausgehen, haben ihren ganz besonderen Reiz, finde ich.

Zwei Punkt waren noch nicht angesprochen, und die stehen hier oben :).

Zum einen Schreiben für den Ruhm, und ich setzte wie she das Schreiben für den Ruhm jetzt mal mit dem Schreiben für die eigenen Ideale gleich. Vielen Dank, liebe she, das muss natürlich dazu gesagt werden, man kann mit vielen Motivationen Ruhm erlangen wollen… Ich denke, zur Zeit von Jane hat das noch bedeutet, eine gesellschaftlich relevante Wirkung mit seinen Geschichten zu erzielen, Ruhm, Ideale, bei ihr gesellschaftlicher Art.

Jetzt steht es eher synonym für materiellen Erfolg. Jemand, der eine bestimmte Vision hat und damit eine Wirkung erzielen will, dem geht es darum, dass möglichst viele Mitglieder der Gesellschaft seine Geschichten lesen können, egal, ob über selbst gedruckte Flugblätter oder gedruckte, verkaufbare Bücher. Man denke an die Macht des Wortes in der Zeit der Aufklärung. Heute hat sich das doch mehr zu wirtschaftlichem Erfolg hin entwickelt, und da ist es eben so, dass man ein wenig seine Seele verkauft, wenn man bekannt wird, denn dann fordern die Leser immer den gleichen Stoff. Es gibt ja haufenweise Autoren, die in ihrer Sturm- und Drangzeit alles Mögliche ausprobiert haben, und man ist dann hinterher erstaunt, wenn man hört, was alles, hätte man demjenigen nie zugetraut. Also Erfolg ist ein zweischneidiges Schwert….

Und man muss eben auch einmal sagen, dass die Liebe und Erotik im Lebensmittelpunkt eines jeden Menschen stehen. Das ist ganz anders als bei fast jedem anderen Genre, und ich denke, da legt man deswegen auch unwillkürlich ganz andere Maßstäbe an, was schlecht ausgehende Geschichten angeht.

Ich gebe mal ein Beispiel, wo ich in Harnisch geraten bin. Die Geschichte wurde folgendermaßen erzählt. Eine junge Frau geht hübsch gemacht in eine Disco, wird dort von einem Mann angesprochen. Sie findet ihn nett, aber etwas aufdringlich, und als es ihr zu viel wird, will sie sich ein Taxi rufen. Sie ist nicht betrunken und auch mit einer Freundin da. Der Mann bietet ihr an, das für sie zu tun. Er ist freundlich und höflich, nur eben etwas aufdringlich dabei, wie gesagt. Sie nimmt das an, und als das Taxi da ist, geht sie mit ihm in die Dunkelheit. Wird niedergeschlagen, wacht in seiner Wohnung auf, wird sexuell gefoltert und gebrochen, der Baseballschläger lehnt in der Ecke. Ihr Leben nimmt eine völlig andere Wendung, zum Schlechten hin, sie gerät in die Zwangsprostitution im Ausland, wird verschleppt, ihre Papiere sind weg, nach Jahren dann kann sie die Situation für sich bessern. Das ist für mich ein realistisches schlechtes Ende. Und ich bin fast die Wand hochgegangen, als der Tenor dann war, sie hatte ja selber Schuld in der Disco….

So lange man so schreiben kann, wie man möchte, kann man sich ja so etwas wie ein schlechtes Ende vor nehmen. Wenn es betroffen macht, zum Nachdenken anregt, weil man daraus lernen kann, was hätte geschehen müssen, damit… Dann kann das eine gute Sache sein, finde ich, und auch, wenn ich es selbst im Moment nicht gebacken bekomme, ganz sicher seid ihr davor nicht…

Liebe Grüße!

Geschichten, die immer gut ausgehen, Teil 2

Ooooops, da hab ich meine Gedanken noch gar nicht wieder richtig beisammen, da ist schon die erste Rückmeldung da! Vielen Dank, jetzt muss ich mal sehen, ob ich das überhaupt schon formuliert bekomme, was ich mir gestern beim Einschlafen noch dazu gedacht habe….

Also, die Analogie, die ich da zwischen Horror und Erotik gezogen habe, hinkt etwas. Horrorgeschichten lese und sehe ich gerne, weil ich eben weiß, dass die Realität die wirklich gruseligsten und blutrünstigsten Geschichten schreibt. 🙂 Erotikgeschichten lese und sehe ich aus demselben Grund eben nicht gerne mit einem wirklich realistischen Ende, ich werde nicht gerne daran erinnert, was da in der Realität so alles wirklich passiert, mir ist da mein eigener Kontext lieber, in dem ich mir sicher sein kann, dass alles einen Sinn hat, auch, wenn ich mit der in der letzten Geschichte aufgegriffenen Thematik durchaus das Risiko eingehe, dass mancher Leser, der vielleicht auch selber betroffen ist, gar nicht gerne lesen wird, wie ich diese Thematik verarbeite. Das ist mir sehr bewusst, und ich möchte damit auch niemandem zu nahe treten. Ich würde an dieser Stelle in einem solchen Falle übrigens Vorsicht empfehlen und vielleicht auch, dass der betreffende Leser die Geschichte nicht weiter liest! Und Grundsatzdiskussionen über dieses Thema werde ich hier nicht unterstützen, es ist völlig klar, dass eine Vergewaltigung eine sehr ernste Sache ist. Jeder, der das hier posten möchte, möge das doch bitte an einem geeigneteren Ort tun, für Eigenprojektionen und Selbstdarstellungen biete ich hier nicht wirklich das geeignete Forum, so wichtig solche Statements auch sind, aber hier geht es um Geschichten und eben nicht um die Realität völlig außerhalb meiner Geschichte (was immer das jetzt auch genau heißen mag! 🙂 ). Ich betone es noch einmal, hier geht es nur nur um Geschichten und die konstruktive Auseinandersetzung mit ihnen, und das sehr gerne besonders dann, wenn das Thema an sich schon kontrovers diskutiert wird und Sprengstoff bietet! Aber das war jetzt nur als Einschub gedacht.

Ich habe aber überhaupt keine Lust dazu, selber Horrorgeschichten zu schreiben, auch keine mit einem bösen Ende, obwohl mir das da leicht fallen würde. Tatsächlich hab ich, seitdem ich mit dem Schreiben angefangen habe, auch noch keine geschrieben, wie ich festgestellt habe, und das, obwohl mich Horror mein ganzes Leben lang schon begleitet. Eine ernsthafte Horrorgeschichte würde ich im Moment als langweilig empfinden, und wenn ich dann eine erotische Komponente hineinbringen würde, dann wäre sie für mich zwar nicht mehr langweilig, aber eben auch keine Horrorgeschichte mehr! 🙂 Erotikgeschichten sind Geschichten, mit denen ich mich ernsthaft auseinander setze, und das Ergebnis ist für mich in diesem Kontext bisher, dass ich mich gegen einen realitätsnahen bösen Ausgang sperre, obwohl ich die beiden Aussagen mit derselben Ruhe betrachte: Es gibt keine schlimmeren Horrorgeschichten als die, die das Leben schreibt, und es gibt auch keine schlimmeren Sexgeschichten als die, die das Leben schreibt.

Und da tritt bereits der nächste Punkt zu Tage: Ist eine Erotikgeschichte überhaupt für ein schlechtes Ende gedacht? Ist es so, dass Erotik die Lust im positiven Sinne meint und damit kein schlechtes Ende? Oder ist ein schlechtes Ende dann als ein gutes für den Autor zu verstehen? (Au, das führt auf Glatteis…) Gibt es da einen grundsätzlichen Unterschied zu einer Sexgeschichte oder gar einer Pornogeschichte, in der das Ende böse sein kann und auch oft mal ist? Ich lasse das hier mal als Frage offen stehen, ich bin mir da im Moment wirklich nicht sicher.

