Aus der Dunkelheit ins Licht (Carmen), Teil 1

Hallo, Ihr Lieben! Ich musste zwei Untersuchungen im Krankenhaus über mich ergehen lassen (keine Bange, ich bleibe euch erhalten), und danach war mir dringend danach, mal an etwas völlig anderem zu schreiben. Und während ich das in den letzten Tagen so tat, habe ich doch glatt vergessen, dass ich vorher schon eine zweiteilige Geschichte für euch geschrieben hatte. Genauer gesagt habe ich eine Menge darüber vergessen 🙂 . Hier ist sie also! Ich wünsche euch viel Spass beim Lesen! lg, euer Matt

***

Die Sonne stand hoch, als Matt das Geschäftsgebäude verließ. Es war Mittagszeit. Die Kollegen würden jetzt überwiegend die Kantine stürmen, miteinander lachend und schwatzend, vielleicht auch streitend. Die Kantine war groß genug, wenn zwei sich stritten, konnten sie zwei verschiedene Tische besetzen und den Schwarm der Kollegen teilen. Sehr beliebt war eine solche Maßnahme aber nicht, denn trennten sich die Streithähne, mussten alle, die noch nicht saßen, Stellung beziehen, indem sie sich zu dem einen oder anderen setzten. Deswegen kam das nicht so häufig vor, es war sozusagen ein ungeschriebenes Gesetzt unter ihnen, dass Streitigkeiten nach der Mittagspause oder weit genug vorher ausgetragen wurden.

Matt ging meistens nicht mit. Er fand eine einstündige Mittagspause zu schade, um sie im Gebäude zu verbringen. Er musste auch nicht unbedingt zur Mittagspause alle Kollegen um sich herum haben, die er den restlichen Teil des Tages ja auch mehr oder weniger ertragen musste. Hatte eine solche Streitigkeit stattgefunden, und es kam trotz der stillschweigenden Regelung in regelmäßigen Abständen dazu, dann würde er eh sofort nach der Pause auf den neuesten Stand gebracht werden, denn so eine Neuigkeit machte blitzschnell die Runde.

In den letzten Tagen hatte Matt ein belegtes Brot dabei gehabt und sich im Wintermantel zu einer Bank am Main begeben. Das neue Jahr war ja noch jung und dementsprechend ungemütlich, aber wenn die Sonne schien, und das hatte sie nun die ganze letzte Woche lang schon getan, dann fand er nichts schöner als eine stille, ruhige Zeit am Ufer des großen Flusses, der die Stadt durchströmte.

Heute überzog das strahlend helle Licht der Sonne das sanfte Auf und Ab der Wellen des Mains, die auf das Ufer etwas weiter vor ihm aufliefen, mit einem filigran gewebten, glitzernden Netz. Die flachen Wellen liefen auf dem ruhig da liegenden Sand aus und plätscherten leise. Hier an dieser Stelle war so etwas wie ein Stand entstanden, es waren mehrere Bänke aufgestellt worden und hohe Bäume und Büsche rauschten dazu. Kleine Steinchen, manchmal auch eine Muschel rollten vor und zurück. In der vor dem Wind geschützten Mittagssonne war es auch nicht so ungemütlich kalt, und die Menschenmenge, die am Sommer hier abhing, war auch noch nicht da. Nur Möwen hatten sich hier eingefunden, die waren immer vor Ort und kreisten mit ihrem charakteristischen Kreischen vor Matt. Er trug in diesen letzten Tagen immer zwei Scheiben trockenes Brot extra bei sich. Die klugen Vögel hatten sich sehr schnell daran gewöhnt, dass er die Bröckchen hoch in die Luft vor ihm warf. Sie kreisten in einer weiten Runde vor ihm und stießen, wenn sie rechtzeitig wieder bei ihm ankamen, auf das Stückchen zu und fingen es auf. Matt bewunderte die Wendigkeit und Geschicklichkeit dieser klugen kleinen Kunstflieger. Sie kamen ihm manchmal recht nahe, hatten ihn aber noch nie berührt. Es war ein stilles Übereinkommen zwischen ihm und den Vögeln, er machte keine unvorhersehbaren Bewegungen und sie ließen sich von ihm ganz aus der Nähe bewundern, wenn sie auf die Bröckchen hinunter stießen. Hinter ihnen zogen auf dem Main die großen Frachtschiffe ihre langsame Fahrt hinauf und herunter, manchmal kam auch schon ein kleines Boot vorbei. Die Sonne brannte auf seiner Haut bereits angenehm warm. Alles in allem ein perfekter Ort zum Entspannen und die Seele ein wenig baumeln lassen.

