Zufällige Begegnung (Charlene), Teil 6

Zwei völlig verschiedene Frauen, zwei völlig verschiedene Möglichkeiten, sich zu begegnen. Matt ist Charlene ebenso zufällig begegnet wie Julia. Julia ist nun für ein paar Tage oder Wochen bei Charlene eingezogen, um über ihr Trauma hinweg zu kommen. Aber diese zweite zufällige Begegnung, die lief sowohl für Matt wie für Charlene völlig anders ab, damals vor ungefähr vier Jahren…

***

Als Matt Charlene das erste Mal anrief, war sein Timing perfekt wie eigentlich immer, keine fünf Minuten später wäre er bei ihr gewesen. Charlene war lebenserfahren genug und liebte Matt auch einfach viel zu sehr, um ihm jetzt irgendetwas zu unterstellen. Matt hatte sie noch nie belogen, und wenn er ihr sagte, dass ihm etwas dazwischen gekommen wäre, dann musste das etwas Ernstes sein, und dann wartete sie auch gerne auf ihn. Und Matt war auch immer sehr achtsam mit ihr umgegangen, er blieb nicht einfach weg, weil ihm irgendetwas anderes durch den Kopf geschossen war in der Zwischenzeit. Charlene vertraute ihm blind, und sie wusste, dass sie das auch tun konnte und durfte. Also hieß es für sie nun warten. Sie stellte den Champagner wieder kalt und das Essen warm, dann setzte sie sich auf die breite Fensterbank ihres Eßzimmers und sah hinaus auf die Straße. Ihre Gedanken wanderten zurück, sie ließ ihr Handy griffbereit auf ihren Schoß sinken.

Sie hasste ihr Handy eigentlich. Auch jetzt, nach knapp vier Jahren ihrer Beziehung zu Matt, hatte sie kein zweites. Es war witzlos für sie, zwischen einer privaten und einer beruflichen Nummer unterscheiden zu wollen. Sie arbeitete als Funktionsoberärztin in der Allgemeinchirurgie in einem großen Kreiskrankenhaus, und diese Arbeit ließ ihr nicht viel privaten Spielraum. Und das war noch stark untertrieben. Charlene hatte so lange Arbeitszeiten und wurde darin so gefordert, dass sie sich in ihrer Freizeit eigentlich nur ausruhen und auf dem Sofa oder im Bett einnicken konnte, zusammen mit ihrer geliebten Katze Cora, ihrer Seelengefährtin, wie sie oft dachte. Mit genau siebenunddreißig Jahren war ihre langjährige Beziehung zu Werner in die Brüche gegangen, und das lag auch zu einem nicht unerheblichen Teil an ihrer Berufung. Das, was sie tat, konnte man nicht tun, wenn man nicht so fühlte, und genau das hatte Werner ihr auch vorgeworfen, dass sie ihre Arbeit über die Beziehung zu ihm stellen würde. Charlene war diesem Vorwurf gegenüber hilflos gewesen, denn sie konnte nicht so einfach aussteigen, nicht so, wie Werner sich das damals dachte. Dass das so nicht stimmte, das machte ihr erst Matt später klar. Aber wie dem auch war, sie verlor damit ihren engen Freundeskreis und war privat bald völlig isoliert. Und im Krankenhaus kannte sie dagegen inzwischen bald hundertfünfzig Menschen und war mit vielen auch näher befreundet. Also kam für sie jeder Anruf aus dem Krankenhaus, war es nun ein Dienstanruf, der sie zu einem Notfall rief, oder eine Freundin. Wobei Freundin oder Freund den Charakter dieser Beziehungen nicht traf, auch das war ihr immer bewußt. Würde sie morgen die Klinik verlassen, dann hätte sie allerspätestens nach ein paar Wochen auch die engsten Kontakte verloren.