Jetzt zitiere ich mal zwei gegensätzliche Aussagen zweier Autoren. Sebastian Fitzek hat geschrieben, er müsse seine Thriller immer gut ausgehen lassen, das sei er seinen Lesern schuldig, Das Leben ist ja auch manchmal schon scheiße genug. (Ob er das jetzt wirklich genau so geschrieben hat, liebe Nadja, weiß ich nicht, tut aber auch nicht wirklich etwas zur Sache im Moment.) Stephen King hat sich übrigens auch so geäußert. Krystan schreibt, eine Geschichte sollte in erster Linie auch dem Autor gefallen.

Hmmm. Ich möchte mal fast wetten, da könnte man jetzt eine riesige Diskussion vom Zaun brechen unter Autoren. Welche Zielsetzung ist die Wichtigere, meine oder die des Lesers? Meine, weil ich die Geschichte schreibe, oder die des Lesers, weil er sie eventuell so durchlebt hat und einschlägig davon berichten kann? Bin ich als Autor gezwungen dazu, eine Geschichte gut enden zu lassen? Oder, anders herum, habe ich als Autor das Recht, dem Leser eine eventuell sehr schmerzhafte Wahrheit vor Augen zu führen? Eine, die ihn vielleicht in einen schweren Flashback treibt?

Okay, wenn ich das so provokativ formuliere, würde ich sagen, dass ich als Autor, wenn ich so eine Geschichte schreibe, eine Warnung vorweg setzen muss (was ich oben damit im Übrigen ja auch getan habe). Dann schließt meine Geschichte einen bestimmten Leserkreis aus. Und das ist gerade eine Sache, die Jane Austin ganz sicher kritisch anmerken würde. Ihre Geschichten waren für die Frauen der damaligen Zeit geschrieben, und zwar für alle, und das war ihr äußerst wichtig. Die Probleme der Frauen waren damals ebenso vielfältig wie heute, vielleicht noch größer, und Jane hat ihre Geschichten ganz sicher im vorrangigen Sinne für ihre Leserinnen geschrieben. Auch wenn man an der Tatsache nicht vorbei kommt, dass sie sich selbst ein solches Ende auch für ihre eigene Lebensgeschichte gewünscht hätte, Jane Austins Motor für ihre Geschichten war ihre persönliche kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, und heraus gekommen sind Geschichten für die (gehobenen) Frauen der Gesellschaft. Und diese Geschichten waren dann auch ein wirklicher Sprengstoff in der damaligen Gesellschaft und damit konstruktiv in ihrer Wirkung.

Hmmm. Soll das jetzt heißen, Literatur ist dem Zeitgeist unterworfen? Die Aussage schmeckt mir nicht. Wie sieht es bei mir im Moment aus? Ich habe persönlich primär für mich persönlich geschrieben, diese Geschichten waren erst nicht für eine Veröffentlichung gedacht. Deswegen hab ich sie ganz unverholen auch für mich geschrieben. Und ich habe schon häufiger Toleranz gefordert beim Lesen einer Geschichte. Dennoch, ich kann diese Frage für mich im Moment nicht endgültig beantworten, ich muss das offen stehen lassen. Mir ist die Meinung meiner Leser tatsächlich ebenso viel wert wie meine eigene beim Schreiben. Das muss ich erst mal einfach so stehen lassen.

Nur eines müsste ich noch einmal betonen: Ich unterscheide zwischen einer Geschichte, die eine gemischt fiktiv/realitätsnahe Anlage hat und einer, die eine streng realitätsnahe hat, gewaltig. Bei der ersteren habe ich da persönlich viel weniger Probleme.

Liebe Grüße!

Geschichten, die immer gut ausgehen…

Vielen Dank für den letzten Kommentar von dir, liebe Nadja. Dazu würde ich gerne kurz etwas schreiben, zu Geschichten, die immer gut ausgehen. Egal, welches Genre, ob nun Thriller, historische Romane oder erotische Geschichten, zu dieser Frage muss man irgendwann für sich selber einmal Stellung beziehen, wenn man schreibt, und dann ist es auch ganz egal, ob man das nur für sich selber tut oder für andere. An dieser Frage kommt kein Autor vorbei :).

Da gibt es zwei berühmte Vorbilder, die mir da auf der Stelle einfallen, im Gegensatz zu Sebastian Fitzek beides Frauen :).

Die eine ist Rosamunde Pilcher, die mit ihren Romanen, die grundsätzlich gut ausgehen, die Welt erobert hat. Da hab ich mal einer interessanten Diskussion in einem Literaturforum beigewohnt, die sich darum drehte, wonach sich gute Literatur grundsätzlich bemisst. Die einen standen auf dem Standpunkt, dass eine Autorin, deren Romane derartige Rekordauflagen zu verzeichnen haben, gute Literatur schreiben muss, weil sich so viele Menschen in ihrem Geschmack nicht irren können :). Nun ja, die anderen sahen das genau anders herum, wie sich unschwer denken lässt.
Die andere ist Jane Austin, eine Vorreiterin der Frauenbewegung und auch eine Autorin, deren eher gesellschaftskritische Romane grundsätzlich immer gut ausgingen, die Heldin bekam am Ende ihren Ehemann, die Güter und ein sorgenfreies Leben. Ihre Romane sind, wenn man sich etwas mit ihrer Biografie befasst, weitaus ambitionierter, und gerade deswegen war es ihr wichtig, dass ihre Heldinnen eben kein tragisches Schicksal erlitten wie sie selber, sondern sich alle ihre Wünsche auch erfüllen konnten. Man kann sagen, bei Jane Austin war ein happy end in ihren Romanen eine Gesellschaftskritik, denn das Leben schrieb zu ihrer Zeit auch in den gehobenen Schichten ja ganz andere Geschichten. Frauen konnten sich zu dieser Zeit ihre Wünsche eben nicht selber erfüllen, sondern waren auf die Männer angewiesen, und oft weitaus subtiler, als man es so auf den ersten Blick hin sah, auf den ersten Blick führten diese Frauen ja ein privilegiertes Leben.
Ich denke, hinter beiden Autorinnen steht ein anderer Werdegang und damit auch eine andere Zielsetzung beim Schreiben, aber sie sind augenscheinlich zu dem gleichen Schluss gekommen und dafür weltweit bekannt geworden: Eine Geschichte sollte gut ausgehen, denn das wahre Leben ist ernst und sorgenvoll genug. Ich habe diese zwei Autorinnen quasi anführen müssen, denn ihre Vita steht wie kaum eine andere für die Bedeutung eines happy ends bei einer Geschichte.

