A New Year`s Night Concert, Teil I (Constanze) – Die Brücke

A New Year`s Night Concert – eine Geschichte in einem oder in zwei Teilen? Was denkt ihr?

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Sie stand auf der Brücke. Sie wusste nicht, wie lange sie schon hier stand und in das dunkle, gurgelnde Wasser unter ihr starrte. Die Zeit hatte für sie keine Bedeutung mehr. Die Welt hatte für sie keinen Sinn mehr. Sie war um ihr Leben betrogen worden, und das war eine ganz normale Sache. Niemanden scherte es. Niemand machte sich die Mühe, sie zu fragen, was sie alles eingesetzt hatte, um hierher zu kommen. Vierzig Jahre war sie alt, und schon am Ende ihres Lebensweges.

„Was soll ich denn noch hier?“, dachte sie aufbegehrend und bitter und zog die Nase hoch. Der kalte Wind blies ihr direkt ins Gesicht, doch sie bemerkte es nicht einmal mehr. Die Tränen waren versiegt. Nur die Verzweiflung war geblieben, der Schmerz – und die Einsamkeit.

Es war eine gefühlte Ewigkeit her, dass sie ihn wirklich heiß geliebt hatte. Aber sie hatte ihm immer vertraut, bis heute noch. Und da stand sie nun, mit ihrem Vertrauen in eine für sie leere Hülle, Vertrauen in ein Leben ohne Inhalt mehr, sinnlos. Ihr Vertrauen war nicht berechtigt gewesen.

Sie fühlte sich leer und ausgenutzt. Sie glaubte ihm immer noch, selbst jetzt noch, sie konnte gar nicht anders. Sie war froh, jemanden gefunden zu haben, der ihr in ihrer Sinnkrise half. Und nun stellte sie fest, dass er in Wahrheit ganz weit weg von ihr war. Er meldete sich einfach nicht mehr, er ließ den Dingen einfach ihren Lauf. Wenn ihre Gefühle für ihn zur Bedrohung wurden, dann reagierte er abwehrend, er trug keine Schuld daran, dass sie von ihm emotional abhängig geworden war, dass sie ohne ihn nicht mehr leben wollte und konnte. Er sagte dann gerne, dass er ja gar nichts daran tat, dass er völlig passiv blieb. Es geschah ihm einfach alles. Er tat nichts daran.

Wenn Constanze etwas wusste, dann, dass das Gesetz von Actio und Reactio unumstößlich war, und umkehrbar. Niemand tat einfach nichts, und es geschah ihm dann alles.

Sie seufzte.

Was sich tief im Unterbewusstsein eines Mannes abspielte, und warum er einen so schleierhaften Bezug zu seinen Gefühlen hatte, war wiederum ihr völlig schleierhaft, aber sie musste es nehmen, wie es eben kam. Was meinte er wirklich, wenn er manche Dinge zu ihr sagte? Wieso taten die Männer das überhaupt? Wieso kreierten sie solche völlig unlogischen Sätze, die bei genauerer Betrachtung überhaupt keinen Sinn ergaben? Es war ja tatsächlich so, dass er sie mit solchen Aussagen nicht verletzen wollte, aber warum verstand er es denn nicht, dass er es gerade damit tat und sie vor allem auch noch zweifelnd und grübelnd zurück ließ?

Er zog sich dann zurück auf seine „Insel der Unschuld“, wie sie das nannte. `Ich bin kein schlechter Mensch, ich will dich nur nicht verletzen.` Das wusste sie ja, bewusst und willentlich wollte er sie ganz sicher nicht verletzen. Manchmal überbot er sich regelrecht in der Zuhilfenahme solcher Erklärungen. Er war ihr Mann. Er war stark, erfolgreich, er war wahrhaftig kein Weichei. Aber wenn er zu verstehen glaubte, dass sie emotional von ihm abhängig zu sein schien oder zu werden drohte, dann ergriff er die Flucht, wich ihr aus, zog sich zurück.

Und es war ihm völlig egal, ob sie das nun war oder nicht. Emotional abhängig von ihm. Er überprüfte es gar nicht, es war, als hätte er ein ausgeprägtes Frühwarnsystem dafür, und wenn das ausschlug, dann reagierte er weder kopf- noch schwanzgesteuert. Constanze wusste nicht, welcher Teil seines Hirns ihn dann steuerte. Vielleicht sein Kleinhirn, viel mehr konnte sie ihm da nicht mehr zugestehen.

Wenn sie ihn zum Beispiel fragte, ein völlig harmloser Satz: `Warum hast du das Wochenende mit deinen Freunden verbracht statt mit mir?`, hatte das meistens zur Folge, dass er sie als die Schwächere von oben herab ansah. Bildlich gesprochen und auch ganz physisch, die Höhe seines geraden Wuchses brachte es mit sich, dass er dann auf sie herab sah. Und das Beste daran war dann auch noch, dass sie sich auf einmal auch noch so fühlte. Und andererseits wollte sie sich gerne einmal in seine starken Arme fallen lassen. Wollte sich so gerne einmal auffangen lassen von ihm, wollte, dass er der Stärkere war. Und er empfand für sie dann nur Mitleid, Mitleid, das hasste sie wie die Pest. Mitleid war die denkbar schlechteste Grundlage für eine Beziehung, Mitleid, da ging sie die Wände hoch…

Ihr eigener Mann war ihr manchmal einfach ein Rätsel. Wieso kreierte er manchmal so unlogische Sätze? Heute wieder, am 31.12. des Jahres 2013. „Ich liebe dich zu sehr, um dir Vorschriften zu machen.“

Sie hatte ihm geglaubt, damals. Hatte sich gefreut, jemanden gefunden zu haben, dem sie vertrauen konnte. Sie war froh gewesen, ihn gehabt zu haben. Und nun musste sie feststellen, dass er sie auch noch belog, die ganze Zeit belogen hatte. Sie verstand ihn nicht nur nicht, er war auch noch spielsüchtig … und das hatte er die ganze Zeit vor ihr verheimlicht. Er hatte ihr Vertrauen so gründlich gebrochen, wie ein Mann es bei seiner eigenen Frau nur tun konnte.