Sie zuckte jedes Mal zusammen, wenn ihr Handy klingelte, denn der Grund der Anrufe waren weit mehr Notfälle außerhalb der Dienstzeit als der von Freunden oder Freundinnen. Wenn sie dann hörte, was vorlag, ging kurz eine warme Welle der Angst durch ihren ganzen Körper, jedes verdammte einzelne Mal. Sie hatte nun schon so viel Erfahrung, aber diese unwillkürliche Reaktion blieb ihr. Danach übernahm die Routine, sie fuhr mit einer stark unterdrückten Angst in die Klinik und atmete erst auf, wenn die Operation gelungen oder der Patient auf der chirurgischen Intensivstation nicht mehr in Gefahr schwebte. Dann schlug diese beherrschte Angst in ihr in Euphorie um, was eigentlich hätte schön für sie sein können, aber meist war sie danach so müde, dass sie auch das nicht mehr aufheitern konnte. Wo sie auch war, ihr Handy war immer in der Nähe, und wenn es klingelte, hatte sie stramm zu stehen und da zu sein. Deswegen hatte sie einen sehr guten Grund, es zu hassen. Und dennoch war sie jetzt froh, dass es bei ihr auf dem Schoß lag, denn jetzt würde Matt jeden Moment anrufen, und darauf freute sie sich mit einer ganz tiefen, hingebungsvollen Sehnsucht nach seiner Gegenwart. Mit Matt hatten viele Dinge für sie ihren Schrecken verloren.

Sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, es sich auf dem breiten Fensterbrett bequem zu machen, wenn sie auf ihn wartete. Das war inzwischen zu einer festen Institution zwischen ihnen beiden geworden, wenn Matt sie oben nicht sitzen sah, rief er sie sofort an, oder es rief eben derjenige an, der statt seiner dann vorbeifuhr. Sie lächelte leise vor sich hin. Cora kam zu ihr, legte sich auf das Handy in ihren Schoß. Sie streichelte das seidige schwarze Fell ihrer Katze. Mit Matt war ihr Leben ungewöhnlich geworden, sie hatte sich anfangs mit ihm zusammen an sehr vieles gewöhnen müssen. Jetzt hatte sie schon das Gefühl, ohne ihn nicht mehr leben zu können. Ihre Gedanken wanderten leicht und beschwingt zurück in die Vergangenheit.