Ich bin jemand, der sich sehr gerne mit Horror-Literatur beschäftigt und Horrorfilme sieht, und ich habe einen sehr einfachen Grund dafür. Ich habe immer gesagt, mich kann da wirklich nichts erschrecken, denn es ist nichts so erschreckend wie das Leben selber. Das müsst ihr mir jetzt einfach mal glauben, dass ich so viel gesehen habe, dass ich zu einer derartigen Schlussfolgerung auch in der Lage bin, aus welchem Grund auch immer. Und was den Horror-Bereich angeht, hat sich das bisher auch immer bestätigt. 🙂

Und wie es so kommt, musste ich bei eben diesem Kommentar feststellen, dass ich so etwas ähnliches auch von erotischer Literatur sagen würde, nur mit einem etwas anderen Tenor, und das nicht unbedingt aus eigener Erfahrung, sondern aus der schlichten Beobachtung, was sich so alles in der Welt zuträgt. Und in der Realität kommt es mir so vor. als ob die Geschichten, die das Leben so schreibt, eben in aller Regel ganz unspektakulär und gewohnt schlecht ausgehen. Gewalt gegen Frauen ist eine Sache, die so alt ist wie die Menschheit selber, würde ich mal meinen, und so alt wie die Eigenschaft des Menschen insgesamt, Aggressionen gegen seine Mitmenschen auszuleben, in welcher Form auch immer.

Wenn ich also Geschichten mit dieser Thematik schreibe, dann würde ein schlechtes Ende eher die Regel als die Ausnahme sein müssen, wenn ich mich an der Realität orientieren wollte. Und genau da liegt mein persönliches Problem, und ich weiß gar nicht genau, wie ich das formulieren soll. Ich habe wohl grundsätzlich ein eher gutes Bild vom Menschen und seiner Wertigkeit, ich habe mich auch lange selber für das Wohl von Menschen eingesetzt, und ich lebe in meinen Geschichten immer mit, auf welcher Seite das auch sein mag. Und deswegen kann ich mich in einer hirnlosen und unsinnigen Zerstörung oder Verletzung von Menschen einfach nicht wieder finden, und ich habe es bisher auch nicht über mich gebracht, eine meiner Geschichten wirklich so enden zu lassen. Ich ziehe innerlich den Hut, wenn ich eine Geschichte lese, die ein realitätsnahes schlechtes Ende beschreibt und dabei gelungen ist, die nachdenklich und betroffen macht, bestenfalls wohlgemerkt. Ich denke, das ist eine hervorragende Leistung, denn man muss den Leser dann so in sein Boot holen können, dass er auch bis zum Ende der Bootsfahrt an Bord bleibt und nicht aus Verzweiflung, Ernüchterung, Empörung oder schlicht Langeweile von Bord springt. Und er sollte am Ende der Bootsfahrt dann auch noch an Land steigen und sich bereichert fühlen, ein klein wenig mehr verstanden haben, wie sich die Welt so dreht. Das ist meiner Meinung nach alles andere als trivial oder leicht hin zu bekommen. Wie soll ich es meinem Leser klar machen, wenn ich es selber gar nicht wissen will? Ich mag nicht belehren oder dozieren in meinen Geschichten, ich möchte eigentlich nur gut unterhalten, und ich bin auch so egoistisch, dass ich dazu sage, ich möchte auch mich selber beim Schreiben gut unterhalten.

Es könnte aber schon gut sein, dass ich mich irgendwann auch an Geschichten mit einem ernsthaft schlechten Ende versuchen werde, eben um dieser Herausforderung willen und weil das Leben ja nun wirklich beileibe kein Rosengarten ist, wie wir wahrscheinlich alle wissen. Wenn es mich überkommen sollte, euch so etwas in einer Geschichte klar machen zu wollen, dann werde ich auch so frei sein und an dieses nachdenkliche Statement zu diesem Thema hier zurück verweisen. Denn dann hätte ich nämlich eine weitere persönliche Entwicklung durchgemacht. Welche das dann wäre, das könnte ich euch aber jetzt nicht sagen, da hab ich momentan keine Ahnung, das müsste ich dann zu dieser Geschichte dazu schreiben, und da wäre ich dann auch selber mal gespannt auf mein zukünftiges Statement dazu :).

In diesem Sinne, liebe Grüße an alle!

Zufällige Begegnung (Julia), Teil 1

Es war alles an diesem Tag reiner Zufall, wenn man denn an Zufälle glaubte. Matt hatte seinen schwarzen Mercedes zwei Straßen weiter abgestellt und befand sich auf raschem Weg zu einer seiner devot ihm zugehörigen Frauen. Die Ärztin kannte er schon eine ganze Weile und besuchte sie regelmäßig oder bestellte sie seinerseits an ihm genehme Orte, auch in die Waldhütte hatte er sie schon kommen lassen. Er wusste, die hart arbeitende Frau liebte ihn, man konnte getrost sagen, sie war ihm im Spiel um Macht, Dominanz und Ergebung verfallen. Er hatte ihr befohlen, alles zu besorgen und bereitzuhalten, was er für sie benötigen würde, er hatte also selber nichts als seine Schlinge dabei, die er immer bei sich trug. Er ging nicht leichtfertig mit den Gefühlen der Frauen um, die er in seiner weiteren Peripherie hatte, auch Charlene besuchte er regelmäßig, er wusste, sie würde sonst wirklich leiden. Er hatte seine Frauen gezähmt und an sich gewöhnt, nun war er auch für sie verantwortlich, und dieser Verantwortung stellte er sich gerne. Er war nicht verheiratet, er fühlte sich frei und damit mächtig, denn er war es nicht nur geschäftlich, sondern damit auch privat. Keine Frau auf diesem Planeten hatte Macht über ihn, aber das hieß nicht, dass er für diese Frauen nicht eine starke Zuneigung hegte, die manchmal sogar er als Liebe bezeichnete. Die Frauen wiederum hatten ihre Selbstkontrolle an ihn abgegeben, zwei bisher völlig und ein paar wenige weitere in Teilbereichen, sie hatten sich ihm in Liebe ergeben, ein Gefühl, dass noch wesentlich stärker werden konnte als in einer normalen Liebesbeziehung, das war Matt klar, und das war auch sein Ziel bei manchen Frauen. Er konnte es in ihren Augen lesen, manchmal bettelten sie ihn um Schläge geradezu an, auch wenn sie sich gegen ihn heftig wehrten. Die Psychologie der menschlichen Lust war komplex, ein ausgewogenes Maß an sadistischem Zwang und liebevollem Umgang war für manche der Frauen ein einzigartiges Erlebnis. Matt wusste nicht, wie er das bezeichnen sollte, auch vor sich selber nicht. Aber dann war es, als würde er nicht nur in seinem Bewusstsein, sondern auch in dem der Frau weilen und genau fühlen können, was sie wirklich brauchte, wonach sie sich wirklich sehnte unter all den Schichten der gesellschaftlichen Anpassung und Erziehung. Wenn er selber eine devote Seite in sich besaß, dann war sie so gering ausgeprägt, dass er sie nicht als solche wahrnehmen konnte, und er stieß seinerseits auch in aller Regel auf Frauen, die sehr devot veranlagt waren, die er in dieser Hinsicht nur noch befreien musste. Aber er besaß auch eine sehr liebevolle Seite, er konnte seine Frauen wirklich gut auffangen nach einer Sitzung mit ihm. Vielleicht war das das Devote in ihm selbst, das wusste er nicht. Manche Frauen hatte er nur für einige Monate, dann führten ihre Lebenswege wieder auseinander. Manche Frauen führte er als sein Eigen für Jahre, Jahre, in denen sie noch nicht einmal seinen wahren Namen kannten. Er wusste nicht, wie er das bezeichnen sollte, aber bei manchen Frauen handelte er, als wären er und sie ein gemeinsames Bewusstsein, dann konnte er auch erfühlen, wie sehr die Frau noch wirklich an ihm hing. Er mochte diese ihm eigene Fähigkeit nicht einfach benennen als Empathie, er beließ es lieber bei dieser selbst für ihn vagen Umschreibung.