Er hatte sich verspekuliert an der Börse. Nichts war mehr übrig, auch von ihrem eigenen Eigentum nicht mehr, auch an dem hatte er sich schadlos gehalten. Sie kam sich so ungeheuer beschmutzt und entehrt vor, fühlte sich so ausgenutzt, so hilflos preisgegeben. So hatte sie sich das Neue Jahr nicht vorgestellt, das in ein paar Minuten beginnen sollte.

Doch nicht mit ihr. So nicht. Damit war sie nicht einverstanden.

Wieder sah sie hinunter in das kalte, rauschende Wasser. Der Winterwind zerrte an ihrem Mantel, schlug ihn mehrfach zur Seite, ließ ihre wohlgewachsene Figur zum Vorschein kommen. Lange, bis tief in den Rücken reichende, dunkelblonde Haare flatterten im aufkommenden, stürmischen Wind, und ein tiefes Schluchzen wurde mit dem Windstoß davongetragen.

Langsam beugte sie sich über das Geländer, stellte sich auf die Zehenspitzen. Mit ihren verdammten High Heels war sie denkbar schlecht für ihr Vorhaben ausgerüstet, aber sie hatte zu Beginn der Silvesterparty auch noch nicht geahnt, wie es heute enden würde. Zögerlich stieg sie mit ihren glatten Schuhsohlen die Gusseisenstreben hoch. Der Regen machte sie so glitschig, dass sie fast schon von alleine vornüber gekippt wäre, wenn sie sich nicht mit wild klopfendem Herzen an einer Laterne festgehalten hätte. Sie war eine entschlossene, tatkräftige Frau. Heute war ein guter Tag zum Sterben, zumindest für sie. Sie atmete nochmals tief durch, als sie plötzlich eine männliche Stimme neben sich hörte.

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Matt war von der Silvesterparty geflüchtet. Eine Party der oberen Zehntausend, einflussreiche Menschen, funkelnder Champagner in geschliffen funkelnden Sektkelchen, kostbar funkelnde Juwelen, unglaublich teure Abendgarderobe, doch heute war ihm überhaupt nicht danach. Menschen waren so unwichtig, ihre Lebensspanne so beschränkt, ihre Absichten so klein, ihre Ränke so müssig. Heute konnte er das alles nicht ertragen. Er fuhr mit seinem Mercedes langsam durch die Stadt, sein Chauffeur war ihm eine bessere Gesellschaft als all diese aufgeblasenen und zurecht gemalten Figuren dort. Er ließ den Wagen langsam durch die alten Gassen der Innenstadt rollen, die jetzt, so kurz vor Mitternacht, wieder voller wurden. Das Feuerwerk stand so langsam an. Das Neue Jahr näherte sich unaufhaltsam. Der Mercedes kam an eine alte Brücke. Matt sah den Regen auf dem Kopfsteinpflaster in allen Regenbogenfarben schillern, ein wundervoller Anblick, beleuchtet von einer einsamen Laterne. Und an der hielt sich eine Frau fest.

Matt ließ den Wagen anhalten und betrachtete sie. Sie balancierte mit schwarzen High-Heels auf den Gusseisenstreben des Geländers, stieg noch eine höher. Ihr Mantel schlug zurück und enthüllte ihm eine wohlgeformte Figur in einem geschmackvollen, schlicht stilechten Abendkleid, ihre langen, dunkelblonden Haare schlugen wie eine Fahne im Wind. Sie konnte wohl auch diese aufgeblasenen Menschen um sich herum nicht ertragen, dachte er sarkastisch bei sich. Noch jemand, dem das zu öde war. Aber das war kein Grund, sich in den eiskalten Fluss zu stürzen…

Er richtete sich ruckartig auf. Das hier war kein Scherz, wurde ihm auf einmal klar. Die junge Frau dort wollte springen, und die Sache mit Julia war noch nicht lange her. Er erinnerte sich noch zu gut an ihre Not, er hatte sich verändert seitdem. Und wenn diese Schönheit dort gerade nichts anderes vorhatte, als ihrem Leben ein Ende zu setzen, dann konnte sie es auch ihm überlassen… Denn wie es der Zufall so wollte, hatte auch er gerade nichts anderes oder gar besseres vor.

Eilig stieg er aus dem Wagen und näherte sich der Frau. Der Wind blieb ihm ins Gesicht, so konnte sie ihn wohl auch kaum heran kommen hören. Sie sah von ihm weg, zur Laterne hin, balancierte unsicher und ungeschickt auf dem Geländer, hielt sich fest. Noch.

Ein kleines Stück entfernt von ihr, einen gewissen Abstand einhaltend, stützte er sich ruhig auf das Geländer.