Diese Stelle war ein geheimer kleiner Ort für die, die ihn kannten, so wie Matt auch. Matt war, wenn er hier saß, in einer besonderen Stimmung, dieser Tatsache war es vielleicht auch zu verdanken, dass ihm am ersten Tag seiner Anwesenheit hier im neuen Jahr etwas aufgefallen war. In der letzten Woche war er aus einem anderen Grund regelmäßig jeden Mittag hierher gekommen. Er wartete auf jemanden. Auf eine Frau. Sie wanderte meist das Ufer hinauf und tauchte in der Mittagszeit dort auf, wo Matt saß. Und auch heute entdeckte er sie als eine zunächst unscheinbare, kleine Erscheinung auf dem nassen Streifen des Ufersandes, der das Sonnenlicht so glitzernd wieder spiegelte, dass die Frau aus der Entfernung zu schweben schien. Sie kam aber rasch näher und dieser Eindruck verging.

Die Frau hatte es nicht eilig. Sie blieb des Öfteren stehen und beugte sich hinab, um etwas aufzuheben, ein Steinchen, eine Muschel, ein Blatt, oder um müßig auf den Main hinaus zu sehen. Manchmal hob sie auch einfach ihr Gesicht in die Sonne und lächelte versonnen, genießerisch. Jeden Tag dieser vergangenen sieben Tage hatten ihre verschiedenen Lebenswege sich hier gekreuzt, der von Matt und der fremden Frau. Sie schlenderte mit nackten Füßen trotz der Kälte durch den Sand, wirkte gedankenverloren, so als hätte sie ein wenig die Bodenhaftung verloren. Dieses Verhalten hatte Matt in seiner entspannten Stimmung auch auf sie aufmerksam gemacht. Vielleicht wäre es nie zu dem gekommen, was danach geschah, wenn der Main nicht daran beteiligt gewesen wäre.

Sie trug Röcke, mal weit fallend, mal kürzer, mal länger, und eine warme, geschlossene Jacke darüber. Matt fand es erstaunlich, wie unerschrocken sie der Kälte mit ihren nackten Füßen trotzte. Manchmal spülte sogar eine sanfte Welle heran und sie kniete im Nassen, wenn sie gerade ein Steinchen aufhob. Außerdem waren die Uferwellen unberechenbar. Zog gerade einer der langen Frachter vorbei, dann liefen sie in seinem Kielwasser höher auf. Matt war sich nicht sicher, ob sie das überhaupt bemerkte. Der Wind strich ihr die langen, braunen Haare über das Gesicht, sie legte sie mit einer fast bedächtigen Bewegung wieder zurück. In solchen Momenten straffte sie sich und kleine feste Hügel waren unter der Jacke auszumachen.

Matt hatte heute etwas mehr Brot für die Möwen dabei, deswegen war er mit seiner Vogelfütterung noch nicht fertig, als die Frau da war. Die Möwen schrien ihre lauten, schrillen Schreie über das Ufer und sie blickte ihn an, das erste Mal seitdem er mittags hier auf dieser Bank saß. Ihre Blicke kreuzten sich. Matt wusste nicht, hatte sie ihn überhaupt wahrgenommen in den letzten Tagen? Oder war er nur ein zufällig auf einer Bank am Uferstrand des Mains Sitzender für sie gewesen? Ihn verband nichts mit ihr, es gab keinen Grund für sie, ihn zu erkennen.

