Geschichten, die immer gut ausgehen, Teil 2

Ooooops, da hab ich meine Gedanken noch gar nicht wieder richtig beisammen, da ist schon die erste Rückmeldung da! Vielen Dank, jetzt muss ich mal sehen, ob ich das überhaupt schon formuliert bekomme, was ich mir gestern beim Einschlafen noch dazu gedacht habe….

Also, die Analogie, die ich da zwischen Horror und Erotik gezogen habe, hinkt etwas. Horrorgeschichten lese und sehe ich gerne, weil ich eben weiß, dass die Realität die wirklich gruseligsten und blutrünstigsten Geschichten schreibt. 🙂 Erotikgeschichten lese und sehe ich aus demselben Grund eben nicht gerne mit einem wirklich realistischen Ende, ich werde nicht gerne daran erinnert, was da in der Realität so alles wirklich passiert, mir ist da mein eigener Kontext lieber, in dem ich mir sicher sein kann, dass alles einen Sinn hat, auch, wenn ich mit der in der letzten Geschichte aufgegriffenen Thematik durchaus das Risiko eingehe, dass mancher Leser, der vielleicht auch selber betroffen ist, gar nicht gerne lesen wird, wie ich diese Thematik verarbeite. Das ist mir sehr bewusst, und ich möchte damit auch niemandem zu nahe treten. Ich würde an dieser Stelle in einem solchen Falle übrigens Vorsicht empfehlen und vielleicht auch, dass der betreffende Leser die Geschichte nicht weiter liest! Und Grundsatzdiskussionen über dieses Thema werde ich hier nicht unterstützen, es ist völlig klar, dass eine Vergewaltigung eine sehr ernste Sache ist. Jeder, der das hier posten möchte, möge das doch bitte an einem geeigneteren Ort tun, für Eigenprojektionen und Selbstdarstellungen biete ich hier nicht wirklich das geeignete Forum, so wichtig solche Statements auch sind, aber hier geht es um Geschichten und eben nicht um die Realität völlig außerhalb meiner Geschichte (was immer das jetzt auch genau heißen mag! 🙂 ). Ich betone es noch einmal, hier geht es nur nur um Geschichten und die konstruktive Auseinandersetzung mit ihnen, und das sehr gerne besonders dann, wenn das Thema an sich schon kontrovers diskutiert wird und Sprengstoff bietet! Aber das war jetzt nur als Einschub gedacht.

Ich habe aber überhaupt keine Lust dazu, selber Horrorgeschichten zu schreiben, auch keine mit einem bösen Ende, obwohl mir das da leicht fallen würde. Tatsächlich hab ich, seitdem ich mit dem Schreiben angefangen habe, auch noch keine geschrieben, wie ich festgestellt habe, und das, obwohl mich Horror mein ganzes Leben lang schon begleitet. Eine ernsthafte Horrorgeschichte würde ich im Moment als langweilig empfinden, und wenn ich dann eine erotische Komponente hineinbringen würde, dann wäre sie für mich zwar nicht mehr langweilig, aber eben auch keine Horrorgeschichte mehr! 🙂 Erotikgeschichten sind Geschichten, mit denen ich mich ernsthaft auseinander setze, und das Ergebnis ist für mich in diesem Kontext bisher, dass ich mich gegen einen realitätsnahen bösen Ausgang sperre, obwohl ich die beiden Aussagen mit derselben Ruhe betrachte: Es gibt keine schlimmeren Horrorgeschichten als die, die das Leben schreibt, und es gibt auch keine schlimmeren Sexgeschichten als die, die das Leben schreibt.

Und da tritt bereits der nächste Punkt zu Tage: Ist eine Erotikgeschichte überhaupt für ein schlechtes Ende gedacht? Ist es so, dass Erotik die Lust im positiven Sinne meint und damit kein schlechtes Ende? Oder ist ein schlechtes Ende dann als ein gutes für den Autor zu verstehen? (Au, das führt auf Glatteis…) Gibt es da einen grundsätzlichen Unterschied zu einer Sexgeschichte oder gar einer Pornogeschichte, in der das Ende böse sein kann und auch oft mal ist? Ich lasse das hier mal als Frage offen stehen, ich bin mir da im Moment wirklich nicht sicher.