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„Sie müssen tief ausatmen, meine Teure“, hörte Constanze plötzlich eine ruhige, etwas über das Tosen des Windes erhobene männliche Stimme. „Und dann unter Wasser tief Wasser einatmen. Dann geht es schneller, wenn Sie vorhaben, sich zu töten.“

Sie fuhr herum und wäre nun wirklich fast herunter gefallen. Erschrocken klammerte sie sich fest, ihr Herz tanzte einen fast unmöglichen Rhythmus, und starrte den so unversehens neben ihr erschienen Fremden an. Er trug wie sie einen teuren, schwarzen Mantel, hatte die braunen Haare in einer modischen Frisur zurückgelegt. Er wirkte auf den ersten Blick auf sie von einer zurückhaltenden Vornehmheit, aber nichts, was er trug, war billig oder gewöhnlich. Er stützte sich mit beiden Unterarmen gelassen auf das Geländer und sah über den schnell dahin fließenden Fluss, als sei das bei diesem Wetter und hier das Normalste der Welt.

„Was wollen Sie denn von mir?“, knurrte sie ihn an. „Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe!“

Er sah auf, sah sie an mit unwahrscheinlich blauen Augen, die sich in ihre brannten. „Ich wollte Ihnen nur dabei behilflich sein, es kurz und schmerzlos für Sie zu gestalten“, sagte er ungerührt, ließ ihren Blick wieder los und sah weiter in das schwarze, tobende Wasser unter sich. „Damit es schneller geht, meine Teure, und Sie nicht so lange leiden müssen.“

„Lassen Sie mich alleine!“, fauchte sie den Kerl unbeherrscht an. Sie hatte gar nicht wirklich vor, unfreundlich zu sein, er stand nur so unerwartet neben ihr.

„Das könnte ich wohl tun, aber das will ich nicht“, versetzte er freundlich und ruhig. „Geben Sie mir fünfzehn Minuten von Ihrem Leben, das Sie wegwerfen wollen.“

„Für was denn? Finden Sie denn in dieser Nacht keine willigere Gespielin für Ihren offensichtlichen Hormonüberschuss?“  Ihre Stimme sollte eiskalt klingen, doch das tat sie nicht. Sie klang einfach nur verunsichert.

„Nein“, schmunzelte er leicht, nicht überheblich, nur belustigt. „das ist es nicht. Ich will dir eine Geschichte erzählen. Nur fünfzehn Minuten, mehr verlange ich nicht. Dann lasse ich dich alleine und du kannst dich anschließend töten. Ist das ein faires Angebot?“

Sie zuckte mit den Schultern, was sie schon wieder gefährlich ins Rudern brachte. Sah den Fremden unschlüssig an. Er machte einen kultivierten, besonnenen Eindruck. Und dass er soeben einfach vom förmlichen „Sie“ auf das persönliche „du“ gewechselt hatte, hatte eine eigenartige Wirkung auf sie in diesem Moment.

„Gut, ich höre“, antwortete sie ihm leise und suchte seine unwahrscheinlich blauen Augen. Sie sah den Fremden kritisch an. Im Schein der Straßenlampe konnte sie sein Gesicht besser sehen, als er nun zu ihr aufsah. Auch war es gerade völlig windstill geworden und somit nicht mehr so kalt. Sofort fielen ihr wieder seine tiefblauen, klaren offenen Augen auf, die umringt waren von langen dunkeln Wimpern. Sie fiel wieder in seinen Blick, betrachtete seine Augen. Gelegentlich fingen sich sehr kleine Schneeflocken in seinen Augenwimpern und schmolzen zu kleinen Regentropfen, die herunterfielen, wenn er zwinkerte. Seine nassdunklen Haare lagen ihm glänzend über dem Kopf, seine Schultern zeichneten sich muskulös durch den Mantel ab, dessen schweren, teuren Stoff der Wind nur schwerlich bewegen konnte.

„Dann solltest du aber vom Geländer heruntersteigen, schöne Frau“, sagte er leise und sah zu ihr auf. „Du fällst mir sonst noch unabsichtlich ins Wasser und ich muss hinterher, um dich zu retten. Und dazu hab ich in dieser Kälte wahrhaftig keine Lust.“ Sein Tonfall verwirrte Constanze, er war befehlend, ruhig, dabei aber freundlich, und das so völlig selbstverständlich, dass sie sich tatsächlich ruhiger fühlte. Langsam setzte sie einen ihrer schlüpfrigen High-Heels ein Geländer tiefer und rutschte sofort weg. Der Fremde reagierte überraschend schnell und hielt sie schon fest am Oberarm.

„Siehst du?“, fragte er sie leise lächelnd, wieder war ein sicherer, fast befehlender Tonfall in seiner Stimme. Mit seiner kräftig stützenden Hilfe und der Laterne auf ihrer anderen Seite kletterte Constanze langsam wieder zu Boden. Sie atmete unwillkürlich tief durch und sah nun zu zum Fremden auf. Er lächelte sie wieder leise an. „So schnell stirbt es sich nicht, meine Schöne“, sagte er sanft und musterte sie im Licht der Laterne von Kopf bis Fuß. Er hielt ihren Blick einen langen, schweigenden Augenblick.

Nun wandte er sich ab, sah hinaus auf den dunklen Fluss und hinüber zu der Stadt, deren Lichter zu ihnen herüber blinzelten. Es war still um sie herum. Fast beschaulich. Leise und dünn fielen kleine Schneeflocken, Constanze sah zu, wie sie auf der warmen Haut der Hände des Fremden schmolzen.

Dann begann er, mit dunkler, weicher Stimme zu erzählen.