***

An dem Tag, an dem sie Matt vor jetzt etwas mehr als vier Jahren das erste Mal begegnete, war sie als erfahrende Assistenzärztin in der chirurgischen Ambulanz eingeteilt gewesen, und das überwiegend alleine. Zwei Kollegen hatten sich krank gemeldet, und das Krankenhaus hatte keine Mittel für einen Ersatz irgendeiner Art. Also mussten die anwesenden Kollegen mehr arbeiten, so lange und so schnell, bis die Arbeit eben getan war, und wenn das erst am nächsten Morgen oder Mittag der Fall war. Sie schuftete also ohne Pause, überwiegend ohne ihren zweiten Kollegen, arbeitete einen Patienten nach dem anderen ab. Ohne die erfahrenen Schwestern und Pfleger der Ambulanz wäre ihr das so niemals möglich gewesen, aber sie kannte ihre Pappenheimer, das waren alles gut eingearbeitete, mitdenkende und hochmotivierte Menschen, die oft mehr konnten als ein Assistenzarzt. Charlene war mit den meisten sehr gut bekannt, war bei allen ihren Besprechungen dabei und hatte auch einen nicht unwesentlichen Anteil an ihrer Ausbildung gehabt. Von einer Schwester oder einem Pfleger, die oder den sie selber eingearbeitet hatte, wusste sie auch am allerbesten, was er zu leisten imstande war. So konnte sie Aufgaben verteilen, abgeben, und das machte ihr diese rasanten Patientenwechsel erst möglich. Das war eine Arbeit am absoluten Leistungsmaximum, und das ohne Pause, ohne Gnade, und absolut ohne jede Zeit. Die Pflegekräfte arbeiteten ihr fachlich hochgradig kompetent zu, und sie lief von Zimmer zu Zimmer, pausenlos im Kreis wie ein Hamster in seinem Laufrad, sah nach Verwundeten in den Behandlungsräumen, erwartete einen der zwei RTWs an der Rampe, einen der zwei Rettungswagen, die das Krankenhaus hatte, organisierte nach der Diagnostik der einkommenden Patienten deren weiteren Werdegang im Krankenhaus, das hieß, sie musste entscheiden, ob dieser Patient stationär aufgenommen werden oder gar sofort operiert werden musste. Und diese Entscheidungen waren sofort zu treffen, auch da gab es keine zwei Meinungen. Charlene konnte das, sie war ein erfahrenes Mitglied in ihrem Ärzteteam, ihre Kollegen wussten das, ihre Oberärzte und ihr Chefarzt ebenso. Das brachte ihr Anerkennung ein, aber auch noch mehr Arbeit, gegen die sie damals machtlos zu sein glaubte, absolut machtlos und ausgeliefert. Sie dachte damals, es gäbe für sie keinen Ausweg aus dieser Falle, in die sie sich irgendwie selber durch ihren maximalen Leistungswillen und ihre damit verbundene fachliche Kompetenz manövriert hatte. Sie hatte das in ihrer Ausbildung sozusagen „mit der Muttermilch“ eingesogen: Ein Arzt war immer da, ein Arzt half immer und sofort, ein Arzt wurde niemals müde. Das waren keine leeren Worte, das war eine grausame Realität für sie. Und ironischerweise machte ihre hohe soziale Kompetenz, ihre Kommunikationsbereitschaft und ihr Willen, im Team zu arbeiten und nicht alleine an der Spitze, das alles nur noch schlimmer. Meist tat sie drei bis vier Dinge gleichzeitig. Sie behandelte Patienten, organisierte etwas am Telefon währenddessen, ließ sich einen Kaffee im Stehen bringen, wimmelte gleichzeitig noch einen Pharmavertreter ab und lachte und scherzte mit den Mitarbeitern. Denn die mussten und wollten motiviert werden, also hatte sie immer gute Laune und ein offenes Ohr für jeden. Das große Team der Chirurgie im Evangelischen Krankenhaus war ihre Familie, ihre eigentliche. Sie war in ihrer Abteilung einer der Motoren, die alles mit ihrem Einsatz am Laufen hielten. Es gab schon Zeiten, wo sie so am Ende war, dass sie begann, dieses System der massivsten Ausbeutung zu hinterfragen, aber die währten nicht lange, dazu war sie viel zu sehr involviert. Die Operationen, die sie ohne die geeignete Qualifikation dazu schon durchgeführt hatte, konnte sie schon lange nicht mehr zählen, aber nur so war es zu verstehen, dass ihr Wissen und ihre Kenntnisse derart rapide zunahmen. Lernen am Menschen, am Subjekt. Manchmal, wenn sie so am Tisch stand, dann fragte sie sich schon, wie die Öffentlichkeit wohl auf diese Mißstände reagieren würde, aber die Öffentlichkeit war nicht informiert und die Ärzte schwiegen kollektiv, wie auch sie. Bisher war ihr noch kein Patient bei so einem Husarenstück gestorben, noch keine Operation irreparabel missglückt. Es stand ja auch immer ein Oberarzt an ihrer Seite, bis -, ja bis sie selber Funktionsoberärztin wurde. Da erst verstand sie wirklich, was echte Verantwortung war, und wie schwer es war, sie auch ganz alleine zu tragen.

Ja, und dann kam der Tag, an dem sie Matt in einer ihrer Behandlungskabinen antraf. An diesen Tag konnte sie sich gut erinnern, denn da war alles anders gewesen.

Charlene hatte es gelernt, mit Menschen umzugehen. Es galt ja nicht nur bei einer Triage, wenn sie mit dem NRW zu einem schweren Unfall mit mehreren Beteiligten kam, schnell und sicher zu entscheiden, wer als erstes, wer als zweites, und so weiter, wer noch am Leben war, wessen Leben man noch erhalten konnte, wer noch ein wenig warten konnte und wer jetzt Zeit im Überfluss haben würde. Auch an solchen Tagen in der Ambulanz, Tagen, in denen sich die Patienten schon im Flur stapelten und die Notfälle nicht abrissen, war sie darauf angewiesen, schnell zu einem fachlich korrekten Urteil zu kommen, wenn sie sich einem Verletzten widmete. Durch ihre lange Schulung in Studium und Beruf war das Aussehen eines Menschen für Charlene recht nebensächlich geworden. Sie achtete mehr auf das, was sie körpersprachlich von sich gaben, wenn sie ein Zimmer betrat. Viel aussagekräftiger als eine aufgeregte und langatmige Erklärung eines Patienten war für sie, wie sich dieser Patient in dieser Zeit verhielt. Hatte er wirklich Schmerzen oder eher Angst? Ein Mensch, der echte Schmerzen litt, verhielt sich allgemein sparsam, reduziert in seinen Äußerungen, haushaltete mit seinen Kräften. Angst bewirkte das genaue Gegenteil, die Menschen waren offensiv ihr gegenüber, suchten lautstark ihre Hilfe, hatten viel Zeit für eine langatmige und diffuse Erklärung des Vorgefallenen. Nicht ganz einfach war es aber in beiden Fällen für Charlene, heraus zu bekommen, wie stark denn die angegebenen Beschwerden des Patienten vor ihr wirklich einzuordnen waren, welche er denn überhaupt genau hatte und wie er sich das denn wirklich zugezogen hatte. Vor ihr saßen oder lagen ja nur in den wirklich allerseltensten Fällen Menschen, die geschult im Umgang sowohl mit Schmerzen wie mit ihren Ängsten waren, die meisten waren ganz normale Menschen, und ganz normale Menschen brachten einfach alles. Ein kleiner Junge mit einem ausgerenkten Finger war in der Lage, die komplette Ambulanz auf den Kopf zu stellen, und ein alter Mann mit einem Herzinfarkt saß ruhig da und erzählte ihr von seinen akuten Magenbeschwerden und einer nicht wirklich vorhandenen Magenblutung. Die Menschen ordneten ihre Symptome einfach ihren eigenen Theorien zu, lernten etwas über ihre Krankheit aus der Apothekenumschau und antworteten grundsätzlich nicht auf die Frage, die sie ihnen gerade stellte.