Matt wechselte in Gedanken versunken mit raschen, weit ausgreifenden Schritten die schmale Wohnstraße in Düsseldorfs vornehmer Stadtwohngegend direkt am Rhein, in Oberkassel. Mit leicht vorgebeugten Schultern und gesenktem Gesicht wirkte er, als würde er sich gegen einen Sturm stellen, aber er war nur in seine eigenen Gedanken und Reflexionen versunken. Er hatte ein gutes Geschäft abgeschlossen, im Finanzbereich war er geschickt und risikobereit, ein Raubfisch ganz sicher. Er wusste, sein Testosteron versetzte ihn in die Bereitschaft, ein Risiko über alle Vernunft hinweg anzunehmen. Gerade im Finanzwesen, das nach wie vor von Männern dominiert wurde, war Testosteron eine überaus wichtige Triebfeder, und das männliche Sexualhormon war dafür im Bewusstsein der Gesellschaft noch nicht einmal so bekannt. Ein Erfolg einer Aktie motivierte die Börsianer, es dem Glücklichen gleich zu tun und es mit dieser Aktie ebenfalls zu versuchen. Diese Risikobereitschaft bei der einzelnen Transaktion war die Auswirkung des Testosterons, diese Aktie stieg und stieg, sie weckte die Begehrlichkeiten der beteiligten Börsianer wie eine schöne Frau. Die Männer in Anzug und Krawatte, die so kühl geschäftsmäßig wirkten, verhielten sich in Wahrheit nach demselben Beuteschema, mit dem sie eine schöne Frau ansahen. Oft ersetzte der risikoreiche Handel mit dem An- und Verkauf von Aktien sogar den entsprechenden Umgang dieser Männer mit den von ihnen begehrten Frauen, den sie sich vielleicht nur erträumen konnten. Oft waren diese Männer in der Wirklichkeit nicht in der Lage, sich eine begehrenswerte Frau auch zu greifen. Die gesellschaftliche Normierung, private Kompromisse und Verpflichtungen und sehr häufig auch einfach mangelnder Mut oder grundsätzlicher, tief sitzender Zweifel an der eigenen Manneskraft, das alles waren Gründe für so ein Verhalten der Überzahl der Männer auf diesem Parkett. Das tiefsitzende Schönheitsideal, das fest im kollektiven Empfinden der Gesellschaft verankert war, tat sein Übriges. Matt kannte viele der Börsianer persönlich, er wusste das aus eigener Anschauung. Der Handel mit Aktien ersetzte ihnen den Fick mit einer begehrenswerten Frau. Fand so etwas in großem Stil statt, dann nannte man das eine Blase, der Wert der Aktie auf dem Börsenparkett überstieg dann manchmal weit ihren realen Wert. Untersuchungen nach dem Börsencrash 2008 hatten genau diesen Mechanismus frei gelegt, und daraus hatte auch Matt gelernt. Er musste lächeln. Frauen besaßen wenig Testosteron, das war manchmal ihre Stärke und manchmal auch ihre Schwäche.

Matt besaß unter anderem auch einen Börsenschein, er war also berechtigt, direkt an der Frankfurter Aktienbörse zu spekulieren. Er hatte von einem seiner Geschäftspartner einen Wink bekommen und gehandelt, mit Erfolg. Der Erfolg, so sinnierte er, bestand darin, diesen eigentlich fiktiven Wert einer Aktie zu mehren und ihn in klingende Münze umzuwandeln, bevor die Aktie abstürzen konnte. Das war ihm wieder einmal gelungen, aber das war bei weitem nicht immer so. Matt empfand sich als nicht den Regeln der Gesellschaft unterworfen, auch in diesem Bereich bedeutete das für ihn eine gewisse Überlegenheit. Er handelte gewiss risikobereit, aber er musste seine Triebe nicht unterdrücken. Das befähigte ihn dazu, auch im hitzigsten Handel auf dem Börsenparkett einen kühlen Kopf zu bewahren. Seine Fähigkeit, komplexe logische und nichtlineare Muster zu erkennen, tat ihr Übriges, genauso wie seine blitzschnelle Auffassungsgabe dabei. Er hatte die Aktien rechtzeitig abstoßen können heute Vormittag, er roch es quasi, sie würden heute Nachmittag schon fallen. Dieser Handel bedeutete auch für einen wie ihn den Erwerb von Geld in einem Maße, wie er dafür vielleicht einen Monat harter Arbeit hätte ansetzen müssen. Er war also bester Laune und hatte beschlossen, sich nach Düsseldorf zu begeben und seiner Chilly einen Besuch abzustatten.

Matt musste unvermutet einer alten Dame mit Hündchen an der Leine ausweichen und sah stirnrunzelnd auf. Er stand noch immer unter Strom, der erfolgreich abgeschlossene Handel versetzte ihn quasi in einen Testosteronrausch. Er hätte die alte Dame fast überrannt.

Dabei fiel ihm etwas weiter vor ihm eine junge Frau auf. Sie sprang gerade elastisch von ihrem Fahrrad ab und führte es geschickt bis an die Eingangstür in eines der alten, stuckverzierten Reihenhäuser aus der Barockzeit. Ihre geschmeidigen Schritte und der Sprung hatten ihren sehr kurzen Rock leicht verschoben, Matts Augen fanden ruckartig ins Hier und Jetzt zurück. Sie setzte ihre schlanken, ansehnlichen Beine so mit einer unabsichtlich wirkenden, natürlichen Grazie in Szene, sie warf die langen, schwarzen Haare energisch zurück, ihren ganzen schlanken Körper erfüllte eine gespannte, fröhliche Energie. Matt sah ihr lächelnd hinterher. Sie war alles in allem einfach interessant, leuchtend, eine junge, lebensfrohe Persönlichkeit strahlte aus ihren dunklen Augen, er brauchte das Lächeln auf ihren Lippen nicht zu sehen, ihr ganzer Körper strahlte diese unverbrauchte Frische aus.

Sie verschwand in dem Gebäude, und die schwere Holztür hatte sich noch nicht ganz wieder geschlossen, da hielt ein Mann sie fest. Ein unauffällig in schwarz gekleideter Mann, der genauso schnell, wie er in Matts Gesichtsfeld aufgetaucht war, auch schon fast verstohlen wirkend ebenfalls im Haus verschwand. Matts Sinne registrierten diese Handlung blitzschnell, er wusste es sofort und sicher, da stimmte etwas nicht. Und seine Reaktion war ebenso unvermittelt und sicher, er handelte rein aus dem Bauch heraus, intuitiv, er spürte die Gefahr förmlich dräunend um sich selbst herum. Vielleicht hatte die junge Frau ihn mit ihrem natürlichen Charme bezaubert, vielleicht war es ein Schutzreflex, wie er ihn gehabt hätte, wenn er ein Rehkitz im hohen Gras versteckt gefunden hätte. Später wusste er das selber nicht mehr, aber er handelte sofort.

Matt war nur wenige Sekunden später an dem Haus angelangt. Normalerweise steckte er seine Nase nicht in fremde Angelegenheiten, aber irgendetwas ließ ihn hier und jetzt anders handeln. Er besah sich kurz und scharf das Schloss der Haustür und fand, dass es ein altmodisches Türschloss war. Dabei angelte er schon in seiner Manteltasche nach seinem Schlüssel, an dem er einen kleinen Dietrich hängen hatte. Er brauchte ein paar Minuten konzentrierter und unauffälliger Arbeit, dann sprang die Zarge zurück und die Tür war offen. Er schlüpfte rasch in die Dunkelheit des Treppenhauses.

