Aufgefangen

Ich habe das Leben gesehen, als stünde ich in einem Raum, der mir seltsam fremd blieb. Seitdem ich dort war, hatte ich nur versucht, wie die anderen zu sein. Es wollte mir nie recht gelingen.

Ich wurde zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft, aus eigener Kraft und mit ein wenig Hilfe.

Ich erlernte die Kunst, Menschenleben zu behüten und zu beschützen, zu bewahren. Aber alles, was ich wirklich erkannte, war, dass das Leben unfassbar grausam sein konnte in diesem Raum. Um diese Erkenntnis ertragen zu lernen, musste ich zu einer Maschine werden. Ich durfte nicht mehr denken. Ich musste meinen Geist mit groben, flächigen Bildern betäuben. Ich musste jede Kreativität meines Geistes opfern. Ich lernte es, mit immer neuen Schlägen zu leben.

Das Helfen war für mich Berufung und Fluch zugleich. Allen konnte ich helfen, nur nicht mir selber. Am Ende wandte sich das Leben gegen mich, so, wie es sich gegen alle um mich herum gewandt hatte. Das hätte ich kommen sehen können, das war fast unausweichlich. Aber ich sah es nicht kommen. Ich hielt mich wie magisch davor geschützt. Aber das war ich nicht, das war ich nie gewesen.

Als es mich traf, zerschlug es mein ganzes Dasein. Ich war nicht einmal erstaunt, mir war dieser Raum immer irgendwie fremd geblieben.

Ich gab mich geschlagen. Für mich lag alles in Trümmern, also wollte ich diesen Raum verlassen. Aber ich musste erkennen, dass ich das nicht konnte.

Das konnte ich unmöglich verstehen und noch unmöglicher akzeptieren. Der Raum war mir fremder denn je geworden und ich fand keinen Weg hinaus. Ich besaß wahre Liebe, so, wie ein Mensch sie nur selten wirklich wahrhaftig geschenkt bekommt, aber auch die hatte keine Antwort und konnte mich auch nicht von meinem Leben erlösen. Ich hatte nur Fragen, keine Antworten, ich sah nur Wände, keine Tür.

An einem Punkt in meiner unablässigen Suche nach einem Weg nach draußen bist du in mein Leben getreten und hast zu mir gesagt: Ich wäre gerne dein Freund. Mir ist egal, wie du das siehst, ich bin es einfach.

Mein eigener Geist, mein eigenes Wesen wandte sich gegen mich während dieser rastlosen Suche nach dem Ausgang. Es erwachte. Es begann, wieder zu leben, und es entwickelte ein Eigenleben. Ich konnte es nicht verhindern. Ich lief weiter, ohne Ruhe und Rast, blickte zur Seite und sah dich neben mir laufen.

Du bist einfach immer mit mir gelaufen. Du warst einfach immer neben mir. Du bist mitgelaufen.

Am Ende blieb ich einfach stehen, weil du neben mir standest. Ich war nicht mehr alleine. Ganz am Ende stehst du und fängst mich auf. Ganz am Ende stehst du vor mir und hast mich schon längst aufgefangen.

In deinen Armen stehe ich da und sehe mich um. Und der Raum erscheint mir mit einem Mal nicht mehr ganz so fremd.

Aufgefangen.

Als ich am wenigsten mit Beistand rechnete, da war er tatsächlich da. Und er kam ganz anders daher, als ich es mir jemals hätte vorstellen können.

Wer bist du also?
Mein Freund?
Mein Herr?
Meine Liebe?

Das weißt du vielleicht besser als ich. Ich weiß nur, du bist bei mir. Standhaft. Du gehst nicht weg. Du bist dazu entschlossen, das auch weiter nicht zu tun. Das macht dich zu dem, der führt, und mich zu dem, der folgt. Wenn ich den Weg nicht selber suche, dann finde ich ihn vielleicht mit deiner Hilfe. Dann finde ich vielleicht mich selber wieder. Und dann sehe ich am Ende vielleicht doch noch in die Sterne. Wie kann das sein? Das weiß ich nicht, es ist ein Wunder.

Mir erscheint das alles immer noch kompliziert und schwer, vielleicht ist es für dich ja einfacher. Vielleicht findest du ja darin einen Sinn.

Aufgefangen zu werden bedeutet, sich hinzugeben.
To be caught up means devotion.

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 geschrieben am 12.10.2013

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©Matt