Zufällige Begegnung (Julia), Teil 3

Er beobachtete, wie sein unverblümtes Angebot sein Ziel erreichte. Ihre Mundwinkel begannen, leicht zu zucken, als würde sie jetzt doch noch in Tränen ausbrechen, sie löste ihren tief in seine Augen versunkenen Blick und sah deutlich verlegen nach unten. Aber sie rührte sich nicht von der Stelle, blieb entspannt neben ihm liegen, die Arme in den Fesseln entspannt hängend und die Beine angewinkelt unter seiner streichenden Hand. Das war ihre eigentliche Antwort, schon bevor sie überhaupt begann, mit Worten zu antworten, zeigte sie ihm so ihre Entscheidung. Denn ihr Körper hatte seiner Massage schon nachgegeben und sich unter seiner streichelnden Hand deutlich entspannt. Er musste ihr nur noch rational über diese Hürde hinweghelfen.

„Hey!“, sagte er leise zu ihr, und ihr Blick ruckte wieder zu ihm auf, sie war wieder bei ihm. „Und ich bin sehr froh darüber, dass ich allem Anschein nach noch gerade rechtzeitig gekommen bin!“ Und mit einem Nicken in Richtung ihres Schoßes fügte er dazu: „Oder hat er dich wirklich ernsthaft verletzt?“

Sie folgte seinem Wink und atmete dann tief durch. Erneut überzogen ein stark abgemilderter Schrecken und eine jetzt deutlich sichtbar werdende Scham ihr zartes Gesicht. Aber in ihrem Blick lag auch eine schwer definierbare Sehnsucht nach seiner Zärtlichkeit, als sie ihm wieder in die Augen sah. „Nein, ich glaube, so stark verletzt hat er mich nicht, dann müsste es richtig schmerzen. Es fühlt sich nur alles wund und geschwollen an. Man müsste mal nachsehen…“, sie kam erstaunlich weit in ihren Überlegungen, stockte dann aber, als sie bemerkte, wohin sie dieser Satz führen würde.

„Ob es in dir alles so verschwollen ist, dass ich nicht mehr in dich eindringen könnte“, vollendete er ruhig und mit neutraler Stimme ihren angefangenen Satz. Sie sah ihm prüfend in die Augen und fand nur ein liebevolles Entgegenkommen in ihnen.

Sie zuckte ein klein wenig zusammen, befeuchtete sich unwillkürlich in einer verunsichert wirkenden Geste die Lippen, wich seinem Blick aber nicht mehr aus. Da war ihnen beiden klar, dass dieses Gespräch weiter gehen würde und auch weitere Konsequenzen haben würde. Matt war jemand, der in sexuellen Dingen grundsätzlich kein Blatt vor den Mund nahm, er wusste aber nur zu gut, dass er das bei Julia nicht ebenso voraussetzen konnte. Und in Anbetracht dessen, was sie eben durchlitten hatte, war er im Moment dazu bereit, mit ihr weiter ruhig und geduldig darüber zu reden, das war er beileibe nicht immer, in der Regel handelte er lieber und stellte die Frauen vor vollendete Tatsachen. Er belastete ihren Geist damit wesentlich stärker, er ging aber bei Julia davon aus, dass er das unter diesen Bedingungen so mit ihr nicht tun konnte, dass ihr Geist bereits mehr als genügend Belastung hatte ertragen müssen. Es genügte seiner Ansicht nach schon, dass er sie in dieser ihm ausgelieferten Stellung bewusst beließ. Er war bereit, ihr die Hand zu reichen und sie zu führen, und das war auch nicht mehr wirklich ein Opfer für ihn, denn sie gefiel ihm immer besser.

„Ich bin froh, dass du…“, sie stockte kurz und wechselte mit ihrem Blick ein paar Mal unsicher zwischen seinem Gesicht und der Tür hinter ihm hin und her, setzte erneut an, „dass du…“, stockte noch einmal und vollendete dann endlich den Satz mit einem deutlich hörbaren Entschluss in ihrer Stimme, „dass du hier bist jetzt.“ Wieder sah sie ihm forschend in die Augen, dann schluckte sie einmal und entschloss sich, weiter zu sprechen. „Und du würdest direkt noch einmal in mich eindringen wollen, ja?“, fragte sie dann mit leise Stimme, und ihre Wangen flammten rot auf. „Ich meine, wir kennen uns ja gar nicht, und dieser Kerl…“ Jetzt erstarb ihr die Stimme doch, sie sah ihn nur hilflos und nach Worten suchend an.

Er lächelte sie ruhig an. Wenn er das so direkt und ehrlich jetzt hätte beantworten müssen, ohne das Ziel im Auge zu haben, das er damit mit ihr verfolgte, hätte er das glattweg verneinen müssen. Das hatte er vorhin nicht gewollt, als er hierher kam und eingriff, und jetzt wollte er es immer noch nicht. Er war eigentlich auf dem Weg zu einer anderen Frau gewesen, einer seiner Frauen, und da ließ er sich bei weitem nicht so einfach ablenken, wie das jetzt nach außen hin wohl aussehen mochte, so frei nach dem Motto, Gelegenheit macht Diebe. Er hatte keineswegs vor, diesen Weg zu beschreiten, den Weg seines Vorgängers, und es war ihm auch überhaupt nicht Recht, dass sein Vorgänger bei dieser Frau ihm gewissermaßen eine Vorarbeit geleistet hatte, die er nun selber weiterführen könnte, wenn er das wollte. Mit Lust, seiner eigenen Lust, hatte diese Situation hier mit Julia ganz sicher nichts zu tun, und mit dieser Frau hatte er heute auch ganz sicher nichts dergleichen mehr vor. Aber er verstand etwas von der zerstörerischen Kraft der erlittenen Eindrücke in ihrem Geist, und die wollte er wirklich gerne entkräften. Und um das wirklich überzeugend tun zu können, reichte seines Erachtens bloßes Reden bei weitem nicht mehr aus. Julia hatte durch die Gewalteinwirkung eine auf Erfahrung basierende Abneigung gegen den sexuellen Akt erworben, die sich auf die ein oder andere Art und Weise in ihrem Leben manifestieren würde, da war er sich sicher, er war dabei gewesen, er hatte gefühlt, was in der Luft gelegen hatte. Und man durfte sich da auch nichts vormachen, die Sexualität stand immer noch im Lebensmittelpunkt eines jeden Menschen, nicht alleine, aber auch. Und ihm gegenüber war sie nun bereit, ihre Vorbehalte fallen zu lassen, das alleine sagte ihm mehr als tausend Worte darüber, was in ihr gerade wirklich vorging. Sicher hatte sie immer noch Angst davor, und diese Angst war gesund nach dieser Erfahrung, normalerweise wäre dieser Kerl ja noch immer hier gewesen. Ihre letzte angesetzte Frage zeigte ihm, dass sie genauer von ihm wissen wollte, wie er das genau gemeint hatte, sie provozierte ihn natürlich nicht, aber sie hielt auch ihre Position halb nackt und schon missbraucht auf dem Bett an die Pfosten gefesselt liegend nicht für provozierend für ihn. Das war bereits ein sehr gutes Zeichen für ihn, sie hatte seine Körpersprache trotz des eben Erlittenen richtig gedeutet und nahm ihn nicht als Bedrohung wahr. Im Gegenteil, was er für sie darstellte, war etwas sehr archaisches, er stellte sich ihr als einer ihres eigenen „Clans“ vor, den sie zwar nicht aus eigener Erfahrung kannte, der sich aber mit ihr befassen wollte, weil sie unter seinem Schutz stand. Das waren reine Gefühle, sowohl in ihm wie auch in ihr, keine Worte oder rationale Gedanken mehr, aber es bestimmte sein Handeln genauso wie ihre Reaktion darauf. Auf eine sehr gesunde Weise wollte sie vorsichtig wissen, wie der Trost und Beistand wohl aussehen konnte, den er ihr da so unvermutet anbot. Und die Regel war sein Angebot ja nun auch weiß Gott nicht, er hatte auch keineswegs mit einer so positiven Reaktion von ihr rechnen können, aber er bekam sie nun.

„Du weißt zumindest von mir, dass ich dich verteidigt habe, ohne von dir darum gebeten worden zu sein, Kleines“, relativierte er ihre erste Aussage sofort, „und das ist sehr viel mehr, als die meisten anderen von mir wissen. Und ich bin immer noch hier und kümmere mich um dich, und auch das hast du dir nicht von mir erbeten. Und was diesen Kerl von eben angeht…“, stockte er lächelnd und wartete auf eine von ihr kommende Reaktion. Sie wartete einen Moment, hing an seinen Augen und runzelte dann etwas verwirrt die Stirn, musterte ihn weiter fast angestrengt intensiv, reagierte auf die Offenheit in seinen Augen ebenso, mit Offenheit. „…der hat das eben so schlecht angefangen, schlechter kann man es gar nicht mehr machen, ein Komplettversager in Sachen einvernehmlicher Sexualität, würde ich mal sagen.“ Sie starrte ihn mit einem Ausdruck leichter Verblüffung an, ihre Kinnlade lockerte sich etwas. Seine etwas auflockernd formulierte Ansicht dieses Vorfalls von einer anderen, seiner Seite hatte ihr Ziel bei ihr erreicht, ihre angespannten Züge glätteten sich etwas und zeigten ihm ihre andere Seite, die er an ihr ja schon vor der Tür auf dem Fahrrad wahrgenommen hatte, ihre eigentliche Seite. „Ein Zugeständnis muss ich diesem Helden des Nachmittags allerdings lassen, er liegt hier nicht immer noch herum und stört das Gesamtbild in deiner hübschen Wohnung. Das ist eine wohltuende Geste von ihm. Ich hätte absolut keine Lust darauf, mir um seinen angeschlagenen Kopf auch noch Gedanken machen zu müssen. Mir reicht eindeutig das, was er in deinem angerichtet hat, mein Kleines.“ Er erntete mit seiner unwillkürlichen wegwerfenden Bewegung seiner anderen Hand dazu tatsächlich ein kleines Lächeln von ihr, und das wichtigste daran war für ihn, dass dieses kleine Lächeln auch ihre Augen erreichte und zum sanften Leuchten brachte. Und dieses Leuchten war ansteckend, er versuchte auch gar nicht, das zu verbergen, und verkniff sich ein breiter werdendes Lächeln bei seinen nächsten Worten nicht. „Einvernehmliche Sexualität heißt nichts anderes, als dass beide Seiten ihren Spaß daran haben“, griff er seinen Faden wieder auf. „Das ist auch nach diesem Vorfall für dich immer noch so, auch wenn du dir das jetzt nicht mehr vorstellen magst. Und auf lange Sicht wäre es für dich ganz sicher ein Verlust, wenn du jetzt nicht damit einverstanden sein wirst, dass ich dir das auch beweise. Und das weißt du auch schon.“

„Für mich?“, fragte sie leicht ungläubig nach, „Das wäre für mich ein Verlust?“ Seine Stimme war leise geworden und sein Lächeln wieder ernster. Er nickte.