Noch während er die schwere Tür leise hinter sich zu fallen ließ, hörte er Geräusche aus dem ersten Stock. Leises Schreien, schwere Schritte, dann ein Poltern. Eine Tür fiel zu. Diese Geräuschkulisse genügte seinen angespannten Sinnen, er sah förmlich vor sich, was da passierte, wenn es auch in schwarz-weißen Bildern vor seinem inneren Auge vorbei raste. Blitzschnell spurtete er die Treppe übers Eck nach oben und verhielt vor der jetzt gerade geschlossenen Eingangstür in eine Wohnung. Er neigte sein Ohr gegen die Tür, und was er hörte, war eindeutig, eindeutiger konnte es nicht mehr werden. Ein Fahrrad fiel klappernd auf einen Holzboden und rutschte ein ganzes Stück. Eine Frau schrie auf, eine helle, junge Frauenstimme, er hörte die schweren Schritte eines anderen, eindeutig eines Mannes. Er hörte, wie er die Frau anfuhr, wie er sie hochzureißen schien, ihren Schreien nach an ihren Haaren. Er schleifte sie über den Boden und warf sie auf etwas Nachgiebiges, ein Bett oder ein Sofa. Matt hatte die Situation vor seinem inneren Auge, als wäre er in der Wohnung, immer noch in schwarz-weiß, als wäre seine Phantasie eine Kamera mit einem entsprechend eingelegten Filmmaterial. Während er seinen Dietrich erneut einsetzte, hörte er das gepeinigte Schluchzen der Frau, jetzt an derselben Stelle bleibend, ihr leises Zappeln durch die Tür. Er hörte, wie ihr ihre Kleidung mit einem lauten Knirschen vom Leib gerissen wurde. Sie schrie auf, oder zumindest versuchte sie es, denn dann war ihr Schreien nur noch sehr gedämpft zu hören, der Mann musste sie sofort geknebelt haben. Dann wurde ihr Schreien lauter durch den Knebel, panischer, und sie schrie einmal so gepeinigt auf, dass es Matt kalt überlief, der Mann tat dieser jungen Frau gerade eine entsetzliche Gewalt an, und in diesem Moment sprang vor Matt die Tür mit einem leisen Klicken auf.

Er öffnete die Tür und konnte sofort die Lage übersehen. Die Frau war grob und hastig mit ausgebreiteten Armen an ihrem Bett fixiert worden, auf das er durch einen Wohnraum mit dem umgeworfenen Fahrrad und eine geöffnete Tür hindurch in einem Schlafzimmer sehen konnte. Der Mann hatte sie mit Drähten um die schmalen Handgelenke an ihr eigenes Bett gefesselt und sich massig über ihren nackten, nur halb entkleideten, schmalen Leib geworfen. Er war bereits in sie eingedrungen, wie ihr Schrei es Matt bereits hatte wissen lassen, und stieß sie nun rhythmisch hart nach oben.

Matt war für einen Moment nicht in der Lage, sich zu bewegen. Sie hatte ihren Kopf zur Seite gedreht, starrte blicklos ins Leere, sie erschien ihm nicht mehr von Leben erfüllt zu sein als eine Puppe. Matt hatte niemals in einem Krieg gekämpft, aber ihm war auf der Stelle klar, dass die Frau sich in ihr ureigenes Innerstes zurückgezogen hatte, in ihr letztes Zuhause, dass diese Form der Gewalt gegen ihren Leib und ihre Seele in ihr verwüstetes Land schuf. Als er die Geräusche gehört hatte, hatte er den Schrecken kognitiv schon begriffen, aber erst jetzt, da er es auch mit eigenen Augen sehen konnte, erfasste er das wirkliche, reale Grauen, das die junge Frau fest gepackt hielt. Er musste nicht in ihre Gesichtszüge sehen, die leblos erstarrt und bar jedes Ausdrucks waren, er sah es an ihren fest angespannten Gliedmaßen, ihrer ungeheuer flachen und schnellen Atmung. Von Verstandesseite her wusste er sehr wohl, dass er an ihrem jetzigen Schicksal keine Schuld trug, aber sein Bauch sagte ihm etwas völlig anderes. Sein Bauchgefühl schaltete die Logik aus. Er verstand etwas von Lust und Angst, von Gewalt und Zwang, aber er würde dennoch niemals verstehen, wie ein Mann an einer so unter ihm liegenden Frau Gefallen finden konnte und darüber hinaus sogar eine triebhafte Befriedigung seiner sexuellen Gelüste. Die Angst war ein starkes Stimulans, sie bewirkte, dass jede Menge Hormone ausgeschüttet wurden, aber eine derartige Panik war wie ein verheerender flächiger Großbrand aller ihrer lebenserhaltenden Systeme, angefangen bei ihrem Geist und ihrer Seele. Der Mann hatte zugegriffen, bediente sich brutal an ihrer Mitte, am Mittelpunkt seines Interesses an ihr, hielt ihren panikstarren Leib auf Spannung, genoss diese Art ihrer Spannung sogar. Und die Frau unter ihm haushaltete sichtbar mit ihrer noch verbliebenen Energie, aber lange würde sie ihm und seinem Wüten in ihr nicht mehr standhalten können. Gleich würde ihr Leib brechen, weich werden, und damit auch ihr Geist. Gleich würde er zu ihrem innersten Kern durchdringen, den sie noch beschützte, und dann würde die Gewalt ihre weiche Seele verschlingen.

So eigenartig es sich bei Matts Vorlieben und Ansichten, bei seinem Tun, seinem Handeln an Frauen  auch anhörte, Matt war noch niemals Zeuge einer solchen Szene geworden. Wenn er eine Frau in seinen Händen hielt, in seiner Gewalt hatte, dann war er sich ihrer Schönheit, sowohl ihrer inneren wie ihrer äußeren, ständig bewusst, bei allem, was er mit ihr auch tat. Er schonte sie keineswegs, und die Grenze, an der er sich zusammen mit der Frau entlang bewegte, war haarfein, aber er kannte sie genau, und es würde ihm wirklich niemals in den Sinn kommen, diese Schönheit zu brechen. Es war für ihn schwer, es einem anderen zu erklären, aber er trat in eine Art Synergie, Koexistenz mit der unverwechselbaren Schönheit der Frau, die er nahm. Er war gemeinsam mit ihr dort, wo er sie hin brachte, er lebte und atmete in diesen Momenten dort genauso wie sie. Es war wirklich niemals sein Ziel gewesen, die Frau, mit der er sich befasste, zu zerstören. Soviel war völlig sicher.

Der Mann war so vertieft in sein Handeln, dass er Matt hinter sich völlig überhörte. Matt zögerte aufgrund der Überflutung mit Reizen und Gedanken dazu einige wertvolle Sekunden lang. Er hörte den Mann keuchen, immer lauter stöhnen, hörte, wie er ihr Schimpfworte ins Ohr raunte und sie dabei noch härter stieß, er hörte das Reiben Haut über Haut, das Klatschen Haut auf Haut, wenn er gegen ihr Becken stieß. Sein unartikuliertes Grunzen wurde zunehmend vollends enthemmt. Das riss Matt dann endlich aus seiner Erstarrung. Wie lang hatten sich diese wenigen Sekunden nun für ihn hingezogen? Und wie lang waren diese wenigen Momente wohl für die Frau, jetzt, da sie jeder Mut verlassen haben musste und ihre Kraft nicht mehr ausreichen würde, weil der Wunsch, sich endgültig aufzugeben, in ihr übermächtig wurde? Wie lang kam ihr diese kurze Zeit wohl vor, wo sie, in ihrer vertrauten Umgebung überwältigt, trotz dieses Umstandes nicht mehr stark genug sein konnte?