In dieser Kabine herrschte Ruhe, das war das erste, was Charlene aufatmend sofort wahrnahm, rein intuitiv. Vor ihr saß ein Mann in den späten Dreißigern in einem der beiden Stühle und hielt sich mit einer ganz offensichtlichen Schon- und Entlastungshaltung seinen rechten Arm. Charlene wurde über jeden der Patienten, die in den Kabinen auf sie warteten, vorher kurz und bündig von den Ambulanzschwestern und –pflegern informiert, dieser Mann hier kam mit Verdacht auf einen Unterarmbruch. Sie setzte sich unwillkürlich tief durchatmend auf die Untersuchungsliege und nahm die Papiere zur Hand, die dort lagen. Der Mann ließ ihr diesen kurzen, aber sehr wichtigen Moment, den sie brauchte, um sich möglichst gut zu informieren. Dann sah sie auf und begegnete sofort den intensiv blauen Augen des Mannes, der ihren forschenden Blick ruhig hielt.

Er trug, wie sie nur noch am Rande konstatierte, einen Anzug, der aber mitgenommen zu sein schien, ein wirklich eigenartiger Kontrast. Sein rechter Unterarm war dick angeschwollen, aber er hatte sich noch nicht einmal die Jacke ausgezogen. So musste er starke Schmerzen haben, das verriet seine nonverbale Haltung sofort. Aber er beachtete sie scheinbar kaum, sondern er betrachtete sie. Und das war nun wirklich nicht der alltägliche Gang der Dinge, das war der Augenblick, an dem sich für Charlene der ganze Tag drehte, und nicht nur dieser.

Charlene lächelte ihn an und atmete noch einmal tief durch. Dann erst sprach sie ihn ruhig an, stellte sich kurz vor und fragte ihn, wie er zu seinem stark geschwollenen Unterarm gekommen war. Der Mann reagierte wieder besonnen, er stellte sich ebenfalls erst einmal vor. Sein Name war Matthias Wagner. Charlene konnte sich noch so plastisch an seine Worte erinnern, als wäre es gestern erst gewesen, die Art, wie er das ausgesprochen hatte, als würde er diesen Namen lange nicht jedem verraten. Mit diesen einfachen Worten brachte er ihr die Freiheit, aber das konnte sie damals nicht wissen, sie fühlte nur, wie anders, wie besonders die Atmosphäre in dem kleinen Raum auf einmal war. Matthias Wagner war ein Mann, dem sie wirklich zuhörte.

Charlene setzte sich bequemer auf dem Fensterbrett zurecht bei dieser Erinnerung, so, wie sie auch bequemer auf der Liege Platz genommen hatte. Herr Wagner berichtete kurz und sehr präzise, was ihn gerade schmerzte, und während er das tat, wanderten seine Augen musternd über ihren ganzen Körper. Normalerweise wäre ihr so ein Verhalten eines ihrer Patienten sehr unangenehm gewesen, bei Herrn Wagner störte es sie überhaupt nicht, und das hatte einen sehr gut nachvollziehbaren Grund. Seine blauen Augen blickten freundlich, und die Art, wie er aufnahm, was er sah, war empathisch. Anders konnte Charlene das nicht formulieren. Er taxierte sie nicht nach Schwächen, er musterte sie, um sich einen ihr zugewandten Eindruck von ihrer eigenen Situation zu verschaffen. Und damit drehte er diese Arzt-Patienten-Beziehung einfach um, schnörkellos und ganz leicht.