„Ja, beim Sex geht es um Dinge, von denen beide etwas haben, nicht nur einer. Ich denke mich in dich hinein, Kleines, und deswegen bin ich auch noch selber bei dir, statt dich in die Obhut der Polizei zu geben. Und jetzt hast du wieder die Macht, dich selber zu entscheiden. Ich zwinge dich zu nichts, ich mache dir ein Angebot. Und gefällt es dir nicht, ein wenig Macht über diese Entscheidung zu besitzen, zu wissen, dass es alleine das ist, was du jetzt zulässt oder tust, das darüber bestimmt, wie wir beide die nächsten Minuten miteinander zubringen?“

Auf ihr Gesicht trat ein plötzlich verstehender Ausdruck, als würde sie diesen Zusammenhang zwischen dem Prinzip des gegenseitigen Geben und Nehmens und der Sexualität erst jetzt so richtig begreifen. So eine Art von Gesprächen führte er mit Frauen auch, deswegen verstand er Julia jetzt auch richtig. Und deswegen setzte er jetzt auch alles auf eine Karte, irgendwann musste er das ja eh mal tun. „Ich halte dich nicht gegen deinen Willen hier fest, Kleines. Ein Wort von dir jetzt und ich binde dich los, wir rufen die Polizei, wir tun, was immer du jetzt tun möchtest. Überlege es dir gut.“

„Du meinst, du fragst mich das, weil du verstehst, was ich fühle?“, fragte sie ihn bass erstaunt, als hätte sie so etwas noch bei keinem Mann überhaupt für möglich gehalten. Er nickte nur und konstatierte trocken bei sich, dass man zu seiner Umgangsweise mit Frauen stehen mochte, wie man wollte, aber er gehörte tatsächlich zu den eher selten anzutreffenden Männern auf dieser Welt, die genau das taten, wenn er auch damit in der Regel ein Ziel verfolgte, dass zuerst seines war und erst zu ihrem wurde, wenn er mit der Frau fertig geworden war. Aber so etwas war hier fehl am Platze, deswegen schwieg er und ließ sie nur freundliche Augen sehen, während ihm diese Gedanken durch den Kopf zogen.

„Der Kerl eben hat den Begriff ’stillschweigendes Einvernehmen‘ wirklich unzulässig weit für sich alleine interpretiert, ohne dich mit einzubeziehen“, fuhr er leise fort und nahm seine Hand von ihrem Bauch, legte sie in einer vorsichtigen und zärtlichen Geste auf ihre warme, blasse Wange. Sie sah ihn mit großen Augen an. „Wenn nur der Mann seinen Spaß an der Sache hat, dann läuft etwas wirklich sehr schief, aber das heißt noch lange nicht, dass es sofort wieder so kommen muss.“

„Aber du wirst mir doch auch ein wenig wehtun, oder?“, zweifelte sie kaum hörbar. „So ganz ohne Schmerz wird das doch wohl kaum noch gehen jetzt?“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Du wirst es ausprobieren müssen, mein Liebes“, führte er sie im Gespräch weiter. „Hast du das ausprobiert? Wenn du das nicht tust, dann wird es dir immer weh tun, egal, wie viel Zeit jetzt noch ins Land zieht. Und ich denke, das weißt du auch.“

Er wartete auf ihre Antwort, obwohl er sie schon zu kennen glaubte. Sie hatte sich über so etwas noch keine Gedanken gemacht, aber sie verstand, was er ihr sagen wollte. Sie wich seinem Blick auch unstet mehrfach aus und rang offenbar mit sich, mit ihrem Wunsch, sich in seine Hände fallen zu lassen und einfach zuzulassen, was er ihr da so offen und selbstsicher anbot, und ihrer Scham vor ihm. Er fand sie einfach bezaubernd und wartete schweigend, beobachtete diesen Kampf in ihr, den er wie einen feinen Duft fast riechen zu können glaubte, so, wie er es oft an Frauen in dieser Phase beobachten konnte. Aber genau deswegen wusste er auch, dass sie das mit sich ganz alleine abmachen musste, es war von einer ausschlaggebenden Bedeutung für sie, dass er ihr dabei nicht half, obwohl ihm klar war, wie schwer ihr diese Entscheidung fallen musste. Und sie erschien ihm jung, sehr jung, sie konnte allgemein noch nicht viel Erfahrung mit Männern gemacht haben. Das war für sie in diesem Moment sowohl ein Vorteil wie auch eine Hürde. Sie war unverbildet und bis auf diese Erfahrung wahrscheinlich ohne jede Erfahrung, egal, ob gut oder schlecht, aber sie war auch unsicher auf dem Parkett, auf dem die erwachsenen Entscheidungen getroffen wurden. Seine Hand auf ihrer Wange war Geste genug.

„Es…“, begann sie schließlich leise und senkte dann doch den Blick, errötete leicht. „es war noch nie so angenehm, wie die anderen immer davon erzählen“, bekannte sie ihm mit einer ganz leisen Stimme.

Er nickte und rutschte ein Stückchen zu ihr hoch, so dass er sein Gesicht näher an ihres bringen konnte, die Umwelt um sie beide herum intim ausschließen konnte. Er hob ihr Gesicht an, bis sie ihm wieder in die Augen sah. Und wieder sah er Tränen in ihren Augenwinkeln glitzern. Sie errötete dazu, als sie seinem Blick begegnete.

„Liebes, da bist du nicht die einzige, die so etwas sagt“, erklärte er ihr leise. Er hatte jetzt in etwa eine Vorstellung, was sie ihm damit sagen wollte, und er brachte das unumwunden auf den Punkt. „Es hat noch nicht so für dich funktioniert, wie du dir das erträumt hast, und jetzt auch noch das. Du bist jetzt noch stärker verunsichert.“ Er musste sich enorm zusammen reißen, als sie ihre Augen wieder groß aufschlug und ihn entwaffnend offen ansah und nur nickte. Sie war jung, sehr jung, das war eine Überraschung für ihn. Er musste seine Gesichtszüge eisern beherrschen, um sie das nicht sehen zu lassen. Ihre Unsicherheit wirkte auf ihn beinahe schon kokett gespielt. Aber nur beinahe, und das auch nur, weil er sich für gewöhnlich mit erfahreneren Frauen befasste. Tatsächlich machte er große Augen, als er ihre Reinheit und Beeindruckbarkeit so offen und ungekünstelt wahr nahm. Auch mit diesen Dingen war es doch wie mit allem, stellte er verblüfft für sich fest. Man musste es wirklich selber erst einmal erleben, bevor man es wirklich richtig kannte und deuten konnte. Und eine so junge Frau hatte er sich einfach noch nie genommen. Ihre Niedergeschlagenheit war völlig unverbraucht und machte auf ihn einen gewaltigen Eindruck.

Er legte die Finger langsam um ihr Kinn, ließ sie sanft über ihre Wange gleiten, bis er ihr Kinn in der Hand hielt. Julia ließ es zu und sah ihn unverwandt an. Er beugte sich vor und gab ihr einen sanften, leichten Kuss auf ihre geschlossenen Lippen, nicht fordernd, einer von der einfach nur behutsamen Sorte. Auch das ließ sie zu und verspannte sich überhaupt nicht, als er sich ihr vorsichtig so weit näherte, weder in den Armen noch im Körper. Ihr ganzer Körper lag weiterhin entspannt unter ihm. Er lächelte ihr aus dieser Nähe in die Augen.

„Und?“, erkundigte er sich leise, „hat das geschmerzt?“  Sie sah ihn nur an, eine einzelne Träne rollte ihr über die Wange. Er streichelte sie zärtlich weg.

„Sage mir, was du fühlst“, wies er sie leise an. „Jetzt gerade. Hat das weh getan?“

„Nein“, flüsterte sie stimmlos. „Es war schön.“

„Dann solltest du jetzt nicht nachlassen“, forderte er leise und ließ ihren Blick keine Sekunde lang mehr los. „Nimm mich beim Wort, dann wirst du auch sehen, dass es mit mir überhaupt nicht weh tut. Das verspreche ich dir!“

Die Vorstellung davon sickerte tief in sie ein. Aber sie wehrte sich diesmal nicht mehr, sie sah ihn auch nicht mehr ungläubig an. Sie nickte nur langsam, und er wurde die Vorstellung nicht los, dass sie sich inzwischen auch sehr wohl bewusst war, wie reizvoll er sie fand. Zeit für ihn, ihr das ein wenig bewusster zu machen.

„Ich gebe gerne zu, dass mir die Vorstellung nicht gefällt, dass irgendein anderer ungeschickter Tölpel diese reizende Seite von dir so kennen lernt wie ich jetzt, und ich bin mir da ziemlich sicher, dass du diese Seite niemandem bisher so gezeigt hast wie mir jetzt. Ich würde sie gerne genauer entdecken, ich habe das deutliche Gefühl, dass sie noch reizender ist, als du es ohnehin schon für mich bist.“ Seine Stimme war nicht viel mehr als ein Raunen. „Liege ich da sehr daneben?“

„Nein“, hauchte sie, „vielleicht habe ich bisher vergeblich gewartet.“ Bei einer erfahreneren Frau hätte dieser kleine Satz lockend und selbstbewusst geklungen, bei Julia wirkte er einfach nur ehrlich. Und er verdiente deswegen auch eine sehr ehrliche Antwort von ihm. Sie war so jung, mit ihr wollte er nicht spielen.

„Ein Grund mehr dafür, darauf zu achten, dass du dieses Geschenk auch dem Richtigen machst, Kleines“, erwiderte er und sah mit einem leichten Lächeln ihr offenes Erstaunen, als sie sich dem darin enthaltenen Kompliment bewusst wurde, ein weiteres Zeichen für ihn, dass sie das so nicht kannte. Er streichelte sanft ihre Wangen mit den Fingern, hielt ihr Kinn weiter erhoben, so dass er nun ihre volle Aufmerksamkeit mit dieser liebevollen Geste einforderte und damit auch genau wissen konnte, dass ihre Gedanken voll und ganz bei ihm waren und nicht bei dem, was ihr vorhin widerfahren war. Und in ihren sanft schimmernden Augen lag der unverblümte, sehnsüchtige Wunsch, dass er weiter sprach.