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„Ich bin reich geboren worden, meine Teure“, hob Matt mit seiner dunklen, weichen Erzählstimme an. Er hatte sehr wohl gesehen, dass sein Tonfall ihre Gesichtszüge entzerrt und beruhigt hatte, doch er verlor kein Wort darüber. Seine intensive Musterung ergab, dass die Fremde schön war, sowohl körperlich, schlank und zierlich, wie auch geistig, das gefiel ihm an ihr noch besser, ihr Kampfgeist, als er sie ansprach. Sie war ganz sicher aus einem wohl behüteten Nest gefallen, den Kleidungsstücken nach zu urteilen, die sie trug. Das schwarze Abendkleid war von einer erlesenen Qualität und offenbarte ihm ein tiefes, volles Dekolleté, eine schmale Taille und ihre langen, schwarz bestrumpften Beine, wenn der Wind ihren leichten Mantel hochwehte. Dieser Mantel, den sie da trug, der machte ihm ganz klar, dass sie selten zu Fuß durch die unwirtliche Kälte ging. Und die High Heels hatten ganz sicher über zweitausend Euro gekostet.

Sie sah ihm forschend in die Augen, was Matt seinerseits in die angenehme Lage versetze, in ihre sehen zu können. Lange, schwarze Wimpern umrahmten große, leuchtend grasgrüne Augen mit einem rauchgrauen Ring um die Iris. Die Fremde war leicht geschminkt, die kümmerlichen Reste wichen nun vollends dem herabströmenden Regen. Aber das machte sie in seinen Augen nur noch begehrenswerter, sie trotzte dem Sturm und den Elementen, und wahrscheinlich auch dem Leben.

Auf ihren langen, wahrscheinlich goldblonden Haaren lag ein irisierender Schimmer, fast wie auf dem Kopfsteinpflaster. Diese Frau suchte den Tod so entschlossen? Das weckte Matts Neugier, er wollte von ihr wissen, warum das, was sie dazu trieb, und was sie davon hielt, wenn er ihr Leben, das sie eh abschütteln wollte, an sich nahm. Er sah ihre vollen Lippen leicht bläulich anlaufen, die Nacht war wahrhaftig nichts zum Herumstehen auf Brücken. Aber sei`s drum.

Er öffnete seinen Arm und legte ihn vorsichtig um ihre recht breiten Schultern. Als sie sich nicht gegen ihn wehrte, zog er sie sanft ganz dicht an sich heran, legte den Mantel um ihre zierliche Gestalt, so dass sie vom Regen etwas geschützter war. Nun sahen sie wohl aus wie ein Liebespaar, sinnierte er, aber ihr Zittern ließ langsam nach, sie entspannte sich in seinem festen, ihr Halt gebenden Griff und lehnte den Kopf leicht und erschöpft von einem ganz offensichtlich in ihr tobenden Kampf an seine Schulter.

„Nun, das alleine ist wahrlich kein Verdienst“, fuhr er dann leise fort. Er fühlte mehr, als er sah, wie sie nickte. „Ich habe alles bekommen, was ich benötigte, auch eine strenge Erziehung meines liebevollen Vaters. Nur einmal, einmal lag er daneben in dem, was er tat. Ich trage es ihm nicht nach, aber es hatte die von ihm erwünschten Folgen für mein Leben. Mein Leben nahm damals eine andere Richtung.“

Er schwieg einen gedankenverlorenen Moment, fasste die Fremde fester. Dann sprach er langsam weiter. „Ich selbst war musikalisch sehr begabt. Die Musik bedeutete mir mehr als Geld und Geschäfte. Und ich glaubte an mich und an meine Begabung. Ich konnte mit meiner Geige die Menschen zum Lachen oder zum Weinen bringen. Meine Geige war eines meiner überzeugendsten Mittel, zu kommunizieren. Wie oft habe ich nur für mich selbst gespielt, neu komponiert. Den Menschen und besonders den Frauen um mich herum mit Musik gesagt, dass ich sie liebte. Doch mein Vater sah diese meine Entwicklung mit wachsender Besorgnis. Ich bin sein einziger Sohn und sollte einmal sein Erbe antreten. Ich sollte in die Finanzwelt eingeführt werden, nicht in die Musik. Und so nahm er mir meine Musik, für Geld und ein gesichertes, reiches Leben. Wir hatten einen fürchterlichen Streit, er vergaß sich völlig im Zorn, bezeichnete mich als Versager, als Schwächling, als Träumer, und dann zerbrach er meine Geige.“

Matt musste für einen Moment aufhören, zu sprechen. Die Emotionen, die er so lange tief in sich verschlossen hatte, brachen wieder durch und überwältigten ihn schier mit ihrer so lange tief in ihm wütenden Kraft. Verzweiflung, Zorn und Sehnsucht nach der Musik, die er so sehr liebte. Er schluckte einmal schwer und fühlte, wie die Fremde scheu einen Arm leicht und wie tröstend um seine Taille legte. Das half ihm dabei, weiter zu sprechen, ihr sein Herz zu öffnen.