Charlene begann sofort, sich in seiner Gegenwart wohl zu fühlen, und das war unabhängig von dem, was sie hier in dieser Kabine mit diesem Mann vorhatte. Sie befragte ihn eingehender, er antwortete ihr sofort und sehr präzise, und die Art, wie er das machte, stand völlig im Einklang mit dem, was seine Augen aussagten. Sie nickte schon nach wenigen Minuten und bat ihn, sein Jackett und sein Hemd bitte auszuziehen. Sie musste sich einen Überblick über seinen Arm und seinen Thorax verschaffen. So begründete sie ihre Bitte auch, sie befahl es ihm aber nicht. Ein Arzt-Patienten-Gespräch war ein besonders, wenn sie eine Bitte dahingehend äußerte, kam diese normalerweise einem Befehl gleich. Das waren nur Nuancen, kaum wahrnehmbar, aber Herr Wagner hatte das Gespräch gedreht und es störte sie nicht im Mindesten, ganz im Gegenteil. Zu ihrem eigenen Erstaunen zog es sie an, dass dieser Mann, dieser Patient vor ihr, die Führung übernahm. Keine einzige ihrer vielen verschiedenen roten Alarmglocken begann zu klingeln in ihrem Geist, hier und jetzt war alles gut so, wie es war.

Er stand auf und bemühte sich, ihrer Bitte zu entsprechen, sie trat zu ihm und half ihm. Arzt und Patient kamen sich nahe bis auf Tuchfühlung, aber sie waren in aller Regel weit voneinander entfernt. Hier war das nicht so, hier wurde Charlene sehr bewusst, wie nahe sie bei diesem gut gebauten Mann stand, sie fühlte seinen ganzen Körper neben ihrem stehend, nicht nur ihre Hände auf seinem verletzten Arm. Aber auch, wenn er ihre Reaktion zu bemerken schien, wahrte er eine kleine, gewisse Distanz, kam ihr nicht zu nahe und brüskierte sie damit. Er lächelte ihr nur in die Augen, bevor sie den Blick senkte und seinen Arm untersuchte. Sein Unterarm war deutlich angeschwollen, die Haut bereits blutunterlaufen, aber er konnte Handgelenk und Ellbogen frei bewegen, und auch das Schultergelenk. Ihre Hände wanderten sanft über seine Haut, sie waren erfahren, taten ihm nicht mehr weh als unbedingt notwendig. Das schien der jüngere Mann vor ihr zu genießen, obwohl sie an seinen schnellen Reflexen erahnen konnte, dass ihn seine Schmerzen wirklich plagten. Sie machte einen kompletten Schulterbewegungstest, tastete über die Hämatome, die sich auf seinem Oberkörper abzuzeichnen begannen, machte einen kompletten neurologischen Funktionstest. Sein Arm war frei beweglich, das sprach deutlich gegen einen Bruch.

Sie fragte ihn lächelnd, ob er sich in eine Schlägerei hatte ziehen lassen. Das war eine wirklich ungewöhnliche Vorstellung für sie bei seinem Dresscode. Er antwortete ihr nicht unmittelbar, er ließ ein oder zwei Sekunden verstreichen. Sie sah auf und wieder in seine Augen, erkannte, dass er sehr gut abwog, wem er eine solche Frage beantworten würde und wem nicht. Aber der lächelnde Ausdruck in seinen Augen verriet ihr schon, bevor er für seine Antwort Luft holte, dass er ihr antworten würde. Das freute sie. Überhaupt kam dieser schöne Mann wie aus einer anderen Welt in die ihre geplatzt.

Er berichtete ihr, dass ein junger Mann von drei Halbstarken auf offener Straße in die Mangel genommen worden wäre. Er war dazwischen gegangen und hatte einen schweren Schlag abgefangen, der dem Unterkiefer des Opfers gegolten hatte. Das war sein Unterarm hier gewesen, der den Schlag abbekommen hatte, und in dem Moment hatte er sich angefühlt, als wäre er gebrochen. In diesem Augenblick wären dann aber auch schon zwei weitere Männer eingeschritten, die Polizei wäre erschienen und die Situation hätte sich entspannt.