„Nun, Kleines, ich war ganz sicher nicht auf dem Weg zu dir heute, wie du dir vielleicht denken kannst“, fuhr er deswegen dann nach einer kleinen Pause fort. „Genauer gesagt war ich auf dem Weg zu einer anderen Frau. Und diese Frau ist noch genauer genommen nicht meine einzige. Ich konnte nicht ahnen, dass mir heute ein solches Geschenk gemacht wird, und auch jemand wie ich, der viel selber bestimmen kann, kann so etwas nicht herauf beschwören, so etwas ist immer ein Geschenk. Aber ich habe bereits Frauen, Kleines, mehr als eine, ich besitze sie, sie gehören mir und sie wollen das auch nicht anders. Verstehst du, was ich damit meine?“

Sie wölbte erstaunt eine Augenbraue, machte ein deutlich überraschtes Gesicht. Was er ihr da andeutete, was ihr völlig fremd, das konnte er sofort sehen, und das hatte nun auch sofortigen Erklärungsbedarf. Matt sah sie unschlüssig an. Er hatte bisher noch nie mit einer Frau, die so gar keine Einsicht in derlei Dinge hatte, über sein ureigenes Privatleben gesprochen. Er wusste nicht recht, wie er ihr das begreiflich machen konnte, ohne sie zu verschrecken. Und, so wurde ihm dabei weiter klar, sie war ihm auf einmal nicht mehr gleichgültig. Bisher hatte er rein rational gehandelt, nun ertappte er sich bei dem Gedanken, dass er es ihr auch begreiflich machen wollte. Lag es an ihrer Jugend? Nein, Jugend war ein wunderschöner Vogel, aber flüchtig und in der Regel nicht mit Standfestigkeit verbunden. Er bevorzugte Frauen, die mit beiden Beinen fest im Leben standen, denn sie fanden unter ihm einen neuen Stand. Julia vor ihm musste überhaupt erst einen Stand in ihrem Leben finden. Aber dennoch, ihre Jugend war ausgesprochen reizvoll, denn er würde ihr ihren ersten Stand ermöglichen, unter seinen Bedingungen und Lebenseinstellungen. Vielleicht war es das, er musste die Frau nicht umerziehen, er musste ihr erst einmal nur auf die Beine helfen. Er sah ihr in die rehbraunen, großen, immer noch fragend auf ihm ruhenden Augen. Er ertappte sich bei dem Wunsch, sie würden durch seine Einwirkung jetzt so hingebungsvoll auf ihm ruhen, wie es die Augen seiner Frauen taten. Er atmete tief durch. Matt, schalt er sich selbst, du kannst nicht alle Frauen dieser Welt an dich nehmen. Schlag dir das aus dem Kopf. Aber dieser Gedanke war schon gedacht, und er wollte sich, da er einmal Form in seinem Geist angenommen hatte, nicht wieder vertreiben lassen. Matt atmete tief durch.

Ihre Arme hingen noch immer locker und entspannt in den Fesseln durch, das Seidentuch umhüllte ihren zarten Leib mit einem Farbrausch, und sie machte weiterhin keine Anstalten, das unangenehm zu finden, die Tatsache, dass ihr nackter, halb und roh entkleideter Körper Spuren von Gewaltanwendung zeigte und er ihn auch genau betrachten konnte. Matt beschlich ein seltsames Gefühl. Sie wehrte sich nicht gegen seine Fesselung, alleine das war, zumal unter den gegebenen Umständen, sehr ungewöhnlich, und sie legte ihre panische, zerstörerische Angst im Gespräch mit ihm zunehmend ab, er unterhielt oder verstärkte sie nicht. Das war definitiv ungewöhnlich. Und dieses Gespräch nahm eindeutig eine für ihn unvermutete Wendung.

„Du bist eben in die Hände eines Mannes gefallen, der dich nicht so behandelt hat, wie du es verdienst hast, Kleines“, hob er schließlich wieder an, zu sprechen, mit einer weichen, sanften Stimme. Überhaupt verhielt er sich völlig anders als jemals zuvor, das konstatierte er leicht verwundert bei sich. „Ein Kerl, der seine Erfahrungen mit Frauen an unwilligen Frauen zu sammeln pflegt und ihnen Gewalt antut.“

„Ja“, pflichtete sie ihm leise bei. „Er hat keine Minute lang gezögert, er hat sich verhalten wie ein geschickter Handwerker, ich hatte nicht die geringste Chance.“ Ein Abglanz des durchgestandenen Schreckens ließ die Züge ihres zarten Gesichtes kurz entgleisen, dann war sie wieder ganz bei ihm. Er konnte es deutlich sehen, ihre Augen hingen wie gebannt in seinen.

„Das ist wahrscheinlich einer dieser Männer, die ihre Erfahrung einer großen Anzahl wechselnder Frauen verdankt, und er hat sie alle benutzt und weggeworfen und schämt sich deswegen noch nicht einmal. Diese Männer sind wie Wölfe im Schafspelz für eine junge Schönheit wie dich, sie sehen nicht immer so aus, wie sie es ihrem Inneren nach tun sollten. Du wünschst dir vielleicht einen Mann, der dich respektvoll behandelt und der dir deine Wünsche auch erfüllen kann.“ Immer noch starrte sie ihn wie gebannt an, versank in seinem Blick. „So ein Mann bin ich, Kleines, aber in Frauen- wie in Männerkreisen bin ich auch einer, dessen Handlungsweise sich nicht ausrechnen lässt. Ich tue, was mir richtig erscheint, und die Konventionen der Gesellschaft interessieren mich einen Scheißdreck. Du würdest dich auf einen gefährlichen Mann einlassen, Kleines.“

Nun verstand sie seinen Wink und wohl auch die Richtung, die er einschlug. Immer noch wusste sie darauf nichts zu sagen, sie hatte nicht alle Informationen beisammen, die sie wohl brauchen würde. Sie stellte aber ihr Knie weiter auf, sie schien damit sagen zu wollen, dass sie das nicht wirklich interessierte, denn ihr Geschlecht wurde etwas sichtbar. Er bemerkte es, sah sie aber weiter konzentriert an.

„Für viele Frauen war ich schon der edle Ritter auf einem herrlichen Ross“, zog er einen Vergleich heran, um es ihr zu verdeutlichen, „aber erst, wenn ich dafür gesorgt hatte, dass ihnen das klar werden konnte. Und dafür, mein Kleines, habe ich gesorgt, indem ich sie ihrem Realitätskontext entrissen habe, sie meine Macht über sie habe fühlen lassen, und das war auch mit Schmerzen verbunden, zwangsläufig. Nichts ist wirklich umwälzend für einen menschlichen Verstand, wenn es nichts mit Schmerzen zu tun hat.“

„Du hast ihnen auch weh getan?“, flüsterte sie.

„Ja, Kleines, aber nicht so wie dieser Kerl eben dir. Ich weiß, welche Art Schmerz Frauen in bestimmten Situationen verarbeiten können, positiv verarbeiten. Danach haben sie sich bei mir völlig sicher gefühlt. Kannst du das etwas glauben?“

Sie sah ihm forschend in die grauen Augen und nickte dann zögernd.

„Sich mit so einem Mann einzulassen, ist für den Werdegang einer jungen Frau prägend“, fuhr er fort. „Das könnte dein Leben verändern, ich werde dir eine andere Sicht auf diese Dinge schenken. Eine Sicht, die dich von deinen Altersgenossinnen trennen wird, man kann zwar nicht früh genug den Weg in sein eigenes, innerstes Selbst beschreiten, aber dann nur mit Hilfe, deswegen passiert so etwas selten.“

„Und wenn du bei mir bleibst jetzt, dann passiert das?“

„Ja, Liebes, zwangsläufig, ich werde dir klar machen, was so anders ist an der Art, wie er mit dir umgegangen ist und wie ich das tue. Und das verändert das Verhalten einer jungen Dame wie dir ziemlich sicher.“

Sie zögerte wieder leicht, ihr Atem ging leicht und schnell, wie Flügelschläge. „Ich sehe hier aber keine junge Dame….“, sie zögerte, „und wie heißt du denn eigentlich?“ Ihre direkte Frage war wieder so reizend unbedarft. Er hatte ihn ihr absichtlich noch nicht genannt.

„Matt“, antwortete er ihr, und damit wusste sie mehr als Charlene. Er beschloss, ein weiteres Risiko einzugehen, früher oder später musste er das eh tun, er müsste eh körperlich werden und ihre Intimsphäre so wie sein Vorgänger für sich öffnen. Und dem ging kein wildes Geknutschte voraus, aus diesem Alter war er wahrlich heraus.

„Und ich gehe keine feste Bindung im herkömmlichen Sinne ein, Kleines“, stellte er in den Raum. „Wir zwei sind danach kein Paar im herkömmlichen Sinne.“

Sie stockte, sah ihm forschend weiter in die Augen. Aber ohne Angst, stellte er für sich wieder fest, Julia machte ihm einen immer größeren Respekt. „Keine feste Bindung, meinst du, ja?“, fragte sie ihn mit etwas rauer Stimme, schlug kurz die Augen nieder. Matt konnte sich gut vorstellen, dass sie so etwas von jemand anderem schon hatte  hören müssen, und dass ihr das sehr weh an dieser Stelle getan hatte. „Du meinst, du willst mich von diesem viehischen Akt befreien durch deinen liebevollen Umgang mit mir, aber dann sehe ich dich niemals wieder?“

Sie hatte den Nagel mitten auf den Kopf getroffen. Genau das hatte er vor gehabt. Aber diese reizende junge Frau mit dem klangvollen Namen Julia hatte eine Saite in seinem Herzen zum Schwingen gebracht, in Resonanz mit ihr, und nun wusste er das selber nicht mehr. So unentschlossen hatte er sich selbst wirklich noch nie erlebt, in keiner Situation.

„Ich denke da an eine tiefe Freundschaft, Julia“, antwortet er ihr bedächtig. „Ich will dich nicht einfach ebenso wie er flachlegen. Ich habe drei Frauen, zu denen ich regelmäßig zurück komme, die aber ansonsten ihr Leben völlig normal weiter leben. Du bist eine interessante, schöne Frau, Kleines, und du gefällst mir immer mehr. Das kann ich nicht verhehlen. Ich bin an einer solchen Freundschaft mit dir interessiert, einer anderen Art von Freundschaft, einer, in der ich sowohl deinen Geist wie deinen Körper lieben werde auf meine eigene Art.“

„Sagen das denn nicht alle Jungs?“, fragte sie ihn deutlich verunsichert und keinesfalls misstrauisch oder provokativ. Er antwortete ihr deswegen auch ehrlich, mit einer Aussage, die ihr wirklich weiter helfen würde.