Aber es schien anders zu kommen. Genauso wie Matt sie erkannt hatte, sah auch die Frau ihm aus etwas weiterer Entfernung in die Augen. Sieben Tage lang war sie an ihm vorübergegangen, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, jetzt hielt sie aufmerksam seinen Blick, während die Wellen leise ihre Füße umspülten. Sie lächelte ihn an, einfach so, aber nicht wie einen ihr völlig Unbekannten, sondern eher wie jemanden, der sie neugierig machte.

Sie änderte das erste Mal ihre vorgegebene Richtung und kam direkt auf ihn zu. Matt setzte sich auf, ohne den Blick von ihr zu nehmen. Sie war älter als er, so wie Charlene in den Vierzigern sicherlich, und etwas mollig um die Hüften. Das Sonnenlicht glitzerte in ihren Haaren und schien auch ihr Gesicht zum Strahlen zu bringen. Sie war ganz sicher schon über den Höhepunkt ihrer körperlichen Schönheit hinaus, aber Matt gefiel sie dennoch sehr. Wie sie so vorsichtig über die Ufersteine ging, wippte ihr ganzer Körper leicht im Gehen, nur ein wenig, und ihre Brüste unter der Jacke taten das auch. In ihren Händen trug sie kleine Steinchen, um ihre Schulter eine kleine Handtasche. Matt fühlte sich von ihr irgendwie angezogen und wünschte sich, er könnte die Zeit ein klein wenig langsamer ablaufen lassen, um diese Spannung, die er in sich fühlte, noch etwas genießen zu können.

Sie setzte sich neben ihn. „Guten Tag“, begrüßte sie ihn und er hörte zum ersten Mal ihre sanfte, klingende Stimme, eine Stimme, die ihn sofort anzog. Sie legte ihre Steinchen wie kleine kostbare Perlen zwischen ihnen beiden ab und er beobachtete sie dabei, wie ihre zarten, filigranen Finger mit den kleinen Gegenständen hantierten, sanft und besonnen. Matt wünschte sich plötzlich, die Frau würde ihre Jacke ausziehen, damit er sie wirklich sehen konnte. Ihre Beine waren wie ihre Arme wohlgerundet, nicht schlank, aber ihm gefiel sie so.

„Das Wetter ist prachtvoll!“, sprach sie weiter, während sie sich nach hinten an die Lehne sinken ließ und ihm dabei näher kam. „Das wird in den nächsten Tagen wohl auch so bleiben!“

Matt sah sie an und schwieg. Er wollte wissen, was sie wirklich dazu bewegte, mit ihm zu sprechen, er mochte nicht um den heißen Brei herum schleichen. Sieben Tage hatte er sie nun schon beobachtet und kein Zeichen davon wahrgenommen, dass sie ihn registriert hatte. Nun setzte sie sich auf einmal zu ihm. Sie hatte ihn also sehr wohl gesehen, jeden Tag, und musste sich zu seiner Erscheinung so ihre Gedanken gemacht haben.

„Du bist häufiger hier, ja?“, fragte sie ihn und sah ihm in die Augen. Ihr Blick war tief, tief in sich zurück gezogen und voller Tiefe, beides gleichzeitig. Sie wirkte auf ihn nicht so, als würde sie sich jeden Tag zu einem Fremden setzen und ein Gespräch mit ihm anfangen. Auf Matt wirkte sie eher so, als würde sie häufiger alleine bleiben wollen.

„Ja“, antwortete er ihr freundlich, nur dieses eine Wort. Sieben Tage lang war sie an ihm vorbeigegangen, die Sonne hatte geschienen und das Wasser war in kleinen Wellen auf das Ufer aufgelaufen. Sie veränderte jetzt diesen Lauf der Dinge, und Matt wollte wissen, warum sie das heute wohl tat.

Sie hielt seinen Blick fest, fast forschend, dann senkte sie ihr Gesicht und sah auf die Steinchen zwischen ihnen. Täuschte er sich oder war sie verunsichert? Wollte sie ihm etwas anvertrauen? Sie hob schließlich ihren Kopf wieder und sah auf den Fluss hinaus.