Charlene war einigermaßen sprachlos. Herr Wagner erzählte so sparsam und schnörkellos von einer wahren Heldentat. Sie suchte wieder seine Augen und fing einen aufmerksamen Blick von ihm auf. Ganz offensichtlich hatte dieser Mann vor ihr sich vorgenommen, genauer auf sie zu achten. Sie lächelte ihn einfach so an, wie es ihren Gefühlen entsprach, die er damit in ihr auslöste. Sie signalisierte ihm damit, dass sie sich in gewisser Weise fallen ließ, sein nicht mit Worten ausgesprochenes und dennoch bestehendes Angebot gerne annahm, sich von ihm ebenfalls helfen zu lassen, wie auch immer. Auf dieser Ebene bedurfte es keiner Worte.

Charlene behandelte alle Menschen grundsätzlich gleich, die kleine Putzfrau, die die Gänge des Krankenhauses sauber hielt, kannte sie genauso wie ihren chirurgischen Chef, sie wechselte mit beiden ähnliche Worte, wenn es sich nicht um Fachliches handelte, und wollte es damit keineswegs allen unbedingt Recht machen. Sie war sich ihrer selbst einfach sicher, deswegen übersah sie niemanden, der vor ihr stand. Sie wollte natürlich wie alle Menschen grundsätzlich gemocht und respektiert werden, sowohl als Ärztin wie auch als Mensch, aber trotzdem dachte sie nicht darüber nach, was die anderen wohl gerade von ihr denken mochten. Die Meinung der anderen interessierte sie zwar, aber sie war für sie persönlich nicht maßgeblich, sie richtete sich nicht nach ihnen. Nur in einem Punkt war das tatsächlich anders. Die Meinung der Menschen um sie herum war davon abhängig, was sich in deren Köpfen abspielte, und eine Menschengruppe stach deswegen aus der Gesamtheit der um sie herum wuselnden Menschen heraus. Das waren ihre Patienten, aus beruflichen Gründen interessierte es sie da sehr, was in deren Köpfen bezüglich ihrer Person in ihnen vorging. Das betraf aber nicht sie als Frau, sondern sie als Ärztin und war ausgesprochen wichtig für sie. Sie machte sich wenig Gedanken darum, wie sie als Frau wirklich beschaffen war, dazu hatte sie viel zu wenig Zeit, aber ihr war das Bild, das die Patienten von ihr als Ärztin bekamen, ausgesprochen wichtig.

Männer, ihre Kollegen wie auch die ihres kleinen Freundeskreises, begegneten ihr in aller Regel freundlich und mit Hochachtung, sie schätzten ihr gewinnendes Wesen, ihren natürlichen Charme und ihre Freundlichkeit, aber sie wussten auch immer, dass sie das alles nicht von ihr kaufen oder durch Schmeichelei erwerben konnten. Männer behandelte sie so, wie sie es wollte, und nicht so, wie die Männer es vielleicht von ihr erwarten mochten. Auch bei Herrn Wagner machte sie da keine Ausnahme, aber ihr unterschwellig gewinnender Charme war ehrlich gemeint und ihre Freundlichkeit ebenso, sie ertappte sich dabei, dass sie diesem ungewöhnlichen Mann nicht nur als Ärztin, sondern auch als Frau gefallen wollte, weil er sie interessierte. Und Herr Wagner reagierte auf sie im Großen und Ganzen wie die anderen Männer auch, aber es gab da feine Unterschiede, über die sie gerade aber gar nicht nachdenken konnte. Und sie durfte ihre Gedanken nicht so abschweifen lassen.

Charlene nickte. Sie wußte alles, was sie wissen musste, um zu einer eindeutigen Diagnose zu kommen, schwere Unterarmprellung. Es fehlten nur noch die Anamnese und die Diagnostik, die ihre Diagnose bestätigen mussten. Sie befragte Herrn Wagner also kurz und bündig nach seinen Vorerkrankungen, dann machte sie ihren Einfluss für ihn geltend und verschaffte ihm rasche Röntgentermine und ihre beste Schwester, um ihm Blut abzunehmen. Die ganze Zeit klingelte ihr Krankenhaushandy fast ohne Unterlass, und sie wurde immer wieder unterbrochen. Sie saß in ihrem eigenen, leicht sauren Schweiß, der von diesem Streß herrührte, ohne das überhaupt noch zu bemerken. Herr Wagner schwieg derweil und sah sie nur an. Schließlich nickte sie ihm zu. Zeit, weiter zu eilen.