Matt schloss rasch die Tür und ging leise wie ein Raubtier und ebenso angespannt bis an die Schlafzimmertür. Entsetzte, angstgeweitete Augen, in Tränen schwimmend, und ihr starrer, leerer Blick, im übermächtigen Griff der Panik fest erstarrt, so sah sie in seine ruhigen Augen, ohne dabei irgendetwas zu sehen. Ihr zierlicher Leib wurde hart gestoßen, er nahm die Panik und den Schmerz der Frau so überdeutlich wahr, als würde er das tun. Als würde er sie auf dem Bett vor sich vergewaltigen. Aber so etwas tat er keine Frau an, so wie der Vergewaltiger vor ihm tat er keiner Frau Gewalt an. Er wusste, dieses Erlebnis würde das weiche Gemüt der jungen Frau brechen, sie hatte dem nichts entgegen zu setzen, keine Lebenserfahrung, keine innere Härte, keinen geschulten Verstand oder sichere Emotionen, gar nichts. Er musste nicht lange überlegen.

Er war mit zwei Schritten am Bett und riss den Mann am Kragen mit einem harten Ruck hoch. Der Mann gab ein überraschtes Keuchen von sich. Er war ebenfalls jung und gut trainiert, aber Matts schnelles, entschlossenes Handeln gab ihm den entscheidenden Überraschungsvorteil. Er riss den Körper des fremden Angreifers ganz hoch. Der Kopf fuhr zu ihm herum, der Mann richtete sich unwillkürlich auf seine Knie im Bett auf, riss sein Geschlecht aus der Frau dabei, unwillkürlich in einer für einen Mann typisch aussehenden Stellung über ihrem Körper ein neues Gleichgewicht suchend, halb über sie gebeugt.

„Was, zum Teufel…“, begann er, zu sprechen, und wurde von einem harten Boxhieb von Matt einfach aus dem Bett geworfen. Matt schlug sofort zu, auch da musste er nicht denken. Schnelles Handeln entschied über den Erfolg seines Eingreifens. Am Unterkiefer getroffen fiel der Kerl auf der anderen Seite des Bettes herunter und schlug schwer auf dem Boden auf. Sofort war Matt bei ihm, der überraschte Mann bot ihm ein leichtes Ziel. Matt konnte beileibe nicht überragend gut boxen, für so ein Training hatte er weder Zeit noch Muße genug, aber er war trainiert im Abwehrkampf Mann gegen Mann. Er riss den benommenen Mann wieder am Pullover hoch und versetzte ihm einen weiteren Hieb, der ebenso mühelos sein Ziel an seinem Unterkiefer fand, so hart, dass er seinen Kiefer knacken hören konnte. Der Mann sackte halb zusammen, wurde von Matt aber sofort auf die schwankenden Füße gerissen. Matt konnte sehen, wie der Mann mit der Zunge unwillkürlich prüfte, ob seine Zähne noch alle fest saßen.

„Raus hier, du mieses, feiges Stück Dreck“, zischte er ihn an, „bevor ich es mir doch noch anders überlege und die Polizei rufe. Mach, dass du Land gewinnst, und sollte ich dein Gesicht noch ein einziges Mal wieder sehen, dann gnade dir Gott!“ Der Mann blutete aus einer Platzwunde auf seiner Unterlippe, er rappelte sich mühsam auf und stierte Matt mit umflorten, erschrockenen Augen an. Dann drehte er sich wortlos um und taumelte aus dem Raum, verließ mehr schwankend als wirklich rennend den Tatort seines Verbrechens. Matt ging ihm ruhig hinterher und sah ihm nach, wie er die Treppen herunter hastete, ihm noch einen panikerfüllten Blick zuwarf und dann verschwand. Er schloss ruhig die Tür und wandte sich der vergewaltigten Frau zu.

Matt wusste nicht recht, was er jetzt tun sollte, in einer solchen Lage hatte er sich noch nie befunden. Die Frau lag reglos auf dem Bett, atmete noch immer flach und sehr hochfrequent, die Beine auseinander gezwungen, den Kopf auf die Seite gedreht, ihre Augen starrten blicklos geradeaus.  Er sah sie unschlüssig an und ging ruhig an dem Bett vorbei, sah aus dem Fenster zur Straße hinaus. Er sah den Mann leicht taumelnd die Straße überqueren und dabei noch seine Hose richten. Scheinbar hatte er jetzt erst bemerkt, dass sie noch auf Halbmast gehangen hatte, genauso wie sein Schwanz, als er die Wohnung so überhastet verlassen hatte. Er schüttelte leicht den Kopf und sah ihm nachdenklich nach.

Der Unterschied zwischen dem, was er mit seinen Frauen machte und dem, was sich hier gerade abgespielt hatte, war für ihn mehr als offensichtlich. Er fügte seinen Frauen Schmerzen zu, gewiss, und er jagte ihnen auch bewusst Angst ein, aber er nahm ihnen niemals jegliche Hoffnung. Angst war ein starkes Stimulans für den ganzen Körper, sie bereitete jedes Lebewesen auf diesem Planeten mit einem komplexen Bewusstsein auf eine Kampf- oder eine Fluchtsituation vor. Stresshormone versetzten den ganzen Körper in einen gespannten Erregungszustand, und der Mensch als soziales Lebewesen war darauf konditioniert, diese Angst auch zu kommunizieren, entweder durch seine Reaktionen, seinen Gesichtsausdruck oder durch die Sprache. Er war darauf ausgelegt, im sozialen Sinn um Schutz zu bitten. Matt hatte sich viel mit diesen Dingen beschäftigt, und das aus gutem Grund. Er wollte das Denken der Frauen verändern, und das konnte er nur, wenn ihr Angstniveau so steuern konnte, dass die Frauen zwar ein starkes nervöses Erregungsniveau erreichten, aber in ihrer Handlungsfähigkeit, der Abrufbarkeit ihrer Leistungsfähigkeit, noch nicht zu sehr eingeschränkt waren. Wenn er sich einigermaßen darüber im Klaren war, welche Risiken die betreffende Frau wohl in ihrem Leben schon bewältigt hatte, und darüber hinaus in seiner Einschätzung ihrer Kompetenz, dieser Situation standhalten zu können, nicht ganz daneben lag, dann wurde die Angst produktiv, sowohl für die betroffene Frau wie auch für ihn. Diese Erfahrung der Frau, dass sie sich in einer akuten Gefahrensituation befand, die sie aber bewältigen konnte, wenn sie sich ihm völlig unterwarf, führte dann zu einer von ihm erwünschten Steigerung ihres Lebensgefühls und damit auch seines Lebensgefühls. Der Kick, der Moment, in dem diese starke Stressphase, diese starke Anspannung in ihr umschlug in eine Befreiung von dieser Angstphase, der ließ die Frauen dann fliegen und ihn mit ihr. Matt hatte es gelernt, zu erkennen, wann dieser Punkt bei der Frau eintrat, und er war die ganze Zeit bei ihr und richtete sich nach ihren Reaktionen. Deswegen redete er mit ihnen, machte ihnen ihre Situation kognitiv klar, und deswegen duldete er keinerlei Abschweifung, die Aufmerksamkeit der Frau musste sich immer auf ihn und sein Tun richten. Trotz aller Gewalt und trotz seiner übermächtigen Dominanz verschmolz er mit der Frau.