Jetzt zitiere ich mal zwei gegensätzliche Aussagen zweier Autoren. Sebastian Fitzek hat geschrieben, er müsse seine Thriller immer gut ausgehen lassen, das sei er seinen Lesern schuldig, Das Leben ist ja auch manchmal schon scheiße genug. (Ob er das jetzt wirklich genau so geschrieben hat, liebe Nadja, weiß ich nicht, tut aber auch nicht wirklich etwas zur Sache im Moment.) Stephen King hat sich übrigens auch so geäußert. Krystan schreibt, eine Geschichte sollte in erster Linie auch dem Autor gefallen.

Hmmm. Ich möchte mal fast wetten, da könnte man jetzt eine riesige Diskussion vom Zaun brechen unter Autoren. Welche Zielsetzung ist die Wichtigere, meine oder die des Lesers? Meine, weil ich die Geschichte schreibe, oder die des Lesers, weil er sie eventuell so durchlebt hat und einschlägig davon berichten kann? Bin ich als Autor gezwungen dazu, eine Geschichte gut enden zu lassen? Oder, anders herum, habe ich als Autor das Recht, dem Leser eine eventuell sehr schmerzhafte Wahrheit vor Augen zu führen? Eine, die ihn vielleicht in einen schweren Flashback treibt?

Okay, wenn ich das so provokativ formuliere, würde ich sagen, dass ich als Autor, wenn ich so eine Geschichte schreibe, eine Warnung vorweg setzen muss (was ich oben damit im Übrigen ja auch getan habe). Dann schließt meine Geschichte einen bestimmten Leserkreis aus. Und das ist gerade eine Sache, die Jane Austin ganz sicher kritisch anmerken würde. Ihre Geschichten waren für die Frauen der damaligen Zeit geschrieben, und zwar für alle, und das war ihr äußerst wichtig. Die Probleme der Frauen waren damals ebenso vielfältig wie heute, vielleicht noch größer, und Jane hat ihre Geschichten ganz sicher im vorrangigen Sinne für ihre Leserinnen geschrieben. Auch wenn man an der Tatsache nicht vorbei kommt, dass sie sich selbst ein solches Ende auch für ihre eigene Lebensgeschichte gewünscht hätte, Jane Austins Motor für ihre Geschichten war ihre persönliche kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, und heraus gekommen sind Geschichten für die (gehobenen) Frauen der Gesellschaft. Und diese Geschichten waren dann auch ein wirklicher Sprengstoff in der damaligen Gesellschaft und damit konstruktiv in ihrer Wirkung.

Hmmm. Soll das jetzt heißen, Literatur ist dem Zeitgeist unterworfen? Die Aussage schmeckt mir nicht. Wie sieht es bei mir im Moment aus? Ich habe persönlich primär für mich persönlich geschrieben, diese Geschichten waren erst nicht für eine Veröffentlichung gedacht. Deswegen hab ich sie ganz unverholen auch für mich geschrieben. Und ich habe schon häufiger Toleranz gefordert beim Lesen einer Geschichte. Dennoch, ich kann diese Frage für mich im Moment nicht endgültig beantworten, ich muss das offen stehen lassen. Mir ist die Meinung meiner Leser tatsächlich ebenso viel wert wie meine eigene beim Schreiben. Das muss ich erst mal einfach so stehen lassen.

Nur eines müsste ich noch einmal betonen: Ich unterscheide zwischen einer Geschichte, die eine gemischt fiktiv/realitätsnahe Anlage hat und einer, die eine streng realitätsnahe hat, gewaltig. Bei der ersteren habe ich da persönlich viel weniger Probleme.

Liebe Grüße!

Was muss sie alles durchmachen! … , Zu Teil 7

Einen lieben Dank und Gedanken zu dem letzten Kommentar zu Teil 7: Was muss sie alles durchmachen!

Über diesen Kommentar hab ich mich wirklich sehr gefreut. Ich bin jemand, der zwischendurch durchaus ziemlich handgreifliche Phantasien hat, aber mir ist auch immer bewußt, was das heißen würde, wenn es einem Menschen dann wirklich so passieren würde. Deswegen ist diese Darstellung in meinem Empfinden schon sehr hart und deutlich. Wenn ich mit jemandem ein schriftliches Rollenspiel spiele, dann ist mein Gegenüber meist anfangs erstaunt, weil ich das, was er oder sie meinem Charakter so zukommen läßt, auch wirklich realitätsnah beschreibe. So realitätsnah, wie ich es eben nachvollziehen kann, mir hat zum Beispiel noch niemand in den Bauch getreten :).