„Traurig wanderte ich durch diese Stadt, meine Heimatstadt, die du dort drüben siehst. Ihr ist viel von ihrem Flair geblieben. Das Kopfsteinpflaster, die alten Häuser, das stuckverzierte Rathaus am Marktplatz und natürlich die alte Kirche.“ Er lächelte auf sie herunter, in seinen Augen stand Schmerz, als sie ihren begegneten. „Dann kam ich zu der Brücke. Es ist immer noch die gleiche, sie sieht immer noch aus wie damals. In der Hand hielt ich meine zerbrochene Geige, streichelte sie immer wieder. Es war der letzte Tag des Jahres, wie heute. Eigentlich hätte ich meinen ersten Auftritt vor einem kleinen Publikum gehabt, doch ich hatte den Termin nicht eingehalten. Wie konnte ich auch, meine geliebte Geige war ja nicht mehr. In diesen Minuten hier auf der Brücke war das für mich eine mehr als willkommene Ausrede.“ Er sah sich über den Kopf der Fremden auf der regenglänzenden Brücke um, die einen so wichtigen Moment seines Lebens gesehen und bewahrt hatte für ihn, wie es sich nun zeigte. Das war ein tröstlicher Gedanke. Die Fremde schwieg, störte ihn nicht.

„Traurig stand ich hier oben“, sprach er schließlich von alleine weiter, „auf der Brücke an dieser Laterne hier, und starrte in das dunkle Wasser unter mir, fragte mich, was wohl auf mich warten würde, wenn ich hineinspringen würde. Ein kurzer Kampf, doch dann sollte doch Frieden auf mich warten. Kein Kampf mehr, kein Schmerz, keine Zwang, zwar ohne meine Geige, aber ich wäre unerreichbar für sie alle. Ich wollte nur diese eine Geige, sie war mir wie eine Geliebte, und als mein Vater sie zerbrach, zerbrach er auch mein Herz. Fast war es mir, als hätte mein alter Herr mir ein Messer durch mein Herz gejagt, so schmerzte es mich, den abgebrochenen Hals meiner Geige sehen zu müssen, etwas, das niemals hätte sein dürfen.“ Wieder schwieg er einen langen, gedankenversunkenen Moment. Wie lange hatte er an seine geliebte Geige nicht mehr gedacht! Und wie jung war er damals gewesen, wie drangvoll, wie lebendig! Und wie sehr hatte er die Klänge seiner Geige geliebt!

„Lange stand ich da, alles war ruhig um mich herum. Ich begann, mich immer weiter nach vorn zu beugen, stand schon auf den Zehenspitzen, als mich ein Gedanke wie eine Hand zurück riss. „Wer hat mir das Recht gegeben, mein Leben zu beenden?“, fuhr mir ein Gedanke glasklar durch den Sinn.“

Er unterbrach sich, als sie ihm antwortete, voller Schmerz und Trotz: „Was schert die denn dein Leben? Es gehört dir alleine und du kannst damit machen, was du willst!“ Ihre Stimme klang zornig. Er lächelte nur.

„Nein“, sagte er zu ihr und nahm sie bei beiden Schultern, drehte sie sanft zu sich herum. „Dieses Leben gehört nicht mir allein. Hast du einmal daran gedacht, wie vielen Menschen du begegnen wirst, wie vielen Menschen du helfen kannst, wenn du weiterlebst? Hast du einmal daran gedacht? Ich weiß, dass ich ein Musiker bin, denn nur ein Musiker weint um sein Instrument. Das hat mir geholfen, wieder diese Brücke zu verlassen und ohne meine Geige nach Hause zu meinem Vater zurück zu kehren, dieser wunderbare Gedanke.“

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Der Fremde sah Constanze fest in die Augen, als er das Letzte sagte. Sie sah es ihm an, was ihn diese Einstellung an Kraft gekostet haben musste, und wie schwer es für ihn gewesen sein musste, sein Leben nach anderen Maßstäben auszurichten. Sie standen sich so dicht gegenüber, dass nur noch ein Hauch von Nichts sie trennte. Dieser Mann beeindruckte sie. Machte ihr Hoffnung, sie konnte nicht anders, obwohl sie sich selber schalt, wie dumm das war. Er hielt weiter ihren Blick.

„Ich bin in zwei Minuten wieder hier. Zwei Minuten ist alles, worum ich dich bitte, schöne Frau. Dann darfst du dich frei entscheiden, von mir weiter nicht mehr beeinflusst.“ Sein Blick hatte so etwas Eigenartiges, etwas Angespanntes, etwas Erwartungsvolles, fast Fiebriges. Constanze nickte, sie konnte es ihm gar nicht abschlagen.

„Dort drüben steht eine Bank, da ist es etwas geschützter als hier, wenn du nichts dagegen hast.“

Ohne auf ihre Antwort zu warten, drehte er sich mit ihr im Arm um, ging auf die Bank zu, entfernte das Wasser notdürftig, das darauf lag, und legte ihr seinen eigenen, warmen Mantel zusätzlich um die Schultern, fürsorglich und freundlich. Constanze kamen bald die Tränen. Dabei machte er eine einladende Handbewegung. Sie folgte zögernd, setzte sich und sah den Fremden etwas hilflos an.

Er ließ sie wortlos allein, und sie starrte weiter in das Wasser, überlegte sich, ob sie nun springen sollte oder nicht. Doch wäre das nicht ein Verrat an dem Vertrauen, das dieser Mann scheinbar in sie setzte? Und warum hatte dieser Mann diesen so eigenartigen Einfluss auf sie? Ihre Gedanken von vorhin waren vergangen, abgezogen wie Rauch. Wer war er nur? So etwas wie ein Engel? Und wo war er denn jetzt so plötzlich auf einmal hin? Sie war ihm nicht mit den Augen gefolgt.