Hier hatte er nun völlig unverhofft vor Augen, was passierte, wenn ein Mann sich nach diesen Gesichtspunkten nicht richtete und sich einfach von der Frau nahm, was er haben wollte. Die Angst der jungen Frau hatte sich zur Panik ausgewachsen, sie war zu der Überzeugung gelangt, dass sie sich selbst nicht mehr erhalten konnte, und alles, was ihr geblieben war, war, sich in ihr ureigenes Innerstes zurück zu ziehen und diesen letzten Bereich so lange wie möglich vor der überwältigend bedrohlichen Außenwelt zu verteidigen. Der Mann hatte dieser jungen Frau ein schweres psychisches Trauma zugefügt, er hatte ihren ureigenen Intimbereich in mehreren Formen schwerstens verletzt, einmal, indem er sie in ihrem persönlichen Rückzugsort, ihrem Sicherheitsbereich angegriffen hatte, dann, indem er ihren Körper instrumentalisiert hatte und zuletzt, indem er das, was dabei in ihr vorging, völlig ignoriert hatte. Diese Angststarre, die rasende Panik, in der sie sich befand, erlebte sie als unüberwindbar, und das würde sie für immer verändern.

Matt seufzte leise auf. Vielleicht lag es daran, dass er seine eigenen Wertmaßstäbe besaß, dass er sie nicht von der Gesellschaft bestimmen ließ. Vielleicht lag es auch daran, dass er schon viele Frauen an einem Punkt kurz vor diesem erlebt hatte. Vielleicht mochte er die junge Frau auch ganz einfach, er wusste es selber nicht. Aber die Art der Gesellschaft, mit derart traumatisierten Frauen umzugehen, verstärkte ihr Trauma gewissermaßen noch, und auch das war ihm sehr bewusst. Frauen verstärkten mit ihrer mitleidigen oder mitfühlenden Reaktion auf diesen Vorgang das eigene Erleben der Frau, sie sagten ihr damit, dass sie richtig fühlte. Und Männer wandten sich in aller Regel von derart traumatisierten Frauen zumindest innerlich ab, sie distanzierten sich von diesem Vorgang und suggerierten der betroffenen Frau damit, dass die sie umgebenden Männer an diesem Vorgang keine Schuld trugen, dass sie selber so niemals gehandelt hätten. Damit lief die Frau, wenn sie nicht wirklich stark war, Gefahr, sich selbst zumindest als hilfloses Opfer eines einzelnen gewaltbereiten Mannes zu sehen, oder sie gewann sogar unbewusst den Eindruck, dass sie durch eigenes Fehlverhalten die Gewaltbereitschaft des Mannes erst ausgelöst hatte. Die gesellschaftliche Normierung hatte die Männer unfähig dazu gemacht, sich als Vertreter desselben Geschlechtes aktiv und bewusst um die Frau zu kümmern. Es ging sie einfach nichts an, eine fremde Frau ging sie nichts an, das war eine erschütternde Wahrheit.

Die eigentliche Wahrheit dahinter war die, dass alle Männer den Keim für ein solches Handeln in sich trugen, manche mehr, manche weniger, aber es war im Mann als Verhaltensmuster angelegt. Der jungen Frau würde es nicht wirklich helfen, in Schutz, in Gewahrsam genommen zu werden. Wenn er sie jetzt einfach losbinden und trösten würde, die Polizei rufen würde, würde erst einmal eine Institution sie vereinnahmen. In der Zeit, in der sie sich beruhigen konnte, das Ganze sich in ihr legen und sie Abstand gewinnen konnte, würden sich auch diese unbewussten Vorgänge in ihr festigen. Sie würde schwer an diesem Trauma leiden, vielleicht würde sie unfähig werden, jemals wieder ein echtes Vertrauensverhältnis zu einem Mann aufzubauen. Diesen einen Vorfall, auch, wenn er ihn jetzt vorzeitig abgebrochen hatte, würde sie ihr ganzes weiteres Leben lang mit sich und in sich tragen, tief in sich versteckt, ohne dass man sie dort so ohne weiteres erreichen konnte.

Aber jetzt lag sie noch völlig offen vor ihm, beziehungsweise im Moment hinter ihm. Jetzt konnte er ihr als ein Mann, der zu einer solchen Tat ebenso fähig war und der sich dessen auch bewusst war, beweisen, dass er sich im gegebenen Falle anders entscheiden würde. Er konnte einen Kontrapunkt zu dem Handeln seines Vorgängers vorhin setzen, wenn er sich jetzt eben nicht abwandte und weg sah.  Wenn er es jetzt schaffen würde, in ihr Vertrauen zu ihm zu wecken, dann würde sie es vielleicht auch wieder in alle Männer haben können und das eben Vorgefallene als einmaligen, wenn auch schmerzhaften Vorgang ablegen können. Er seufzte leise auf. So etwas hatte er für heute wirklich nicht geplant, er hatte vorgesehen, sich ablenken und ausleben zu können. Aber er war an dem Schicksal dieser Frau nicht mehr unbeteiligt, als Zuschauer und als Eingreifender, als ihr Retter, war er nicht mehr unbeteiligt, hatte er ihr gegenüber auch eine Verantwortung. Und auch, wenn ihm das gerade gar nicht in den Kram passen wollte, wollte er sich dieser Verantwortung auch nicht entziehen. Er würde auf seine Weise versuchen, ihr zu helfen, und vielleicht würde er damit Erfolg haben. Das hoffte er zumindest.

Er senkte seufzend den Blick und zog sein kleines Smartphone hervor. Dabei verzogen sich seine Mundwinkel kurz und leicht nach oben, ein angedeutetes Lächeln, als er daran denken musste, dass so ziemlich jeder Zeuge dieser Szene, ob Mann oder Frau, empört aufschreien würde bei dem, was er nun zu tun gedachte. So etwas sollte man doch nun wirklich nicht tun, man könnte ja über vieles reden, aber bei so etwas… Ja, bei so etwas?, würde er dann ungerührt nachhaken. Er war eben nicht ‚man‘. Seine Bereitschaft zu ‚gesellschaftlich richtigem Verhalten‘ war ohnehin nur sehr schwach ausgeprägt. Doch jetzt einfach zu gehen war keine Option für ihn. Die Frage, die sich für ihn aus dieser unerwarteten Wendung der Ereignisse ergab, war für ihn eigentlich keine. Er drückte eine Kurzwahl. Am anderen Ende meldete sich sofort seine Charlene.

„Herr, wie schön, deine Stimme zu hören“, begrüßte sie ihn mit diesem leicht rauchigen Timbre in ihrer feinen Stimme, eine Frauenstimme mit einer individuellen Klasse, die ihn immer wieder neu anzog. Er schloss leicht die Augen. Er war auf dem Weg zu ihr, weil sie ihn immer wieder neu faszinieren konnte, er hatte ihr Bild vor seinem inneren Auge wie das einer Rose, die in einem Park blühte, für alle Augen sichtbar, aber sie war seine Rose. Das würde morgen immer noch so sein, und es war schon immer so gewesen, seitdem er ihr in die Augen gesehen hatte.

„Liebes, ich werde aufgehalten“, informierte er sie trotz seiner Gedanken sachlich und zügig. „Du solltest bitte deinen Dienst morgen absagen, kannst du das?“

„Ja, Herr, natürlich“, kam ihre Antwort prompt und freundlich. Sie reagierte nie eilfertig, aber fast immer so, wie er es sehen wollte an ihr. Das schmückte sie in seinen Augen ungemein. Er liebte diese ruhige innere Geschlossenheit, die sie ausstrahlte.