Er betrachtete ihr Gesicht im Profil. Weich und sensibel erschien sie ihm, ihre Lippen waren voll und leicht geöffnet, ihre Nase war klein und ihre Augen schimmerten weich im Sonnenlicht. Sie wirkte auf ihn noch immer so sehr in sich gekehrt, als würde sie gar nicht wirklich mit ihm Kontakt aufnehmen wollen, eher scheu, etwas verlegen. Sie schien keine Frau zu sein, die viel unter Menschen ging, sie schien ihm eher die Einsamkeit zu suchen, wie eine Künstlerin vielleicht oder eine Autorin. Sie legte ihre sensiblen Finger wärmend übereinander und lenkte mit dieser Bewegung seinen Blick auf sie. Sie trug keinen Schmuck, und auch ihre Hände waren weich und klein. Irgendetwas an ihnen berührte Matt. Vielleicht die Tatsache, dass sie so nackt waren, nackt und ungeschützt in der Kälte.

Er fühlte, er würde nun etwas sagen müssen, sie kam nicht aus sich heraus und würde dieses angefangene Gespräch nicht weiter fortführen wollen oder können. Es hatte sich so etwas wie ein wenig Nähe zwischen ihnen beiden gebildet, und so sprach er sie dann doch ruhig und freundlich an.

„Du sammelst Steine?“

Einen Moment lang sah sie noch auf den Fluss hinaus, dann hob sie ein Steinchen hoch und betrachtete es. „Es sieht schön aus, nicht wahr?“, fragte sie ihn. „Es wurde von der Kraft des ewig auflaufenden Wassers in diese Form hier geschliffen, als hätte ein Juwelier Hand angelegt. Das hat so lange gedauert und doch beachtet niemand dieses kleine Kunstwerk. Die Natur erschafft so wundervolle Dinge.“

„Ja, das tut sie“, stimmte Matt ihr zu, und das meinte er völlig bewusst und ehrlich, denn er liebte die Wunder der Natur sehr, gerade die kleinen, die sie immer und überall umgaben.

„Es ist noch zu kalt“, fuhr sie erklärend fort. „Eigentlich sammele ich Blätter. Im Sommer.“

Sie sah ihm noch einmal in die Augen, nun eindeutig forschend, dann senkte sie den Blick und öffnete ihre Handtasche. Sie holte ein kleines Büchlein heraus und gab es Matt wortlos an. So, wie sie es hielt, war es ihr wertvoll, deswegen fasste Matt unwillkürlich so zu, dass nichts eventuell herausfallen konnte. So weit hatte er sich auf sie schon eingestimmt.

Sie schwieg, senkte leicht das Gesicht. Sein Eindruck war richtig gewesen, dieses Buch bedeutete ihr viel. Er schlug es vorsichtig auf und fand trocken gepresste Blätter von Bäumen und Büschen darin, sorgfältig ausgebreitet und dann unter einem schweren Gegenstand papiertrocken gepresst.

„Sie sind wunderschön!“ Matt berührte das, dieses kleine Buch mit den gepressten Blättern, das ihr so wertvoll war. Sie berührte ihn.

Sie sah ihm wieder ins Gesicht. „Und so zerbrechlich!“, fügte sie an. Matt sah ihr in die Augen.

„Ja“, antwortete er, „zerbrechlich sind sie, aber die Natur an sich, die diese kleinen Kunstwerke geschaffen hat, die ist stark.“

Er musste wohl ihre Gedanken irgendwo getroffen haben, denn sie sprach weiter. „Wenn du eines in die Hand nimmst, dann kannst du es ganz leicht zerstören. Dabei erzählt es eine Geschichte. Jedes Blatt tut das. Deswegen sammele ich sie.“