Tief in Gedanken versunken hörte sie ihn deswegen auch nicht wieder kommen und erschrak, als auf einmal die ersten tiefen, vollen, getragenen Töne einer Geige über den kleinen Fluss schallten. Sie sah zur Brücke und erblickte den Fremden, der die Geige an sein Kinn gehoben hatte, den Bogen wieder nahm, ihn vorsichtig ansetzte und die erste Melodie über den Fluss klingen ließ.

Traurig, weinend… anklagend.

Der Fremde, der Musiker wurde davongetragen in einer Musik, die aus seiner Seele kam. Alle seine Emotionen machten sich Raum, verborgene Wut, Enttäuschung, verdrängte Bitterkeit schwangen in jedem Ton mit, den er spielte.  Und Constanze saß hier auf dieser Bank und hörte ihm zu. Wusste, dass sein Herz heilte, mit jedem weinenden Klang, der zu ihr herüber drang. Wusste, dass auch ihr Herz zu heilen begann. Nach einer Weile stoppte er, wandte sich um und sah sie lange an.

„Danke“, sagte er nur schlicht. Constanze zuckte leicht zusammen, als er bei ihr war und sie seine Hand auf ihrem Oberarm spürte. Sie fuhr etwas zu ihm herum, sah ihn aus geröteten, tränenfeuchten Augen an. Er hatte wirklich eine Geige. Er hatte sie dabei, und nach seinen Worten war es das erste Mal, dass er sie wieder spielte, nur für sie als Einzige in einem eigentlich viel größeren Publikum, dass ihm hätte lauschen sollen. Er setzte sich dicht neben sie und hielt ihr wortlos die Geige entgegen. Es war ein wunderschönes Musikinstrument, eine Stradivari, wundervoll gepflegt. Das glatte Holz schmiegte sich warm in ihre Hände. Und noch wärmer schmiegte sich dieser Sinneseindruck in ihr Herz. Eine Geige, die von seinen Schmerzen erzählen konnte, die mit ihm weinte und mit ihm lachte, so, wie es das alte Musikinstrument getan hatte. Und er ließ sie sie halten, er vertraute ihr, dass sie sie nicht ein zweites Mal zerbrach.

„Wofür denn?“, fragte sie ihn.

„Dafür, dass du die Musik in mein Herz zurück gebracht hast, schöne Frau.“

Constanze schluckte. Dieser Satz war magisch. Sie wusste keine Antwort, also lächelte sie nur und meinte leise: „Spiel, spiel für die heute Nacht, deren Herz weint, wie deines.“ Er lächelte nur, nahm seine Geige wieder an sich wie das Kostbarste, das er hatte.

„Wer bist du?“, fragte sie ihn. „Ein guter Geist?“  Er lachte laut auf, fast fröhlich.

„Wäre es denn so unwahrscheinlich, anzunehmen, dass dir ein guter Geist erscheinen wird, wo du doch dein Leben einfach wegwerfen willst? Nein, ich bin kein Engel. Oder doch, ein Engel der Nacht vielleicht“, endete er leise.

„Ein Engel der Nacht?“

Noch immer verstand die einsame Frau nicht.

„Ja, ein Engel der Nacht.“ Er schob seine Geige vorsichtig unter ein festes Tuch, sorgsam, um sie vor der Feuchtigkeit zu schützen. Und genauso sorgsam holte er ein Tuch heraus, einen langen, schwarzen Seidenschal.

Nun sah sie ihn mit ihren grünen, wundervollen Augen an, öffnete leicht ihre Lippen, und auf einmal verstand sie, was er mit dem Tuch vorhatte. Erschrocken wich sie ein wenig zurück.

„Was ist, schöne Frau? Hast du nun Angst um dein Leben, welches du doch vor einer Stunde noch achtlos wegwerfen wolltest? Antworte mir! Somit hängst du doch mehr daran, als du gedacht hattest.“

Beschämt senkte Constanze den Kopf, und als sie wieder aufsah, hatte er sich wieder erhoben und stand nun dicht vor ihr.

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Matt konnte ihr Parfum riechen, das ihn umschmeichelte und wie für sie geschaffen war. Er sah ihr aus dieser Nähe in die großen, weit aufgerissenen Augen, dann setzte er sich ruhig wieder neben sie.

„Ich schlage dir einen Handel vor, schöne Frau. Du wirst mit mir gehen für diese eine Nacht und den folgenden Tag. Was immer dich umtreibt, ich werde anwesend und für dich da sein. Ganz gleich, wo dich dein Weg hinführen wird, ich werde dir zuhören. Ich werde mich um dich kümmern, ich werde deine Wünsche erkennen und wahr werden lassen, und das nur in dieser einen Nacht schon. Und nach Ablauf des morgigen Tages kommst du wieder hierher zurück, zu dieser Brücke. Und wenn du es dann willst, werde ich dir deinen Willen lassen. Aber den Tod werde ich dir nicht bringen, den du dir so sehr herbeisehnst. Wenn du es dir gut überlegt hast, werde ich für dich tun, was nötig ist, um dich von diesem Abgrund fort zu schaffen, an dem du gerade stehst.“

Die Frau sah ihn sprachlos an. Was er ihr offerierte, war so ungewöhnlich wie selbstlos, das wusste er sehr wohl. Aber auch, wenn er sie mit diesem Schal fesseln wollen würde, einer, der so auf einer Geige spielen konnte, dem traute sie einfach nichts Böses mehr zu. Er hatte ihr Herz für sich eingenommen, und das sah er in ihren großen, strahlenden Augen, die zu ihm aufsahen.