„Bleibe bitte am Handy“, fuhr er mit leiser Stimme fort. „es kann sein, dass du mir helfen kommen musst, dann bringe bitte deine Tasche mit, sei so lieb. Ich bin dir ganz nahe, spätestens heute Nacht bin ich bei dir, Liebes.“ Er ballte dabei unwillkürlich seine Faust, mit der er eben zugeschlagen hatte, unwillkürlich mit voller Schlagkraft aus der Schulter. Er hatte es nicht auf einen Kampf ankommen lassen wollen, deswegen war unter seinen präzisen Hieben die Haut auf seiner Hand aufgeschürft und seine Handwurzelknochen schmerzten. Aber andererseits war er auch wieder gottfroh, dass er diesen blöden, verdammten Kerl jetzt nicht bewusstlos hier liegen hatte, hier hätte er ihn nun gar nicht mehr brauchen können, er hätte jetzt nur Umstände mit ihm gehabt. Nach seinem Empfinden hatte er das für die Frau nach Männerart geregelt, der Kerl hatte sie überfallen und trug sich jetzt mit einer Gehirnerschütterung und lockeren Zähnen durch seine Schläge herum. Das, so fand er, war ausreichend als Strafe und auch als Denkzettel.

„Gut, Herr“, hörte er derweil Chillys Stimme durch das Handy kommen. Sie war eine erfahrene, patente Ärztin, sie hatte sehr schnell erfasst, was er wie von ihr erwartet hatte und verhielt sich danach, wie auch jetzt. Er hätte sich jederzeit bei ihr unter das Messer gelegt…. Aber seine Gedanken schweiften schon wieder ab, hin zu ihr. Hinter ihm lag die junge Frau, er konnte ihren schnellen, leisen Atem hören, er musste sich um sie kümmern, und zwar sofort.

„Bis gleich, Liebes“, verabschiedete er seine frei lebende Frau und ließ auch jetzt sein Bedauern, nicht bei ihr sein zu können, nicht durch seine Stimme durchklingen. Sie wusste das, sie brauchte keine Bestätigung von ihm. Er legte auf und drehte sich zurück ins Zimmer.

Ein kleiner Gruß noch….

An jemanden, der durch Weitergabe meines Links durch mich selber hier aufgeschlagen ist, was ja selten genug vorkommt :), eine kleine Begebenheit.

Der Jäger bahnt sich seinen Weg durch das verfilzte grüne Unterholz. Um ihn herum pulsiert das Leben in Form eines dichten, in allen Schattierungen leuchtenden, überwältigenden Grüns, er sieht nach oben, eine Lücke tut sich in dem dichten grünen Blätterdach hoch über ihm auf. Die Sonne strahlt herein, in einem perfekten Rund, doch ihr Licht ist seltsam abgeschwächt, wie verhüllt durch die aufsteigenden Wasserdampfnebel des Urwaldes. Der ganze riesige Urwald dampft wie ein riesenhafter Organismus, so erscheint es dem Jäger. Er ist mit seiner Kamera unterwegs und auf der Suche nach einem anderen, scheuen Jäger, einem Jäger gleich ihm, aber aus einer ganz anderen Welt, dem schwarzen Panther.  In der Ferne kann er den Flug von ein paar Papageien ausmachen, ihr Flugmuster kennt er, das ist für sie charakteristisch, ihr Kopf wippt durch das Gewicht des schweren Schnabels in einem typischen Eigenrhythmus nach unten.  Er kommt aus der Zivilisation und er besitzt seinen Verstand, aber er kennt sich auch hier für einen Menschen überragend gut aus. Trotzdem, vor drei Tagen hat er sich noch über einen fürchterlichen Langsam-Fahrer auf der Roten Ampelwelle geärgert, und als er dann hinter ihm zum Stehen kam, musste er über das Christus-liebt-dich-Schild auf dem Heckfenster der kleinen Kiste vor ihm grinsen. Oder er sah einem Rentnerehepaar in die Augen, die die Arme ineinander verschränkt, das in geruhsamer Eintracht fast aufreizend langsam vor ihm die Straße überquerte und ihn damit zum Halten zwang, in ihren beiden Augen einen zufriedenen, wohlgenährten, selbstgerechten Stolz stehend, und er denkt jetzt noch daran, wie sie seinen Blick beide synchron frech erwiderten. Er kann sich leise bewegen und überhaupt hat er den Eindruck, als würden die leisen Geräusche seines Ganges in der unermüdlichen Geräuschkulisse des Waldes eigentlich untergehen. Er weiß, das ist ein Irrtum, denn er sieht kein einziges Tier außer ein paar Insekten, sie hören ihn alle und lassen sich von ihm nicht erblicken. Und dem, dem er mithilfe seiner Kamera nahe kommen will, dem schwarzen Jäger, ist er sowieso nicht entgangen, auch das ist ihm überdeutlich bewusst. Er vertraut auf seine Kenntnis des Urwaldes und seinen Verstand, und das kann er ja auch. Aber die gelben Augen des Panthers ruhen schon lange auf ihm. Hoch über ihm sitzt er reglos auf einem breiten Ast, völlig verdeckt vom im warmen Wind rauschenden Grün, maskiert zur Unkenntlichkeit in seiner natürlichen Umgebung, in der er einer der Herrscher ist. Er sieht den Jäger kommen, er weiß nicht, was eine Kamera ist, aber ihm ist auf einer anderen Verstandesebene sehr wohl bewusst, dass der Jäger etwas von ihm haben will, und deswegen ist er vorsichtig und verschmilzt mit seiner Umgebung, wird eins mit ihr, er ist ein Meister der Tarnung, des Mimikry. Für seine runden Ohren sind die Schritte des Jägers fast ohrenbetäubend, es knackt, reißt, schleift und raschelt, für ihn ist das fast eine  Flut an unerwünschten und vor allem nervend lauten Geräuschen, deswegen schüttelt er leicht seinen Kopf. Er sieht im hellen Licht der Sonne jedes Blatt noch auf eine weite Distanz glasklar, und in der Dunkelheit hilft ihm seine Wahrnehmung der Strahlung außerhalb des Sehspektrums des Jägers, der Intrarot- und Ultraviolettstrahlung, aber seine Meisterschaft zeigt er im Sehen in der Dämmerung, denn das ist der Bereich, in dem er eigentlich lebt. In der Dämmerung entgeht ihm gar nichts, weder optisch noch akustisch. Er hechelt leise und faucht fast unhörbar, er ist hungrig, er hat für die Anwesenheit des Jägers kein Verständnis, für ihn ist das hier seine einzige Welt, und in der muss er leben und überleben. Er hat nicht das im Kopf, was den Jäger beschwert, eine Zivilisation, die schon sehr alt ist und deren Gewicht im Geist des Jägers in Form eines Kollektivgedächtnisses lastet. Auch seine Evolutionslinie ist uralt, aber sie beschwert ihn nicht so, sein Geist ist aufnahmebereit und leer. Und so sieht er dem Jäger entgegen, der langsam auf ihn zukommt, direkt auf die Stelle, wo er hoch über ihm auf dem Ast sitzt, angespannt zum Sprung, den Kopf gesenkt, den Blick starr auf ihn gerichtet. Er wird ihn nicht anspringen, nein, der Jäger ist ihm fremd, er schlägt lieber Beute, die er auch sicher als Beute kennt. Er ahnt auch nicht, dass der Jäger ausgerechnet nach ihm auf der Suche ist…

Ein kleines Gedankenspiel, liebe Grüße an dich!