Matt berührte mit vorsichtigen Fingerkuppen ein getrocknetes Blatt und ihm war, als hätte er sie berührt, obwohl sie immer noch ein kleines Stückchen von ihm entfernt saß. „Ja, das tut es“, bestätigte er, „jedes Blatt ist ein Wunder der Natur.“ Langsam sprach er weiter. „Die Natur erscheint so wild und ungeordnet, dabei zeigt dieses Blättchen, wie geordnet und planvoll sie vorgeht. Die Blattstruktur verästelt sich vom Großen ins Kleinere, und vom Kleineren ins noch Kleinere, immer mit demselben Wuchs. Das ist ihr Prinzip. Wenn man dieses Blatt zerstört, kann man daraus nichts mehr ablesen.“

Sie nickte, fast behutsam, so als könne sie diese entstandene Nähe zwischen ihnen beiden zerstören, wenn sie nicht achtsam genug war. „Mein Vater hat mir immer eine Geschichte erzählt, als ich noch ein Mädchen war, damit ich mir die Form der Blätter und die Bäume dazu besser einprägen konnte“, sagte sie leise. „Er liebte die Natur, aber ganz besonders die Bäume. Deswegen hatte er einen speziellen Blick für sie, einen ganz eigenen.“ Matt war, als würden sich ihre Gedanken begegnen, jetzt, in diesem Augenblick.

„Schau einmal auf dieses Blatt hier!“, wies er sie behutsam an. „Das ist ein Lindenblatt. Ich kenne eine Geschichte zu der Linde. Möchtest du sie hören?“

Sie war bereit, seiner Aufforderung auf der Stelle Folge zu leisten, stellte er bei sich fest, und sie nickte. Er improvisierte, er fühlte, wie wichtig ihr diese kleine Geschichte sein würde.

„Also“, hob er an. „Damals, als die Bäume erschaffen wurden, war die Linde einer der schönsten Bäume im Wald. Stark war sie, und die Tiere im Wald fanden bei ihr Unterschlupf, kleine Vögel und Nagetiere in ihrer Krone, in ihren Wurzeln auf dem Boden regte sich vielfältiges Leben, das lieber im Schatten blieb, und unter ihren Wurzeln hatte eine Füchsin ihren Bau.“

Er schwieg und sah sie an. Sie nickte nur, sah ihn weiter mit großen, gespannten Augen an. So fuhr er fort. „Jeden Sommer zog die Füchsin ihre Jungen in ihrem Bau unter der Linde auf, und die Linde liebte es, ihr zuzusehen, genauso wie die Füchsin die Linde für ihren starken Schutz liebte. Sie waren also vertraut miteinander geworden. Eines Sommers aber wurde die Füchsin im Wald schwer verwundet. Sie konnte sich mit letzter Kraft retten und sich unter die Wurzeln ihrer geliebten Linde zu ihren Kindern schleppen. Dort starb sie dann, und kurz darauf auch ihre Jungen.“ Er hob das papierfeine, fast durchsichtig wirkende Lindenblatt behutsam an. Hielt es ihr vor sie hin und nickte ihr zu.

„Das machte die Linde so traurig, dass sie beschloss, ihre Blätter in Zukunft herzförmig wachsen zu lassen.“ Er drehte den Blattstiel vor ihren Augen nach oben, so dass sie Herzform des Blattes augenscheinlich wurde.

Die Augen der Frau weiteten sich. Sie nickte, sichtlich beeindruckt. Matt legte das Blatt behutsam auf seinen Platz im Buch zurück, schloss das Buch ganz vorsichtig wieder und gab es ihr zurück. „Jedes Ding hat seine Geschichte auf dieser Welt“, meinte er dazu, „wir müssen nur darauf hören. Das haben viele Menschen verlernt im Laufe ihres Lebens hier auf diesem wundervollen Planeten.“

Die Frau lachte leise auf, plötzlich ganz ungezwungen und herzlich. Sie hob die kleinen Steinchen auf und ließ sie in ihre Handtasche rieseln, zu dem bereits dort verstauten Buch. Dann schloss sie die Handtasche und neigte sich dabei fast unmerklich ihm immer weiter zu. Matt meinte, ihre Körperwäre spüren zu können. Ihre Nähe fühlte sich an wie ein kleiner Hauch von Sommerluft im Februar, voller Verheißungen.