Noch drei Minuten bis Mitternacht. Sie sah sich aufatmend um. Die Menschen kamen von allen Seiten auf die Straßen, lachend, jubelnd, feiernd. Und der Fremde hob erneut die Geige an sein Kinn, und als die alte Turmuhr Zwölf schlug, spielte er erneut für sie, und nur für sie. Und er spielte so wunderschön auf seiner Stradivari, eine sehnsuchtsvolle Melodie diesmal, keine traurige mehr. Die Töne drangen in ihr Herz, sagten ihr, dass er sie irgendwie liebte. Sagten ihr, dass auch er diesen Tag als etwas ganz Besonderes ansah, diesen letzten Tag des Jahres.

Sie sah zu ihm auf und seine Augen liebkosten ihr Gesicht. Erhaschten jede Kleinigkeit. Hinter ihm sah sie das Neujahrs-Feuerwerk in der nun regenfreien Nacht den Himmel erleuchten, filigran, farbenfroh wie ein Regenbogen, voller wilder Energie, wunderschön. Feuerwerke hatte sie immer schon geliebt. Minuten, die für sie wie die Ewigkeit waren.

Dann ließ das Feuerwerk wieder nach und er hörte zu spielen auf. Er legte die Geige vorsichtig auf seinen Schoß und holte den schwarzen Seidenschal wieder hervor. Vertrauensvoll reichte sie ihm beide Hände, und er umwickelte sie fest mit dem Tuch vor ihrem Leib, verknotete das Tuch so sorgfältig, dass ihr völlig klar sein musste, sie würde diesen Knoten niemals alleine wieder öffnen können. Aber hätte sie das gewollt, hätte sie ihm ihre Hände nicht gereicht.

Der hochgewachsene Mann legte die kostbare Geige vom Tuch gut geschützt in die nun gefesselten Arme der schönen Frau. Dann stand er auf und kniete sich vor sie, fesselte ihr auch die schmalen Fußgelenke. Matt lächelte sie von unten herauf an, als ihre Blicke sich trafen, und ihre Blicke versanken ineinander, konnten sich nicht mehr trennen. Er hob sie einfach mit beiden Mänteln um sie herum zu sich in seine Arme, die zierliche Frau, die ihm so unversehens die Musik, und, noch wichtiger, seine Geige wieder geschenkt hatte. Dann verschwanden beide im Dunkel der Nacht zurück über die Brücke, beleuchtet nur von dem schwachen Licht der Laterne und den letzten Resten des ersterbenden Feuerwerks. Der letzten Nacht des Jahres.

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©Matt

(Die Geschichte ist so geschlossen. Wollt ihr dennoch wissen, wie es weiter geht? Überzeugt mich doch davon! Einiges hab ich absichtlich offen gelassen… lg)

Merry christmas oder ein wunderschönes Weihnachtsfest euch allen…

Die Geburt von Jesus Christus hat nichts mit dem Weihnachtsfest zu tun, das wissen wir eigentlich alle. Wie ist unser Weihnachtsfest also wirklich entstanden? Um das zu verstehen, müssen wir in die sehr frühe Zeit zurückkehren, nach Babylon, und uns mit einer noch älteren vorchristlichen Gottheit beschäftigen. Dort hat es seine Wurzeln.

Schon gegen Ende des 3. Jahrtausends vor Christus wurde die Existenz von Babylon bezeugt. Babylon hatte eine wechselvolle Geschichte, es wird geschätzt, dass die Stadt von ca. 1770 bis 1670 v. Chr. und wiederum von ca. 612 bis 320 v. Chr. die größte Stadt der Welt war. In vielen Kulturen wurde in diesem langen, vorchristlichen Zeitraum am 25. Dezember (nach dem späteren Julianischen Kalender) das Fest der Wintersonnenwende gefeiert.  Nach den alten Kalendern war der 24. Dezember der dunkelste Tag im Jahr, am 25. Dezember begannen die Tage wieder länger zu werden.

Babylon gehörte zu den vier wichtigsten Mächten in Vorderasien. Hier wurde wie in ganz Vorderasien der vorderasiatische Mithraskult gefeiert. Mithras war eine  römische Göttergestalt, eine mythologische Personifizierung der Sonne, und an diesem Tag wurde die Geburt des ursprünglich viel älteren und in die römische Götterwelt integrierten indischen Lichtgottes gefeiert. Die Ägypter legten mit dem Isiskult die Geburt des Horus auf diesen Tag. Im Römischen Reich feierte man zur Zeit der Wintersonnenwende (Natalis solis invicti) den Sonnengott Saturn.  Die Germanen feierten das Julfest oder Mitwinterfest.

Der ursprüngliche Gott Mitra bezeichnet eine sehr alte, indische Gottheit. Seit dem 14. Jahrhundert vor Christus wurde er als Mithra im Gebiet des späteren Perserreiches und in Altindien verehrt, erst als Gott des Rechtes und der Bündnisse, später dann auch als ein Licht- beziehungsweise Sonnengott. Die Römer lernten den Mithraskult 67 n.Chr. kennen, der daraufhin entstehende römische Mithraskult ist aber wohl eine römische Neuschöpfung gewesen, die vom iranischen Kult nur peripher beeinflusst wurde. Er erreichte seinen Höhepunkt im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. und unterlag im 4. Jahrhundert n. Chr. dem nunmehr staatlich geförderten Christentum. Es dauerte allerdings noch länger, bis der Kult ganz unterdrückt werden konnte, der große Haupttempel des Sol Invictus Mithras in Baalbek bestand so noch im 6. Jahrhundert n. Chr.