„Wir sehen uns gleich noch einmal wieder, wenn ich die Befunde beisammen habe, Herr Wagner“, informierte sie ihn dann freundlich. Er nickte und lächelte wieder freundlich.

„Aber Sie werden mir doch niemand anderen schicken, Frau Dr. Hilthaus?“, wollte er dann wissen, und die Art, wie er diese Worte betonte, machte eine ganzheitliche Herangehensweise klar, mit der er ihr begegnete. Er fragte sie nicht nach seinem Arm, nicht nach Linderung seiner Schmerzen, sondern nach ihr selber. Nun, Herr Wagner war ein Privatpatient und hatte damit tatsächlich Anspruch auf freie Arztwahl, aber, und das war der Witz, auf eine Oberarzt- oder Chefarztbehandlung. Er hätte hier und jetzt jederzeit ihren Chef herbeizitieren können. Und auf ihrem Schild stand zu dieser Zeit sehr gut lesbar „Assistenzärztin“. Es gab auch Patienten, die sie zu mögen begannen und ihr auf diese Weise schmeicheln wollten. Aber auch so klangen seine Worte nicht. Sie klangen bestimmt, Herr Wagner wusste, was er wollte, und er wollte von ihr weiter behandelt werden. Sie nickte schon fast gegen ihren Willen.

„Selbstverständlich“, willigte sie sofort ein, und er nickte nur. Auch dieser winzige, kaum erkennbare Vorgang war alles andere als selbstverständlich, denn sie konnte schon in zwei Minuten sonst wo sein, im OP, auf der Intensivstation, bei einem hereinkommenden Notfall. Aber sie würde ihr von ihm eingefordertes Versprechen einlösen, sie hatte Erfahrung genug, um so etwas hinzubekommen.

Sie atmete noch einmal durch, diesmal ein wenig verdutzt, dann erhob sie sich aber und nickte ihm knapp und verabschiedend zu und verließ den Raum wieder.

Sie sah Herrn Wagner nach gut vierzig Minuten erst wieder. Die Diagnostik selber hatte höchstens halb so lange gedauert, aber er hatte klaglos gewartet. Er saß in demselben kleinen Behandlungsraum.

Dieses Gespräch hatte Regeln, und er musste das wissen, genauso wie Charlene. Aber er schien darauf zu pfeifen. Er sah ein wenig so aus, als stünde er kurz vor einem Wutausbruch. Charlene sah die Spannung in seinem Kiefer und um seine Augen herum. Sein Gesicht sah im Ganzen irgendwie mühsam beherrscht aus und seinen Augen waren belebt, funkelten mit einer gefährlichen Tiefe, hatten einen fast schon gierigen Ausdruck. Irgendwie hatte Charlene eine gute Ahnung davon, dass sie das in ihm auslöste, aber als sie das erfasste, war es ihr auf einmal scheißegal, obwohl das eigentlich nicht sein durfte. Es löste in ihr ein immer stärker werdendes Wohlbehagen aus. Sein Arm war in diesen Augenblicken ohne Worte eine Nebensache. Er durchbrach damit endgültig ihre „Arztrüstung“, ihre Berufspersönlichkeit, die sie über ihre wahre zog, wenn sie arbeitete. Dieser Mantel schützte sie vor den oft erschreckenden und angsterregenden Eindrücken und ihrer eigenen Reaktion darauf. Sie durfte keine Angst haben, durfte keine einzige Minute zögern, wenn es um die Wurst ging. Und der Mann vor ihr hatte es mühelos geschafft, diesen lange und schwer erworbenen und nun fast selbstverständlichen Schutz zu durchbrechen, die wahre Charlene Hilthaus vor sich stehen zu haben.