„Ja“, sagte sie lächelnd. „Sie sind so zerbrechlich, diese Blätter, und doch erzählen sie eine unglaubliche Geschichte von Liebe und dem Leben selbst. Man muss sie nur genau betrachten! Deswegen sammele ich sie, um mit ihrer Hilfe einen Menschen finden zu können, der diese Geschichten ebenfalls erkennen kann.“

Sie stand auf, ließ ihre Handtasche neben ihm auf der Bank stehen, und so aus der Nähe konnte Matt ihre Statur nun erahnen. Sie hatte runde, volle Hüften, eine schmale Taille, einen geraden, aufrechten Wuchs. Sie reckte sich ein wenig vor ihm, der Wind griff leicht in ihr braunes Haar und ließ es um ihre Schultern spielen. Matt sah zu ihr auf. Wieder faszinierte sie ihn, wie sich ihre gerade, abgerundete Figur so aufrecht gegen den blauen Himmel abzeichnete. Das zeugte von innerer Stärke, diese Frau war definitiv nach etwas auf der Suche und sie war auch in der Lage, viel dafür geben zu können und zu wollen.

„Und wenn du solch einen Menschen findest, um was würdest du ihn dann bitten?“ Immer noch war Matts Stimme behutsam, einfühlsam.

„Um Nähe!“, flüsterte sie. „Um mehr Nähe.“ Sie lächelte ihr scheues, weiches, herzliches Lächeln, und Matt sah auf einmal klar. Sie war recht naiv, und sie hatte einen Traum, den nur der verstehen konnte, der ihre Signale wahrnehmen konnte. Er stand ebenfalls auf und nahm sie einfach in seine Arme, drückte sie fest an sich.

„Weißt du denn, was Nähe überhaupt bedeuten kann?“, wollte er von ihr wissen.

„Ich träume davon“, antwortete sie leise, schmiegte ihr Gesicht an seinen warmen Hals. Er fühlte ihre Augenlider auf seiner Haut flattern, sie strichen ganz zart über seine Haut. Matt musste nicht nach ihren Träumen fragen, er konnte sie sich gut vorstellen, so wie sie auf ihn reagierte. Sie hatte Träume, die sie noch niemandem erzählt haben würde, die sie auch noch niemals hatte Wirklichkeit werden lassen. Es würde ihr auch bei ihm sehr schwer fallen, sie zu erzählen, aber das musste sie auch nicht unbedingt. Nicht, wenn er jetzt handeln statt zuhören konnte. Und ihm gefiel es sehr, sie in seinen Armen zu halten. Sie gefiel ihm sehr, jetzt, nach ihrer fast unausgesprochenen Frage noch viel mehr.

Er löste seinen Blick nachdenklich von ihr und sah über den Fluss hinaus. Jetzt war er es, der die richtigen Worte suchte so wie sie, als sie ihn angesprochen hatte. „Wie heißt du denn, meine Hübsche?“, wollte er dann von ihr wissen.

Sie lachte an seine Hals hell auf, ohne sich von ihm zu lösen, im Gegenteil, sie schmiegte sich so eng an ihn, wie sie nur konnte. „Oh, entschuldige bitte! Wo bleiben meine Manieren? Mein Name ist Carmen.“

Matt atmete erstaunt tief durch. Carmen, was für ein klangvoll Name! Für ihren Namen konnte sie nichts, und dennoch…passte er irgendwie zu ihr. „Carmen!“ Er ließ sich bewusst anmerken, wie sehr ihm ihr Name gefiel, wie sehr sie ihm gefiel. Dafür brauchte es keine Worte seinerseits, seine Umgangsweise mit ihr war beredet genug. Mit einem Arm hielt er sie fest an sich gedrückt, mit dem anderen strich er ihr das Rückgrat entlang, mit etwas Druck, so dass er der schlanken Kontur folgen konnte. „Mein Name ist Matt.“ Er sah wieder auf sie herunter.