Bei Phantasien gibt es für mich eine Grenze, und die liegt für mich persönlich bei dem realistisch möglichen physischen und psychischen Fassungsvermögen des Charakters, wenn ich zusätzlich voraussetze, dass ebenjener Charakter überdies schon eine maximale Leidensfähigkeit besitzt. Das heißt, ich beschreibe Situationen, die ich als Grenzsituationen empfinde, und genau diese Grenzsituationen interessieren mich auch.

Ich beurteile und verurteile wirklich keine einzige Phantasie, die jemand hat, egal, welcher Natur sie auch ist. Das ist eine sehr persönliche Sache, und das steht selbstverständlich jedem zu, sich das vorzustellen, was ihn persönlich anmacht oder ihm einen Kick gibt. Und diese Grenzen sind auch bei jedem einzelnen unterschiedlich. Das macht unsere Welt ja auch so interessant, dass das so ist. Wenn ich, so, wie ich geartet bin, in manche Foren sehe, dann kann ich das, was da beschrieben wird, nicht lesen, das ist dann zu viel für mich. Dann mache ich das einfach wieder zu, so, wie ich es auch den Lesern meines Blogs empfohlen habe, wenn sie meine Geschichten anstößig finden.

Deswegen bin ich wirklich dankbar für solche Rückmeldungen, weil sie mir zeigen, dass ich grundsätzlich nicht zu weit gehe. Wenn dann erwidert wird: Ja, wenn du bedenkst, was noch so beschrieben wird… Das ist für mich kein Argument, ich möchte persönlich so schreiben, dass das, was der Charakter erlebt, mit einer normalen mentalen Physis noch ertragbar ist.

Oder anders ausgedrückt: Ich möchte mir auch mit diesen Veröffentlichungen noch im Spiegel in die Augen sehen können, ich möchte diese Geschichte auch jemandem vorlesen können, ohne dass mir selber die Stimme dabei versagt. 😀 Ich muss selber noch dazu stehen können. Das ist mir wirklich wichtig, und deswegen noch einmal einen ganz herzlichen Dank für diesen Kommentar!

Auf einem ganz anderen Blatt steht dann für mich noch, inwieweit ein Geschichtenerzähler sich über manche Praktiken, Foltermethoden und ähnliches selber im Klaren sein sollte. Für mich sind das zwei Paar Schuhe. Es gibt Erzähler, die legen ihren Fokus auf eine Handlung, ohne zu versuchen, sie in den Konsequenzen nachzuvollziehen, und es gibt Erzähler, die genau das tun. Zumindest streite ich das manchen Erzählern bei dem, was sie schildern, einfach mal ab, dass sie selber das auch nachvollziehen und zu Ende denken können, was sie da beschreiben. Ein Beispiel: Es gibt sicherlich von vielen Erzählern einen, der wirklich einen Arm von sich selber einem anderen zum Mittagessen aufgetischt hat und somit ganz genau weiß, was er da beschreibt. Der ganze Rest der Erzähler weiß das aber nicht!

Wenn mich jetzt dieser Gedanke anmachen würde, dann würde ich so eine Geschichte auch unter dieser Fragestellung durchlesen: Weiß der Autor wirklich, wovon er da redet? Für mich wird die Geschichte nämlich erst richtig interessant, wenn der Autor das gut herüber bringen kann. Darauf wird jetzt aber jeder Autor zu Recht entgegnen, man kann unmöglich alles erleben, was man so in seiner Phantasie hat. Stimmt auffallend, natürlich, das ist wie bei einem Arzt, der kann auch nicht jede Krankheit am eigenen Leib kennen. Aber ich für mich mag nur Dinge schildern, bei denen ich es persönlich noch für menschenmöglich halte, so etwas zu ertragen, ohne einen bleibenden psychischen oder physischen Schaden davon zu tragen. Dabei rede ich nicht von der individuellen Art der Vorstellungen oder gar Tabubrüchen, mit der von mir bereits schon einmal zitierten Inzestgeschichte von Mike Stone zum Beispiel habe ich nicht das geringste Problem, ich finde sie wirklich klasse. Ich finde aber auch, es liegt in der Verantwortung eines Autors, dass das, was er sich da zusammen spinnt, nicht völlig unerträglich sowohl für den Charakter wie für die Leser ist.

Wobei auch „völlig unerträglich“ wieder ein dehnbarer Begriff ist. Aber bevor ich jetzt bei: „Alles ist eben relativ“ angekommen bin, mach ich lieber Schluss, sonst widerspreche ich mir am Ende noch selber! 😀

Jeder hat halt so seine eigenen Grenzen, und das ist meine!

Liebe Grüße, euer Matt