Umstritten ist, wie verbreitet der Kult tatsächlich war und welche gesellschaftliche Bedeutung er besaß. Eine wirkliche Konkurrenz zu dem ganz anders ausgerichteten und strukturierten Christentum scheint er nicht gewesen zu sein, schon alleine wegen des Ausschlusses der Frauen. Während das Christentum vielfach von Müttern an ihre Kinder weitergegeben wurde, konnte der Mithraskult neue Anhänger nur durch Mission gewinnen. Der römische Mithraskult war ein Mysterienkult, die Glaubensinhalte und Rituale durften nicht aufgeschrieben oder weitergegeben werden. Zudem bemühte sich das siegreiche Christentum, die Erinnerung an den Mithraskult möglichst zu unterdrücken. Deswegen ist über die genaueren Inhalte des Kultes fast nichts bekannt.

Ähnlich wie der persische Gott Mithra Jahrhunderte zuvor schon als Sonnengott verehrt worden war, bekam Mithras auch bei den Römern sehr oft den Beinamen Sol Invictus (lat. „der unbesiegte Sonnengott“). Viele antike Abbildungen zeigen Mithras gleichrangig mit dem Sonnengott Sol oder als Sieger über den sich ihm unterwerfenden Sol. Mithras ist nicht identisch mit der römischen Gottheit Sol, der Beiname Sol Invictus sollte vielleicht ausdrücken, dass er die Rolle des Beherrschers des Kosmos übernommen hatte, die vorher Helios/Sol besaß. Zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert n. Chr. war der Sol Invictus Mithras eine der beliebtesten Gottheiten unter römischen Nichtchristen.

Der Dezember war der Hauptmonat der heidnischen Feste und der 25. Dezember der Höhepunkt der Winterfeiern. Diese Feste waren wichtige Feste der Hoffnung, die den Menschen schon immer die Zuversicht geschenkt hatten, dass sich mit der weichenden Dunkelheit auch alles andere wieder bessern würde.

Der römische Kaiser Aurelian setzte 274 n. Chr. den babylonischen Bel unter dem Namen Sol Invictus („unbesiegbare Sonne“) als Reichsgott ein und machte den Kult des Sol Invictus, der im Einklang mit dem Mithraismus stand, kurzzeitig zur Staatsreligion. Das Fest war am 25. Dezember, und es war natürlich auch ein Fest der Hoffnung. 

Auch die Christen sehnten sich nach Hoffnung. Und so nutzten ihre damaligen Oberhäupter dieses so wichtige Fest und machten es zur Legende von der Geburt Jesu Christi, ihres Erlösers, der ihnen mit seiner Wiedergeburt die größte aller Hoffnungen gab, die auf ewiges Leben. Im Jahre 354 n. Chr. führte Papst Liberius den 25. Dezember als Geburtstag Christi und damit als Weihnachtsfest in Rom ein. Auf dem 2. Konzil von Konstantinopel 381 wurde das Weihnachtsfest unter Kaiser Theodosius schließlich zum Dogma erklärt. So wurde aus der uralten altindischen Gottheit Mitra und dem späteren Sonnenkult der Römer das „christliche Weihnachtsfest“.

Das Weihnachtsfest ist also tief in die Geschichte der Menschheit verwurzelt und schenkte den Menschen in verschiedenen Kulturen und Religionen Hoffnung, die Hoffnung auf eine Besserung ihrer Lebensumstände und ihres Lebens allgemein, und die Hoffnung auf ein ewiges Leben.

So dürfen auch wir es heute sehen. In der erwartungsvollen Adventszeit, der immer dunkler werdenden Zeit, haben wir immer mehr Kerzen angezündet. Morgen, am 25.12.2013, ist der nach der alten Zeit dunkelste Tag des Jahres 2013 Vergangenheit, und er wurde von uns mit Hilfe von Lichtern und Kerzen erhellt. Jetzt werden die Tage wieder heller, und damit dürfen wir hoffen, dass auch das Licht in unserem Leben wieder an Kraft gewinnt. Und genau das ist der tiefere Sinn von Weihnachten.

Was immer das Christentum auch heute zu diesem Tag sagt, immer stehen das Licht der Erlösung und die Hoffnung auf Wiedergeburt zum göttlichen Leben in alle Ewigkeit im Mittelpunkt. Die Freude über das Kind in der Krippe bedeutet die Hoffnung auf Frieden, Liebe, Nächstenliebe und Gnade, denn Christus hat alle Schmerzen und Leiden dieser Welt auf sich genommen. Auch wenn der Papst kosmopolitisch am 25.12. den Segen „urbi et orbi“ der Stadt und dem Landkreis spendet und seiner Hoffnung auf Frieden auf der ganzen Welt Ausdruck verleiht, hinter all diesen Rieten und Worten steht die einfache Hoffnung auf ein besseres Leben im neuen, immer stärker werdenden Licht dieses neuen Jahres 2014, wie es schon vor weit über 3500 Jahren der Fall gewesen ist.

So, wie ich das jetzt verstehe, können wir Weihnachten getrost als Fest der Hoffnung auf ein immer stärker werdendes Licht in unserem Leben feiern, egal, welcher Glaubensgemeinschaft wir angehören. So ähnlich tun die Menschen das schon seit 3500, wenn nicht gar seit 5000 Jahren, und etwas, das so tief in die Menschheitsgeschichte verwurzelt ist, kann nichts Schlechtes sein.

In diesem Sinne wünsche ich euch frohe Weihnachten!