„Matt, ich freue mich wirklich sehr, dich kennen zu lernen“, erwiderte sie und suchte schüchtern seinen Blick, und so eng, wie sie beieinander standen, erhielt diese Floskel eine ganz besondere Bedeutung, eine eindeutige Bedeutung.

„Die Freude ist ganz meinerseits!“ Auch das klang eindeutig, so wie er es betonte. „Carmen, meine Hübsche, von Nähe verstehe ich etwas“, offerierte er ihr schon wesentlich forscher ein Angebot. „Nähe zwischen uns beiden stellt sich sehr schnell ein, wenn du bereit bist, mir jetzt zu folgen und anzunehmen, was immer ich mit dir jetzt auch tun werde. Glaubst du, du könntest dich in mein Handeln mit dir einfach fallen lassen?“

„Wird es denn weh tun?“, brachte sie ihre Gedanken, ihre Träume blitzschnell auf den Punkt mit ihrer Frage.

„Ja“, antwortete er ihr, „so viel wie nötig, aber nicht mehr, als es dir gut tun wird.“

„Meinst du dieses Angebot denn wirklich ehrlich?“ Ihre Stimme klang leicht zweifelnd.

„Warum sollte ich das nicht tun?“, hielt er ihr entgegen.

***

 ©Matt

6 Kommentare zu “Aus der Dunkelheit ins Licht (Carmen), Teil 1

  1. Izzy sagt:

    Lieber Matt,

    wie sehr du es doch immer wieder schaffst, mich mit deinen Worten zu berühren… und ich glaube mit dieser Geschichte mehr denn je…
    Ich frage mich, wie es weiter gehen mag, der Spielraum ist an diesem Punkt recht groß. Aber ich muss gestehen, dass ich hoffe, dass du von diesem sanften, leisen Grundton, mit dem du diese Geschichte begonnen hast, nicht allzu weit abweichst… Aber wie auch immer du diese Geschichte weiter zu führen gedenkst – dieser Abschnitt ist meines Erachtens einfach perfekt…

    Ganz liebe Grüße,
    Izzy

    • Hi Izzy!

      Etwas zu spät, aber ich danke dir für diese Kritik. Für mich ist es beim Schreiben immer so: Ich finde eine schöne Idee, oder mit Peter Pan: einen wundervollen Gedanken, den man braucht, um fliegen zu können. Um diese Kernidee schreibe ich dann die Geschichte. Ich hoffe also, es ist mir wirklich gelungen, diese Idee auch so bei zu behalten. Geteilt wird die Geschichte erst, wenn sie fertig ist, sonst würde ich wirklich Gefahr laufen, aus der Spur zu geraten. Mal sehen, was du dazu sagst… 🙂

      Liebe Grüße!

  2. Mel sagt:

    Wunderbar… so schön, sich langsam aufbauend, und so berührend. Als ich zu lesen begann war ich nach kurzer Zeit dort, im Geschehen, als stiller Beobachter und ganz gefangen in dieser so besonderen Zweisamkeit. Ich kann es kaum erwarten, den 2. Teil zu.. erleben.

    • Hi Mel!

      Ich freue mich immer, wenn ich von dir lese, ich weiß aber eigentlich gar nicht so genau, warum. Vielleicht weil du anfangs immer *lächel* geschrieben hast, das hat mich an etwas erinnert. 🙂 Ja, die Geschichte sollte auch genau so wirken: still und in sich ruhend, und das eigentlich bis zum Schluss. Wie eben schon geschrieben, mal sehen, wie du das Ende findest. Anfang und Ende sind ja die Schlüsselszenen einer Geschichte.

      Liebe Grüße, Matt

  3. Füchsin sagt:

    berührend….!

    • Hi Füchsin!

      Wie schön, dass du dich auch zu Wort meldest, ich danke dir! Wenn du schon länger dabei bist, weißt du hoffentlich, dass ich die Kommentare normalerweise zeitnäher beantworte. Wenn nicht, dann entschuldige ich mich jetzt für die längere Wartezeit. Ich hoffe, der zweite Teil geht für dich so weiter, wie der erste angefangen hat…

      lg, Matt

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