„Nun ja, alle sagen von sich, sie seien etwas Besonders, Liebes“, erklärte er ihr. „Aber nur die allerwenigsten sind das auch. Und ich bin so ein Mann, ich bin nicht ‚jeder‘. Oder macht es auf dich diesen Eindruck, wenn ich hier so mit dir sitze?“

©Matt

Zufällige Begegnung (Julia), Teil 2

Die junge Frau lag immer noch so da wie eben, bewegungslos und mit hart angespannter Skelettmuskulatur, den Kopf zu ihm gewandt, aber ihre Augen starrten blicklos ins Leere. Das, was sie sah, ging wie bei einem Fotoapparat durch ihre Linsen, quer durch ihren Kopf und trat hinten völlig unbearbeitet wieder heraus. Matt blieb für vielleicht für eine Zehntelsekunde regungslos, so einem Blick war er bisher noch nicht begegnet, es schauderte ihn etwas. Ihr Blick flackerte nicht, ihre Pupillen waren starr, ihr Gesichtsausdruck bar jeglicher Emotion, völlig unbeteiligt an dem Geschehen um sie herum. Matt kannte diesen Blick von Models, die fotografiert wurden, und er hatte von ihm von Soldaten im einem Kriegsgeschehen gehört. Für gut und gerne eine Minute hielt ihn dieser Blick gefangen, er verhielt dabei unwillkürlich auch in seiner Bewegung, dann hatte er sich wieder im Griff. Er musste sie jetzt dort abholen, wo sie gerade war, in ihrem ureigenen innersten Rückzugsort, ihrem Kopfzuhause in ihr selbst, dort, wo das Geschehen von eben in ihrem Geist immer noch seinen Lauf nahm mit einer augenscheinlich verheerenden Wucht.

Er ließ seinen Blick kurz über ihren schmalen Körper gleiten. Der Kerl hatte sie mit großen Kabelbindern so fest an ihrem Bett fixiert, dass ihre zarten Hände bereits anschwollen. Er kämpfte für einen Moment seinen Ärger nieder bei diesem Bild. Das T-Shirt der Frau lag zerrissen unter ihrem Oberkörper, der kurze, schwarze Rock war weit hochgeschoben, das Höschen zerrissen und ebenfalls noch unter ihrem Gesäß. Ihre ganze Gestalt wirkte auf ihn wild entblößt, als habe sich ein wilder Bär auf sie gestürzt und ihre Kleidung einfach weggefetzt, um an ihren Bauch zu kommen, ihre Eingeweide, und irgendwie war das ja auch so.

Er löste sich aus seiner Starre und ging um das Bett herum, zog sich im Gehen den schwarzen Mantel aus und warf ihn über einen Stuhl. Er machte ruhig die Küche ausfindig und griff sich ein Messer, suchte dann im Schlafzimmer nach einem Bademantel. Zu seiner Erleichterung fand er einen, zog an dem Gürtel, er hakelte etwas, er zog noch einmal, dann war er frei. Die Frau war das nicht. Er sah ein großes, hauchdünnes, bunt gemustertes Seidentuch neben seinem Mantel achtlos über die Lehne des Sessels geworfen, er öffnete ihren Kleiderschrank und fand einen festen, schmalen Schal. Damit hatte er, was er vorerst brauchen würde. Er trat zu der Frau, legte beide Schals neben ihrem still rasenden Körper ab und schnitt mit dem Messer den Kabelbinder um ihr ihm zugewandtes Handgelenk durch. Die Fingernägel liefen schon blau an. Sie rührte sich nicht, er fesselte sie erneut, aber diesmal routiniert und geschickt etwas lockerer mit dem Gürtel des Bademantels an ihr Bett. Dann griff er über sie und verfuhr ebenso mit ihrem zweiten Handgelenk, nahm den schmalen Schal zum Fesseln. Zum Schluss breitete er das Seidentuch aus und legte es wie einen Gazeschleier über ihre blass leuchtende Haut, vom Dekolleté bis zu ihren Knien. Er fasste sie weiter nicht an, hielt einen gewissen Abstand zu ihr und setzte sich dann einfach neben sie auf das Bett. Sie starrte weiter blicklos geradeaus, hatte scheinbar von alldem nichts weiter mitbekommen.

Er schlug die Beine übereinander, setzte sich bequem zurecht und öffnete zwei Knöpfe seines Hemdes, schlug die Armel leger hoch und fuhr dann mit einer seiner warmen Handflächen unter das spinnwebenfeine Tuch, das ihren Körper wie mit einem psychedelischen Hauch bunter Farben und Formen umgab, aber quasi gar nicht vor seinen Blicken verbarg. Er legte seine Hand auf ihren Oberbauch, der sich noch immer flach und rasend schnell hob und senkte. Er verschwendete keinen Gedanken mehr an den armseligen Kerl, wichtig war für ihn nur das das Abbild, das sie von ihm in sich trug. Er sah einfach nur nieder auf ihr unbewegtes Gesicht, unvoreingenommen, er verurteilte sie ja nicht, ganz im Gegenteil, aber er konnte nichts anderes tun als es ihr zu überlassen, eine Entscheidung zu treffen und die Brücke zu ihm zu überschreiten, die er ihr mit seinem Handeln gerade baute.

Er ahnte, was wohl in ihr toben musste, wie groß ihre Wunden sein mussten, die dieser innere Kampf gerade schlug, aber erfassen konnte er es nicht. Ihr ganzer Körper erwies sich als fest angespannt, die Haut unter seiner Hand vibrierte leicht. Er ließ seine Hand leicht auf ihrem Oberbauch liegen, ließ sie mit ihrer Atmung mitschwingen, begann dabei, ihre Haut leicht und zart zu streicheln. Die Spannung wich nach ein paar endlosen Augenblicken etwas, ihre Haut wurde wärmer, ihr Kinn sackte leicht nach unten, für einige lange Augenblicke war sie hilflos gefangen. Und er musste sich eingestehen, dass er sie in dieser Hilflosigkeit besonders reizend fand, wie ein Rehkitz, das sich schockstarr unter seinem streichenden Griff in seinem Grasnest duckte. Eine schwarzhaare Schönheit, die ihn an ein Rehkitz erinnerte und die gerade von einem Mann schwer verletzt worden war, das war einfach zu viel. Kein Wunder, dass er nicht hatte gehen können.

Er nahm seine Hand nicht von ihrer Haut, wie er es schon lange hätte tun müssen, wenn er sich gesellschaftskonform verhalten wollte, er ließ sie liegen und erweiterte vorsichtig streichelnd den Radius seiner kreisenden, leichten Bewegungen auf ihrer Haut. Kein Druck, kein Zwang. Er hatte noch keine Absichten, aber er war offen für alles, was sich nun ergeben würde. Er ließ seine Finger höher gleiten, streichelte nun ebenso leicht und achtsam ihre flachen, kleinen Brüste, fixierte sich aber auf keine ihrer Formen, ließ sie nur seine Nähe, seine warme Hand und seine leichte Massage fühlen, ruhige, aber sehr zielgerichtete Bewegungen, die für sie aber keineswegs bedrohlich waren, trotz der Intimität, die sie beinhalteten.

Er fragte sich gerade, wie er sie aus ihrer inneren Starre reißen konnte, als ihre Handgelenke sich plötzlich sachte regten. Die Hände der jungen Frau drehten sich als erstes leicht in seinen Stofffesseln, ihr Nacken spannte sich an, ihr Gesicht rötete sich leicht, ihre Wangen flammten leicht auf, als würden sie brennen, und sie wandte ihm etwas ihr Gesicht zu, schloss halb die Augen, als würden sie ihre Handgelenke schmerzen und ihr ganzes Gesicht brennen. Vielleicht hatte sie ja auch ein paar harte Ohrfeigen von ihrem Peiniger erhalten. Ein Grund mehr, diesen Kerl in den Erdboden zu stampfen, knurrte er bei sich.

Er sah ihre halbgeschlossenen Augenlider, ihre Augäpfel rollten schnell hin und her, als würde sie träumen. Er versuchte, sich in sie hinein zu versetzen, nachzuvollziehen, wie sie ihren Angreifer erlebt haben musste. Der Mann hatte sie völlig überraschend und wahrscheinlich von hinten kommend mit seinen gut und gerne 90 Kilo zu Boden gerissen, sie wog vielleicht etwas mehr als die Hälfte davon. Zu einer Gegenwehr anzusetzen war völlig sinnlos für sie gewesen, er war ausgewildert und bewegungsfrei, ihre hatte er ihr durch seinen entschlossenen Angriff genommen. Sie konnte ihn riechen, seine Aggression, sie konnte seine Halsschlagader pochen sehen, so kam er über sie. Das machte er definitiv nicht zum ersten Mal so, das war ihr wohl sofort klar gewesen, zu entschlossen und zielgerichtet war sein Handeln, zu schnell und gewandt brachte er sie zu Fall, machte sie mit ein paar harten Schlägen bewegungsunfähig vor Entsetzen. Vielleicht regte sie sich einen Moment nicht, wollte auf einen Moment warten, in dem er vielleicht unachtsam wurde, auf den einen Moment, den, der ihr eventuell eine Chance geben würde. Doch er griff ihr in die langen Haare dicht über ihrer Kopfhaut, zerrte ihren leichten Körper daran brutal über den Boden zum Bett. Vorbei war es mit dem ersten und einzigen Ansatz in ihr zu einer Gegenwehr, sie konnte seinen festen Entschluss in seiner kräftigen Hand fühlen, sie schrie auf, schmerzgepeinigt, zappelte hilflos mit ihren Beinen über den Boden, das hatte Matt durch die Tür gehört, sowohl das Zappeln wie auch das Schleifen. Er hob sie mit geübten Griffen an, warf sie auf ihr eigenes Bett, sie sah von ihm vielleicht nur seine kräftigen Unterarme und die dicke Adern darauf, als er ihre Handgelenke viel zu schnell für sie mit Kabelbindern an ihren eigenen Bettpfosten festmachte. Schwer fixierte er sie dabei mit seinem Körpergewicht, sie lag beschwert durch ihr eigenes Gewicht dazu in Rückenlage, wie tot konnte sie sich stellen, bevor sie tot war? Ihr Herz musste zum Zerspringen geklopft haben in ihren Ohren, zum Schreien war sie gar nicht gekommen, denn die Schnelligkeit seiner Handlungen hatte ihre eigene Vergegenwärtigung des gerade Geschehenden überholt, aber in diesem Moment begann die Wirkzeit der Auswirkungen seiner Handlungen an ihr. Wie ein routinierter Handwerker war er wohl mit ihrem Körper umgegangen, kein Moment des Zögerns oder Abrutschens, des Zitterns oder der Nervosität, und sie fand mit Sicherheit keine Position, in der sie die ganze Situation und ihr eigenes Gewicht an ihren viel zu fest gezurrten Handgelenken ertragen konnte. Sie wand sich schreiend, sie wusste vielleicht auch, dass sie ihm damit die Bühne bot, die er brauchte, um fortzufahren, aber sie konnte auch nicht anders, ein uraltes Programm hatte ihr Handeln und Denken übernommen, so wie auch seines, ein archaisches, eines, das so alt war wie die Menschheit selber. Wahrscheinlich hatte ihr Angreifer sich an dieser Stelle einen Moment Zeit gelassen und ihr in die Augen gesehen, lange genug, dass sie erkennen konnte, wie albern ihre hilflosen Abwehrversuche waren, er hatte sie zu Boden gerissen wie ein Raubtier und auf diesen Ort hier geworfen, auf dem er sie genau auch haben wollte. Dann hatte er ihr das T-Shirt brutal mit zwei Fäusten aufgerissen, den Rock weit über ihre Hüften geschoben, und als sie in genauer Erwartung des nun Kommenden schrie und schrie, hatte er ihr irgendetwas in den Mund gestopft. Auch das hatte Matt durch die Tür hören können. Kurz war er dann für sie wohl aus dem Bild gekippt, sie hörte das charakteristische Schnarren seines Reißverschlusses, mit dem er seine Hose öffnete, dann musste er sofort wieder über sie gekommen sein, ohne weitere Verzögerung. Wäre das anders gewesen, hätte Matt ihn noch von seinem Vorhaben abhalten können, so war er nicht schnell genug gewesen. Dann mussten seine Augen direkt vor ihren gewesen sein, Zentimeter von ihren panisch aufgerissenen entfernt, nicht mehr als eine Handbreit, sie musste das als ein erstes Eindringen in sie empfunden haben. Sein Geruch nach Schweiß und Gier musste sie wie ein Schlag getroffen haben, ein zweites Eindringen in ihren von reiner Panik erfüllten Geist. Er hatte ihr nicht die geringste Möglichkeit gelassen, ihm irgendwie zu trotzen, geistig eine Schranke zwischen dem, was er dann tat, und ihr selbst zu errichten, einen Verteidigungswall, irgendetwas. Ganz sicher wollte sie ihm keine Bühne bieten, keinen Genuss bieten, keinen Erfolg gönnen, sein Szenario nicht auch noch unterstützen, aber so hatte er ihr keine Chance dazu gelassen. Und dann war dieser erwartete, zerreißende Schmerz durch ihren Unterleib gefahren, als er brutal und ohne Hemmungen hart in sie eindrang, dieser Schmerz musste für sie wie ein Vernichtungsschmerz gewesen sein, überwältigend, in ihrem aufgepeitschten Zustand unerträglich, nicht vorhersehbar, nicht vorstellbar und damit auch nicht irgendwie beherrschbar. Vielleicht hatte sie noch einen Blick direkt in sein verzerrtes Gesicht vor ihrem geworfen, bevor sie dann in einer Agonie aus Schmerzen versunken war und er begonnen hatte, sich in ihr zu bewegen, sie hart zu stoßen. Sie konnte ihm nicht mehr standhalten, jeder Versuch einer Gegenwehr von ihr war kläglich gescheitert, als er das begann, und seine von Lust getränkten, unbarmherzig harten Bewegungen mussten ihr die Luft aus ihren ohnehin schon nur noch unzureichend mit Atemluft gefüllten Lungen getrieben haben. Seine harten Stöße, die unerträglichen Schmerzen und sein lautes Keuchen dabei musste ihr gezeigt haben, dass er sie für seine Bühne reif unter sich liegen hatte. Er wusste das und sie wusste das, und zu diesem Zeitpunkt wusste auch Matt das. Und mit der kalt in ihr entfesselten Panik, die brennend in ihrem Kopf endete und dort verheerend wütete, musste sie sich in ihr letztes Refugium zurückgezogen haben, das ihr noch blieb, ihr Kopfzuhause. Sie war dabei gewesen, mit der letzten ihr verbliebenen Energie zu haushalten, als Matt ihn von ihr reißen konnte, die Luft wurde ihr zu wenig und zu dünn, aber sie war noch nicht weich geworden.

Sie war noch immer nicht weich geworden, dachte Matt mit einem Schaudern, der finale Akt hatte ihre endgültige Zerstörung nicht erreichen können, noch nicht, dank seines Eingreifens und nur deswegen. Aber die brutale Gewalt, die über ihren zarten Geist mit einer verheerenden Wucht hereingebrochen war, die teilte sich auch ihm mit, egal, ob Mann oder Frau, jeder Mensch fühlte in einer solchen Situation das gleiche. Matt besaß die geistige Standhaftigkeit und die Lebenserfahrung, sich solchen Eindrücken zu stellen, die auch ihn heimsuchten, wenn er ihre Körpersignale so neben ihr sitzend deutete. Er besaß nur ein wesentlich besseres Rüstzeug als die junge Frau, mit einer solchen Gewalt gegen seinen Geist umzugehen, er hatte sich seine Kompetenz im Umgang mit ihr redlich erworben durch eine ganze Reihe von eigenen Lebenserfahrungen. Wer nachgab, führte?, dachte er höhnisch. Eine Frau, die sich nur im Spiel unterordnete, aber nicht im Leben? Eine Frau, die Lust auf so etwas hatte? Matt konnte mit solchen Sprüchen nicht sehr viel anfangen, und der Grund lag vor ihm in Gestalt der jungen Frau. Das Leben ging andere Wege, das war offensichtlich für ihn, ob komplizierter oder auch einfacher, das wusste er nicht so genau, aber so war es ganz sicher nicht. Auch die Frauen, die er sich nahm, hatten sich diese Situation ganz sicher nicht so ausgesucht, dafür sorgte er ja selber, deswegen wusste er das auch nur allzu gut.

Sie versuchte noch immer, ihre Seele selber zu retten mit dem letzten Mittel, das ihr noch blieb, die innere Distanzierung von dem Geschehen. Und er würde ihr jetzt nur helfen können, wenn es ihm gelang, dass sie die Konfrontation mit ebendiesem Geschehen in seiner Gegenwart und mit seiner Unterstützung zuließ und zu verarbeiten suchte. Er war dabei, den losen Faden aufzugreifen, den der Angreifer in ihr hinterlassen hatte. Sie musste die Kraft in sich finden, dem Geschehen bewusst entgegen zu treten und es dann mit seiner Hilfe zu relativieren, dann würde sich die zerstörerische Kraft in ihrem Geist auflösen. Er wusste einfach, dass das so war. Aber was er nicht wusste, war, ob sie dazu noch die innere Kraft aufbringen konnte. Es waren nur Minuten gewesen, wenige Minuten, bis er die Situation für sie entschärft hatte, aber das waren Herzschlagminuten gewesen, Minuten wie Schläge auf einer alten Turmuhr, jeder Schlag konnte der letzte sein, der Schlag Zwölf auf der alten Turmuhr, die die letzten Minuten herunter zählte.

Er sah auf ihren zarten Hals, sah das schnelle, flache Pulsieren ihrer Halsschlagader, und auf sich langsam abzeichnende rote Würgemale auf ihrer blassen Haut. Dieser Kerl hatte ihren Kopf hochgezogen mit seiner kräftigen Hand um ihren Hals, hatte sie damit auf Spannung gehalten. Das musste sie noch immer in sich fühlen, wie sich seine Finger um ihren Hals zuzogen. Immer weiter zuzogen. Und sie hatte sich ebenfalls ganz zurückgezogen. Er hoffte, sie nun auffangen zu können, wo sie langsam wieder hervor kam, und das, bevor sie ganz unter dieser Last einbrechen würde. Bevor sie in diese Haltung fiel, in der sie nur noch hoffte, dass es bald vorbei sein würde. Denn genau das würde nicht geschehen, diese Bilder in ihrem Kopf würden nicht vorbei sein, nicht bald und auch nicht in absehbarer Zeit, ihr würde Kälte im Herzen bleiben, eine Kälte, die ihr Herz betäuben würde, Kälte und Einsamkeit, die des missbrauchten Opfers.

Er sah ihr ins Gesicht, als sie dann endlich wieder ihre Augen öffnete. Er streichelte sie sanft weiter, raumgreifender und zärtlich, und fing mit Autorität ihren herumirrenden Blick ein. Er wusste, dass ein intensiver Blickkontakt mit ihm auf die Frauen eindringlich wirkte, und er bewahrte die junge Frau bewusst nicht vor diesem Effekt. Er mochte es überhaupt nicht, wenn Männer diese Eigenschaft besaßen und mit ihr prahlten, aber jetzt und hier warf er alles in eine Waagschale und ließ es darauf ankommen. Entweder er fing sie jetzt ein oder eben nicht.

Sie stöhnte leise und atmete ein paar Mal tief durch. Dann traten Tränen in ihre goldbraunen Augen, langsam liefen ihre wunderschönen Augen über. Um ihr Kinn legte sich ein gespannter Zug, ihre Stirn kräuselte sich leicht und ihre vollen Lippen begannen, leicht zu zittern. Sie bog unwillkürlich ihren Oberkörper in einer abwehrenden Haltung leicht nach oben durch, er dachte nicht nach und drückte ihn bestimmt mit seiner Hand, die gerade zwischen ihren Brüsten lag, wieder herunter.

„Kennst du das Paarungsritual einer australischen Spezies von Unterwasserschnecken, meine Schöne?“, fragte er sie mit sanfter Stimme und ohne nachzudenken. „Das Männchen hat neben seinem ersten Saugrüssel am Kopf einen zweiten, baugleichen, den es für die Paarung mit dem Weibchen ausfährt. Er bohrt ihn in den Kopf des Weibchens. Das Weibchen nimmt dabei keinen Schaden. Aber dennoch gehört dieses Ritual in die Gruppe der traumatisierenden Paarungen im Tierreich.“ Er sah ihr in die Augen, er lachte nicht, denn die Botschaft, die er ihr damit übermittelte, war schnell, hart und glasklar, und er ließ auch seine Augen und seinen Gesichtsausdruck dabei sprechen. Die Information, die er ihr so übermittelte, war die, dass er sehr gut verstand, wie schmerzhaft das eben Geschehene in ihr jetzt wütete, und dass er das sehr ernst nahm und an ihrer Seite stand.

Sie begann, leicht hin und her zu rutschen auf dem zerwühlten Laken, stellte dabei durch leichten Zug sofort und sehr scharfsinnig fest, dass sie noch immer an ihr Bett gefesselt war, aber auch sofort durch die Art ihres Zuges, dass die Fesselung nun leichter und angenehmer war und sie nicht mehr mit ihrem vollen Körpergewicht an ihren Fesseln hing. Sie ballte ihre kleinen Hände probeweise zu Fäusten, öffnete und schloss sie immer wieder, um die Blutzirkulation in ihren angeschwollenen Fingern wieder anzuregen. Matt war einen Moment wie gefangen, das erwischte ihn recht unerwartet, und er starrte sie für einen Moment daher recht überrascht an. Sie musste ihre Lage sofort und sehr scharfsinnig abgeschätzt haben, und ihr Blick musste trotz der unzweifelhaft in ihr tobenden Eindrücke wirklich scharf sein. Langsam wurde sie für Matt wirklich, ehrlich interessant. Sie hob ihren Oberkörper probehalber wieder leicht an, und Matt machte diese Bewegung diesmal mit seiner Hand mit, zeigte ihr so, dass es nicht er war, der sie festgebunden hatte, und dass er auch nicht vorhatte, sie hier festzuhalten, zumindest nicht länger, als er es für nötig hielt. Sie zögerte noch eine lange Sekunde lang und sackte dann wieder zurück in das Kissen, ließ auch die Spannung in ihren Armen fahren. Sie sah ihm jetzt offen und hilflos gerade in die Augen, und um ihre ganze Augenpartie erschien ein sehr angespannter Zug, als würde sie sich erst jetzt ihrer Notlage so richtig bewusst werden und gleich anfangen, laut zu weinen. Ihre Tränen rannen nun lautlos, aber in einem ungebrochenen Rinnsal.

„Schhhht, schhhht, schhhht“, machte Matt leise und wieder voller Autorität, „ja, meistens ist das bei einer Vergewaltigung die verständlichste Reaktion, aber in diesem Fall sitze jetzt ich hier bei dir und du hast keinen Grund dafür. Der Typ von eben musste froh sein, dass er ohne fremde Hilfe überhaupt noch seine Hose wieder zumachen konnte. Geschafft hat er das erst auf der Straße, Liebes, so schnell ist er geflüchtet eben. Er wollte nicht in den sicheren Selbstmord rennen, geschlossen mit all den anderen Idioten, die so etwas tun und dabei von einem Kerl wie mir aufgerieben werden. Und um seine herunter gelassene Hose konnte er sich erst wieder kümmern, als die Doppelbilder vor seinen Augen wieder verschwunden waren, deswegen hat er mit seinem Schwanz ein paar Passanten gut unterhalten.“

Sie sah ihm etwas verblüfft direkt in die Augen und er wusste, er hatte ihre volle Aufmerksamkeit, der wilde Tränenausbruch war erst einmal abgewendet. Damit hatten seine etwas unkoordiniert gewählten Worte ihr Ziel erreicht. Und so ganz nebenbei musste er seine Liste an Beobachtungen ergänzen. Er erlebte nun eine fast niedergeschmetterte Seite an ihr, in der sie aber richtig süß auf den Zug seiner Augen reagierte, sich von ihm weich leiten ließ und vor allem ihren wilden Schmerz beherrschte. Und diese Seite war fast schon zum Verlieben. Entsprechend freundlich hielt er weiter ihren angespannt in seinen Augen ruhenden Blick.

Die Schöne gehörte zu den wenigen Menschen, bei denen das ganze Gesicht auf ihre Emotionen reagierte. Jeder Teil ihres ebenmäßigen, ovalen Gesichtes und seiner Mimik hatte seine eigene Rolle. Dieser angespannte Zug um ihre Augen wurde etwas weicher, machte einem intensiv in seinem Blick ruhenden Paar wirklich wunderschöner, großer rehbrauner Augen Platz, die durch die unermüdlich laufenden Tränen glänzten. Ihre zarten Nasenflügel bebten leicht, ihr Kinn zog sich etwas zusammen. Dieser ganze Gesichtsausdruck war offen und ungehemmt, nicht aufbegehrend, effekthaschend oder verhalten, wie er es bei sehr vielen Damen erlebte und nicht mochte. Das Wichtigste war aber, dass seine Ruhe ihre Augen erreichte und zum Funkeln brachte. Er konnte das Feuer in ihr neu entfachen, und ganz offensichtlich besaß sie Feuer. Und das gefiel ihm an ihr so gut, dass er nicht mehr versuchte, seinen Gesichtsausdruck so eisern zu beherrschen, sondern sie ein wirklich ehrlich gemeintes, liebevolles Lächeln sehen ließ. Er signalisierte ihr damit ganz offen, dass sie von einem fremden Mann überfallen worden war, dass sie aber jetzt zu seinem Stamm gehörte und damit unter seinem Schutz stand, und dass er diese Situation für sie schon bereinigt hatte, dass es deswegen keinen Grund mehr für Panik oder einen Ausbruch unbeherrschbarer Schmerzen in ihr gab. Das war so archaisch wie das, was ihr eben passiert war, und deswegen verstand sie es auch sofort. Ihr Gesichtsausdruck wurde gelöster, ganz offensichtlich konnte sie den Druck in sich etwas abbauen und auch eine Entscheidung treffen, nämlich die, ihm jetzt und hier zu vertrauen. Sie warf einen Blick an sich hinunter auf seine streichelnde Hand, die inzwischen über ihren ganzen Brustkorb fuhr, dann sah sie wieder auf und studierte sein Gesicht genauer.

Sie stellte dabei ruhig eines ihrer schlanken Beine auf. Sein Kalkül schien aufzugehen, der feine, gazeartige Stoff gab ihr eine intime Sicherheit in ausreichendem Maße, sie entschied sich bewusst dazu, zu bleiben, in der Lage, die er für sie vorgesehen hatte. Sie wandte sich ihm zu und nahm ihn etwas genauer in Augenschein.

„Du hast ihn vertrieben, nicht wahr?“, fragte sie ihn das Offensichtliche und befreite sich dabei ganz offensichtlich immer mehr von ihrer beklemmend beängstigenden Situation. Er lächelte und nickte nur. Ihr Blick wechselte noch einmal zwischen seiner streichelnden Hand und seinem Gesicht hin und her und fragte ihn dann mit großen, offenen Augen. Er stellte sein Streicheln nicht ein, und sonst tat er weiter auch nichts, als ihren suchenden Blick lächelnd ruhig und freundlich zurück zu geben. Überraschung zeichnete sich in ihrem Gesicht ab, dann kämpfte sie wieder erfolgreich mit den Tränen. Sie sah die Art, wie er sie ansah, und das gab ihr den Rest. Ihre Augen liefen über. Er verurteilte sie nicht für das, was ihr eben zugestoßen war, ganz im Gegenteil, er fand sie immer bezaubernder. Das ließ er sie deutlich sehen und fühlen, und auch, dass er auf eine Entscheidung von ihr wartete.

Sie schlug ihre langen Augenwimpern kurz verschämt nieder, atmete zwei, drei Male tief durch und hob den Blick dann wieder, bis sie seinem begegnete. Dabei hob sie nun auch ihr anderes Bein an und legte beide Beine mit den angewinkelten Knien aneinander gelegt schräg erst auf die eine, dann auf die andere Seite, als würde sie ihr Unterleib schmerzen. Er löste kurz seinen Blick und ließ seine warme Hand an ihrer Flanke herab wandern bis auf ihren Bauch, sah dabei zur Seite auf ihren schlanken Körper. Er legte seine Hand bewusst zärtlich auf ihren warmen Bauch und streichelte ihn sanft, massierte ihn leicht. Er atmete tief und etwas unschlüssig durch. Er musste sich langsam auch entscheiden, und zwar rechtzeitig, bevor sie für ihn nicht mehr zugänglich war. Noch hielt sie sich an ihm fest, begann, Vertrauen aufzubauen. Aber er war ihr völlig fremd, lange konnte er diese Hilfestellung an ihr nicht mehr leisten, wenn er nicht einen Schritt weiter ging jetzt. Und ihre reizende, offene Art traf ihn in Form einer unerwarteten Wendung, mit allem hatte er gerechnet, aber nicht wirklich damit, dass sie bereit war, sich von ihm tatsächlich helfen zu lassen, ohne Wenn und Aber.

„Ich bin Julia“, sagte sie inzwischen, und sie sprach ihren Namen unversehens überaus reizend mit einem weichen italienischen Akzent aus. Das gab für ihn den Ausschlag, so eigenartig ihm das selber auch vorkam, aber das gefiel ihm einfach zu gut.

„Freut mich sehr, Julia“, erwiderte er und brachte seine Hand deutlicher in ihr Bewusstsein, indem er einen ihrer aufgestellten Oberschenkel hinauf strich bis kurz unter das Knie, dann wieder hinunter an ihre Hüfte, ihre Hüfte dann leicht und zärtlich mit seiner Hand umspannte, wie er es bei einer Geliebten tun wurde. Ihr Blick huschte kurz herunter zu der Stelle, wo er ihren Körper mit einer warmen Hand umfasst hielt und leicht zudrückte, dann wieder prüfend in seine Augen. Sie suchte nach einem Hinweis für seine Absichten, und gerade die waren ihm nun selber nicht mehr so klar. Ihm war bewusst, dass sie ihn nicht lesen konnte, was sie in seinem Gesicht nun fand, war gleichzeitig alles und nichts.

„Er hat mir eben sehr weh getan“, bekannte sie ihm mit schwankender Stimme, suchte nach einer nicht allzu gefühlsschwangeren Form, ihn in ihr Fühlen mit einzubeziehen. Diese süße Scheu und fast schon anrührende Unschuld in ihrer Stimme gaben ihm den Rest, zeigten sie von einer so reizvollen Seite, dass er sich fühlte, als könne er sich in sie verlieben. Und er erfasste auch sofort, dass sie ihn nicht von seinem Handeln abzuhalten versuchte, ganz im Gegenteil, sie wies ihn mit keinem Wort zurück, wie sie es ganz unzweifelhaft getan hätte, wenn sie ihn mehr auf Distanz hätte halten wollten oder gar Angst vor ihm gehabt hätte. Auch hätte sie dann versucht, ihm ihren Oberschenkel zu entziehen, weil er sehr dicht an ihrem Schoß vorbei streichelte, aber auch das passierte nicht. Ganz offensichtlich machte er ihr keine Angst, er machte ihr alles andere als Angst, er hatte den Eindruck, dass er ihr eher Sicherheit geben konnte.

Er sah ihr direkt in die Augen, wich ihrem Blick bewusst nicht aus, wie es die meisten Idioten in der Normalbevölkerung wohl an dieser Stelle getan hätten, an der sie bereit schien, über ihr Empfinden aus ihrer rein weiblichen Sicht der Dinge heraus zu sprechen und ihn ganz intim mit einzubeziehen. Er atmete nur einmal tief durch, dann hatte er sich entschieden.

„Das ist mir klar, Kleines. Ich habe gesehen, wie dieser Vollidiot in dir extrem hart gewühlt hat“, bestätigte er sie nickend und rief damit eine leicht verunsicherte Reaktion bei ihr hervor. Das waren klare Worte, und er setzte noch einen drauf. „Das war eben nicht die übliche geile Mischung aus Gewalt, Sex, Lust und Unterwerfung, Liebes. Er hätte dich eben verdammt übel zugerichtet, wenn ich nicht eingeschritten wäre. Dazu muss er aber noch ein wenig früher aufstehen, in meiner Gegenwart zieht er diese Nummer nicht durch. Und bei mir würdest du auch ganz anders empfinden, Liebes, und das hat rein gar nichts mehr mit meinem guten Aussehen zu tun.“

Es dauerte einen kleinen Moment, bevor sie diese offene Avance von ihm verarbeitet hatte, und er bestätigte sie noch. Er wusste, wie ungewöhnlich sein Vorschlag an dieser Stelle war. „Und das würde ich dich nach dieser schrecklichen Erfahrung nur zu gerne auch fühlen lassen dürfen, Kleines. Alleine dafür hätte es sich heute schon gelohnt, hierher zu kommen, nur um zu sehen zu können, wie dieser entsetzte und gepeinigte Ausdruck in deinen wunderschönen Augen sich wieder ändert und nie zurück kehrt. “

©Matt

Nachtrag zu meinem Alien-Aufruf von gestern

(Hallo! Vielen Dank dem einen Follower schon mehr, sei herzlich willkommen! Und natürlich auch noch einmal vielen Dank an Krystan, der seine Leser hierher geschickt hat! Bei euch gehe ich davon aus, dass ihr etwas von der Materie versteht, das ist sehr angenehm für mich, zu wissen! Ich muss noch etwas nachtragen, ich bitte, wie immer, zu bedenken, dass ich kein Geschlecht benenne, wie ich es gestern schon ausgeführt habe! Ansonsten weiß ich nicht, ob ich heute noch die Kraft finde, noch einen Post zu setzen, mal schauen, lest selber, dann wisst ihr auch, warum! Liebe Grüße von eurem echt erschossenen Matt)

So, einen Tag später bin ich vom Kampf gegen ein unmenschliches Alien namens Schwiegermutter immer noch erschöpft, und vor allem musste ich heute endgültig die Waffen strecken. Deswegen noch einmal ein dringender Nachsatz zu meinem dringenden Aufruf von gestern, ich bin echt in Not!

Man wird es nicht glauben, aber es ist wirklich die reine Wahrheit und es hat sich so heute am späten Vormittag zugetragen. So etwas könnte ich mir gar nicht einfallen lassen. Es gibt ja Leute, die können einem das Blaue vom Himmel lügen oder besser lügen als jeder gesprochene oder geschriebener Werbeslogan (Leser dieses Blogs wie immer ausgenommen von allem!), und das ohne mit der Wimper zu zucken, aber bei mir ist das nicht so! Solche Leute sind mir auch unheimlich, wenn ihr es wissen wollt! Ich finde, das ist auch eine echt schon bald unmenschliche Eigenschaft…

Mein Partner setzt sich heute Morgen zu mir ans Bett und meint grinsend zu mir: „Du, der Kampf geht in die nächste Runde, meine Drachenmutter hat heute Geburtstag!“ Ich bin noch gar nicht ganz wach, das ist also ein Überfall. Ich sehe ihn völlig entgeistert an, ich kann das nicht fassen, wie macht sie das bloß? Ich wollte doch eigentlich noch ein wenig dösen, aber damit ist es jetzt ja wohl vorbei, ich bin mit einem Mal hellwach.

Er sieht in meine weit aufgerissenen Augen und meint: „Du, das geht aber nicht, da musst du auch gratulieren!“

WAS muß ich?

Wer mich näher kennt, weiß von mir, dass ich sowieso dazu neige, Geburtstage im Allgemeinen zu vergessen, wirklich ohne jede böse Absicht, allen voran meinen eigenen Geburtstag. Ich HASSE Geburtstagsfeiern und ich mag es auch nicht, wenn man mir an diesem Tag gratuliert. Aber bei meiner Schwiegermutter soll ICH freiwillig gratulieren, ja?

Mein Partner sieht mir ins Gesicht und grinst breiter. Er ist mir gegenüber wirklich im Vorteil, er kennt das schon ein ganzes bisheriges Leben lang. Ich nicht. Er kostet das etwas aus, dass ich so perplex bin, aber er will mich ja auch nicht im Regen stehen lassen. Er meint also: „Ich vermittle auch für dich! Ich rufe an und gratuliere, dann gebe ich dir den Hörer, und du sagst dann, dass die Eier piepen!“ (Die Eier im Eierkochdingsbums, wir haben noch nicht einmal gefrühstückt!)

Ich liege noch im Bett. Es ist Samstagvormittag, ich bin noch fertig von der Woche, ich kann mich einfach nicht wehren. Für mich ist das ein strategisch total ungünstiger Zeitpunkt, ich bin sowieso schon außer Gefecht gesetzt. Er sagt ruhig und ohne sichtbares Mitgefühl: „Ich ruf dann mal an, dann hast du es hinter dir. Sonst kotzt du mir noch das Frühstück gleich wieder aus!“ Sehr nobel von ihm, wirklich, denke ich mit schmerzendem Schädel und lächle gequält, nicke aber. Ich hab ja auch einfach keine andere Wahl, das ist so, als würde mir jemand eine geladene Browning an die Schläfe halten. Er ruft an und meint weiter grinsend: „Besetzt! Sie ist eine wichtige Frau heute!“

Kann ich mir denken! Ganz sicher geht es anderen auch so wie mir… Wir sitzen dann am Frühstückstisch, und er hat immer noch nicht ein zweites Mal angerufen. Jetzt muss tatsächlich ICH ihn auch noch persönlich daran erinnern! Das ist wirklich die höchste Stufe der Quälerei, denke ich empört bei mir. „Du, willst du nicht?“, frage ich ihn. Er stutzt, lacht auf und grinst schon wieder. „Das hab ich ja glatt wieder vergessen!“ Ja, so etwas kann man auch nur vergessen, wenn man schon vertraut mit so einer Folter ist!

Er ruft an. Diesmal ist sie sofort am Apparat, ich höre ihre Stimme durch das Handy bis zu mir. Er beginnt, ohne ein Begrüßungswort laut und vollmundig zu singen. Happy Birthday. Er kann gut singen, aber er unterbricht sich und lacht auf. „Ich bin es, du dumme Nuss!“, ruft er aus, „dein Kind!“ Er sieht lachend zu mir. „Sie dachte, es wäre ein Anruf aus dem Rundfunk!“ Ich muss gegen meinen Willen auch grinsen, so weit ist es schon gekommen, ich lache schon über meine eigene Folter, die gerade stattfindet. Ich kann aber nicht mehr anders, das hat sie ja wirklich gedacht. Das ist einfach zu viel für mich! Und ich muss an eines der vergangenen Sylvester denken, wo wir dem Feuerwerk draußen tätig beigewohnt haben und meine Schwiegermutter betrunken war. „Wer sind Sie denn?“, hat sie da meinen Partner gefragt, und da hat er genauso gelacht und gesagt: „Mann, ich bin dein Kind, du dumme Kuh! Dein Kind! Hast du das jetzt kapiert?“ Ich hätt mir vor Lachen fast einen Feuerwerkskörper in die Hand gejagt. Und wer jetzt denkt, das wäre übertrieben, das ist es nicht! So war es wirklich! Meine Sprache verroht langsam, aber so war es eben, basta.

Ich bin etwas in diese Erinnerung versunken und höre meinen Partner am Telefon lachend sagen: „Ja, dein Alter sieht man dir wirklich nicht an… Nein, die paar Pfunde mehr, da brauchst du dir wirklich keine Gedanken zu machen…“ Ich muss ihn wiederwillig bewundern, wie er mit ihr umspringt, also ich pack das so einfach nicht. Bei ihm sieht das so einfach aus! „Geht ihr denn heute Essen bei deinem Geburtstag?“, fragt er sie breit grinsend und sieht mich dabei noch breiter grinsend an, seine Betonung lag auf dem Wort Geburtstag, aber diese ironische Feinheit hat sie nicht mitbekommen, und das weiß er, und ich weiß es natürlich auch. „Zum Sternechinesen!“, ruft er aus und muss richtig lachen. „Ich wusste ja gar nicht, dass es Chinesen gibt, die einen Stern haben!“ Was redet er da für einen Unfug? Ich kann diesem einseitig zugehörten Gespräch schon nicht mehr folgen, ich bin schon abgehängt. Auch, weil ich ihre Stimme wohl verstehen könnte, wenn ich mich anstrengen würde, laut genug ist sie ja, aber ich will einfach nicht, ich mach beide Ohren zu und verdränge das. So bekomme ich auch nicht mehr alles mit, aber manchmal führt es auch nur zu Gehirnschäden, wenn man immer alles mitbekommen will…. Er drückt mir gegen das Knie, er steht beim Telefonieren und geht auf und ab, ich sitze entkräftet. „Ach so“, ruft er aus und meint dabei eher mich, „dieser Chinese soll mehr als einen Stern haben?“ Ich pack das nicht mehr, das ist zu viel Unfug für mich am Samstagvormittag.

Und dann meint er: „Ich geb dich mal weiter!“, und drückt mir den Hörer in die Hand, nickt mir zu und grinst weiter. Er hat seinen Spass, das ist schon ein Dauergrinsen. Ich nehme geschlagen den Hörer und rufe aus: „Ja hallo! Und herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“ Mir bleibt hilflos jedes weitere Wort in der Kehle stecken, aber sie hat mich ja schon wieder am Schlawickel, sie plaudert drauflos. Das, was sie immer zu mir sagt, ich kenn das schon auswendig, das sagt sie immer. In einem leeren Hirn ist so viel nicht drinnen. Etwas von einem Meter und zwanzig großen weißen Gladiolen, ich hab haushohe weiße Gladiolen vor meinem inneren Auge, ich weiß es echt nicht mehr. Eines fällt mir jetzt aber doch noch ein, sie sagt scheinheilig: „Ich hätte ja nicht gedacht, dass ihr euch an meinen Geburtstag erinnert, dass sich überhaupt jemand daran erinnert!“ Also ehrlich, als ob es jemand auch nur wagen würde, das zu vergessen! „Ihr seid erst die zweiten heute!“, meint sie weiter. Das ist ja echt klasse! Wir sind auch noch die brave Vorhut, sozusagen beispielhaft pünktlich in der Gratulation! Und ich bin genau dafür aus dem Bett geworfen worden! Ich fühle den Gehirntumor schon geradezu wachsen, das kann unmöglich lange gut gehen… Ich sage nur Ja und Amen, ich will nur, dass es bald zu Ende ist, und ich will schon wieder nicht die Form verlieren, es ist zum Fuchsteufelswild Werden! Ich hab ja noch nie die Form wirklich verloren! Wäre das mal der Fall gewesen, wäre sie glatt aus ihrer Wohnung am anderen Ende geflogen, durch das geschlossene Fenster! Ich komme mir vor, als wäre ich sozusagen unter meinen wachsamen Augen gefesselt und geknebelt worden… Sie redet munter weiter und beendet dann zufrieden selber das Gespräch, weil sie zu spüren scheint (man erinnere sich an meinen Aufruf gestern), dass ich nicht weiter auf sie eingehen werde, als ich es schon tue.

„Du kannst mich immer anrufen, wenn mal was ist, hörst du?“, fragt sie mich am Ende. „Ich hab ja Telefon hier!“ Ich muss an gefährliche psychiatrische Kliniken und Aliens denken, mir geht schon alles Mögliche durch den Kopf, völlig überlastet, aber ich schaffe es, das Gespräch freundlich zu beenden. „Ich hab ja Telefon hier!“ Als ob sie in der Steinzeit leben würde. Aber irgendwie ist diese ganze Sache ja auch so ein echt archaisches Ding. Aliens sind eben auch sehr alt, das merke ich immer wieder.

„So, jetzt haben wir es geschafft!“, meint mein Partner immer noch grinsend und nimmt mir das Handy aus der Hand, es wäre mir fast runtergefallen. „Jetzt ruft die alte Raubechse auch morgen nicht mehr an, du wirst sehen, jetzt ist sie zufrieden, weil sie wichtig ist, aber diese Energieleistung für so einen Zinnober muss man auch erst einmal aufbringen!“ Er sieht mich an. „Hast du sie denn eben auch nicht abgewürgt?“, fragt er mich doch glatt. Das Gespräch von mir hat ihm eben wohl nicht lange genug gedauert, er scheint dem Braten nicht zu trauen. Er kennt mich ja nun mal eben auch. „Sonst ruft sie nämlich noch einmal an!“ Ich atme tief durch, bevor ich antworte, zähle innerlich bis drei. „Nein, sie hat das Gespräch selber beendet!“, erinnere ich mich dann mühsam und bin auch noch froh darüber, dass es wirklich so gewesen ist und sie in aller Seelenruhe selber so lange quatschen konnte eben, bis sie das Gespräch selber zu beenden geruhte. Muss ich dazu noch mehr sagen?

Ich sehe meinen Partner nachdenklich an. Die alte Raubechse, hat er seine eigene Mutter bezeichnet, und das nicht zum ersten Mal. So würde ich es von einem Krokodiljungen erwarten, das über seine Mutter spricht. Man weiß das ja, Reptilien kennen keine Liebe, und insbesondere auch keine Mutterliebe. Mein Partner sieht mich jetzt auch so an, wie ein Reptil. Also immerhin stammt er ja wohl auch rein biologisch von seiner Mutter ab wie ich von meiner, was hat das wohl mit ihm und aus ihm gemacht? Bei MIR hat das keine Schäden verursacht, aber wie ist das eigentlich bei ihm? Ich denke mir mal, auch die Aliens können es nicht verhindern, dass ihr eingepflanzter Fötus Schaden erleidet, wenn sie sich die falsche Leihmutter aussuchen… Und wenn das gar die falsche Alien-Leihmutter gewesen sein sollte… Mein Blutdruck meldet sich schon wieder. Ist er jetzt ein Alien Abkömmling oder eine Echse? Ich komm echt durcheinander. Ich verscheuche diesen Gedanken energisch, mit mir gehen schön die Gäule durch, wie es aussieht. Wenn das so weiter geht, sehe ich hinter jeder Ecke ein Alien, und dann will ich nicht mehr leben…

Aber vielleicht ist er ja auch gefährlich, mein Partner, schießt es mir ungebeten durch den Kopf. Echsen sind im Allgemeinen nicht zimperlich, nicht ungefährlich, bissig, sie sind Raubtiere, oder? Also von dieser Seite hab ich das noch gar nicht gesehen! Bisher hatte ich ja immer Vertrauen zu ihm, aber jetzt kommen mir da plötzlich Zweifel. Was, wenn er mich wie eben eine Echse nachts und heimlich überfällt? Mich zu Tode beißt, wenn ich wehrlos bin, gerade schlafe? Also wirklich, so ein Blödsinn, das hätte er schon lange tun können, wehre ich mich gegen meine eigenen Gedanken. Aber Echsen sind schlau, nicht wahr? Sie haben so ein Urzeit-Denken, so ein Reptiliendenken, das weisst du ganz genau! Sie können warten, sie lauern, wenn sie etwas wirklich fressen wollen…. Und sie haben eine wahrhaft reptilienhafte Geduld! Sie warten auf den besten Augenblick, den geeigneten, um zum Fangbiss zuzuschnappen. Das sind deine eigenen Worte, erinnert mich diese aufsässige Stimme, das hast du selber schon so geschrieben. Und was machst du dann? Wenn dich das ereilt?

Ja, also wenn dem so sein sollte, dann wird mich mein Schicksal wohl dahin raffen! Ich bin von mir selber schon total entnervt, also das geht zu weit! Ich hab ja aufgepasst! Ich kann nicht auch noch einen Aufruf an alle von Echsen bedrohte Alien Abkömmlinge starten, dann werde ich wirklich für bekloppt erklärt, und die psychiatrischen Kliniken… Also dann werd ich wohl gefressen! Basta! Man muss auch mal nachlassen können, man kann sich eben im Leben nicht auf alle Gefahren einstellen! Und man kann da manchmal auch nach vielen Jahren noch Überraschungen erleben! Ja, so ist das eben! Unmöglich ist gar nichts! Ich verbiete mir selber in Gedanken den Mund, jetzt ist Schluss! Er wird dir niemals gefährlich werden, und damit ist Schluss jetzt!

Oder sollte das schon der Gehirntumor sein, der sich mit diesem hartnäckigen Gedanken ankündigt? So schnell? Das weiß ich spätestens, wenn ich gegen unsere Glastür im Flur renne. Das ist einem anderen auch so passiert, und ein paar Monate später… Also, mit einem solchen Entsetzen treibt man keine Scherze! Ich erkenne mich selber nicht mehr wieder! Aber so etwas passiert, wenn man zu einer solchen Tat gezwungen wird, da haben wir den Salat…

Ich versuche, sofort das Thema zu wechseln, nur weg von diesem Vorfall, es steht so etwas Angenehmes wie ein gemeinsames Frühstück an, ich sag nix mehr und versuche, diese unvermutete Zwangsmaßnahme gegen meine Person wieder aus dem Kopf zu bekommen.

Mein Partner entlässt mich auch sofort aus seinem Griff. Er kennt mich ja, er weiß, was ich durchmache. Wir sehen uns eine satirische Sendung an beim Frühstücken und ich komme so langsam in ruhigere Gewässer, hab auch wieder gute Laune. Da fällt im Zusammenhang mit der anstehenden Wahl der Satz: „Und alle Erwachsenen haben ein Anrecht auf Erwachsenen-Kitaplätze, und man darf seine Angehörigen im Garten vergraben!“

Ich seh meinen Partner an und sage: „Aber deine Mutter kommt mir nicht in den Garten!“ Er guckt zurück und meint: „Wieso? Wenn wir Geld dafür bekommen?“

Bin ich doch umzingelt? Ich weiß ja, er sagt von sich selber auch, er wäre ein Alien, genauso wie ich. Aber ist er mir gut gesonnen, wenn er bei so einem Satz noch so grinsen kann? Ich weiß es nicht mehr! Ich meine, es ist nicht, dass ich das Geld nicht nehmen würde, aber der Gedanke, dass sie nach ihrem körperlichen Ableben weiter zu mir kommt, also der bringt mich doch aus der Fassung! Ihn scheints nicht, aber der hat auch wirklich vor nix Angst! Was ist das jetzt, was zeigt er da, Mut oder Tollkühnheit oder Dummheit oder einfach Abgebrühtheit? Wahrscheinlich wirklich das letzte. Und echt, also wirklich, das ist auch das Letzte! Oder ist das ganz schlicht und ergreifend die Echsennatur? Das hatte ich eben schon, das Thema ist durch!

Und  gerade eben ranzt er mich dann auch noch an, er hätte jetzt weder Zeit noch Lust mehr, er hätte schließlich eben unmenschliche Anstrengungen auf sich genommen, ob ich das nicht gesehen hätte? Ja, nicke ich geschlagen, hab ich gesehen! Und das weiß ich ja auch!

Und das wars dann. Für den Moment hat SIE gesiegt, auf der ganzen Linie.

Und deswegen ist das hier ein echtes SOS-Signal von mir! Save my soul!

Aber mir fällt dafür eine Geschichte ein, wie ich sie doch noch rankriege, wenn auch nur in meiner Phantasie. Matt könnte sich einer Frau bemächtigen wollen und dabei mit deren Schwiegermutter völlig unvermutet aneinander geraten, vielleicht erst am Telefon, und dann steht sie auf einmal vor der Tür! Damit kann auch Matt nicht rechnen, kein Mensch kann mit so etwas rechnen. Aber Matt wäre nicht Matt, wenn er sich nicht zu helfen wüsste, auch in einer solchen Situation, er wird nur zu wirklich radikalen Mitteln greifen müssen…. Und ich schwöre euch, Matt wird nicht lange fackeln, Matt lässt sich das nicht bieten…

Das wäre dann ebenso eine erotische Geschichte wie auch eine Horrorstory UND ein Krimi! Ich hasse ja Krimis, aber da könnte ich mal eine Ausnahme machen! Und da frag ich mich, wie ich dazu komme, so zu schreiben? Das liegt doch auf der Hand…

Deswegen bitte ich noch einmal alle Alien Angehörige, die NICHT von diesen vier besagten Planeten abstammen, sich doch bitte zu melden! Noch ein Jahr packe ich das nicht ohne eure Unterstützung!

Und kennt jemand von euch einen Test, der sicher ausschließt, dass ein anderer in Wahrheit eine alte Echse ist?