Was dann in diesem Raum gesagt und getan wurde, war eine Nebensache. Charlene hängte ihm an einem kleinen Röntgenschirm seine Bilder auf, suchte noch einmal sehr sorgfältig nach Spuren eines Risses in seinen Knochen und fand keine. Sie erklärte ihm, was er hatte und was nun zu tun war. Ihre genaue Diagnose in seinem Falle lautete schwere Unterarmprellung mit Weichteilverletzung und erheblicher Quetschwunde mit Hämatombildung, aber ohne Knochenbeteiligung. Da ihre Diagnose nun gesichert war, konnte sie ihm auch endlich ein Schmerzmittel verabreichen, vor der Erstellung einer genauen Diagnose hätte es die Symptome verschleiert und damit eine fehlerhafte Diagnose bewirken können. Sie applizierte ihm über die bereits liegende Braunüle ein Antibiotikum und ein Schmerzmittel, desinfizierte und verband die Wunde und legte ihm einen Rucksackverband an. Sie erklärte ihm ihre Therapie genau und gab ihm ihren weiteren Behandlungsplan vor. Er sollte sich regelmäßig in der Ambulanz zur Nachuntersuchung vorstellen, den Arm nicht belasten und sich, wenn irgend möglich, ein paar Tage frei nehmen. Er habe ein recht schweres Trauma, klärte sie ihn auf, das sein Körper erst verkraften müsse. Um eine Wundinfektion zu verhindern, empfahl sie ihm eine antibiotische Anschlußtherapie und eine weiter gehende Schmerztherapie. Er kannte diese Medikamente alle nicht, sie füllte ihm einen detaillierten Behandlungsplan aus und gab ihm die Medikamente alle aus dem Schrank. Das Schmerzmittel begann, sichtlich für sie zu wirken, also schärfte sie ihm auch gleich dazu ein, heute auf gar keinen Fall mehr ein Fahrzeug zu führen. Damit hatte sie für ihn alles getan, was in ihrer Macht stand, und das höchstpersönlich.

Im Verlauf ihres sachlichen Gespräches hatte er scheinbar die Kontrolle über sich zurück gewonnen, er hatte ihr aber auch erfolgreich vermittelt, was sie in ihm auslöste. „Wann treffe ich Sie wieder?“, fragte er sie knapp und abschließend und schaffte es, diese Worte nicht anzüglich oder persönlich klingen zu lassen. Charlene musste überlegen. Sie hatte diese ganze Woche in der Notaufnahme Dienst, also war es kein Ding der Unmöglichkeit.

„Kommen Sie bitte in drei Tagen wieder, Herr Wagner, wenn es Ihnen möglich ist“, antwortete sie ihm, und ihr war sehr bewusst, dass ihre Augen im schräg hereinfallenden Sonnenlicht grün aufleuchteten. Eine blonde Haarsträhne hatte sich aus ihrem Knoten selbstständig gemacht und fiel ihr auf die Wange, sie strich sie leicht abwesend zurück. „Es ist egal, wann Sie kommen, Sie sehen ja selber, dass hier der Bär im Kettenhemd tobt. Sie werden vielleicht warten müssen, aber ich weiß, dass Sie da sind und werde Sie holen kommen. Und ich vergesse Sie auch ganz sicher nicht.“ Er fing wieder ihren Blick ein und sie fiel in diese schwer fassbare Tiefe seiner tiefblauen Augen. Diese seine Irisfarbe war so intensiv, dass sie bei einem anderen Mann an Kontaktlinsen gedacht hätte. Aber Herr Wagner stand für sie über solchen Erwägungen.

Für einen Moment hielt er schweigend einfach ihren Blick, dann nickte er nur und erhob sich etwas mühsam, was auch dem schweren Schmerzmittel zuzuschreiben war, noch bevor sie ihm zur Hilfe kommen konnte. Sie zeigte ihm den Hinterausgang durch die Ambulanz, der eigentlich nicht für Patienten gedacht war. „Das ist auch unser Ausgang, und weiter hinten warten Taxis. Ich wünsche Ihnen einen erfreulicheren Abend, Herr Wagner, und wir sehen uns dann in drei Tagen wieder.“

Es schien ihm schwer zu fallen, denn er zögerte einen Augenblick, aber dann bedankte er sich nur und verabschiedete sich ebenfalls, während ihr Puls bei dieser seiner Reaktion einen gehörigen Satz machte. Was hätte er ihr wohl sagen wollen? Er wandte sich in die von ihr vorgegebene Richtung ab.

Sie sah ihm noch einen Moment nach, wie er mit energischen Schritten der Tür zustrebte. Charlene erinnerte sich noch daran, was ihr in diesem einen Augenblick an diesem überaus langen Tag durch den Sinn geschossen war. Dieser Mann hatte keine einzige Grenze überschritten, dachte sie bei sich, kein dummer Satz wie: „Der OP-Kittel steht Ihnen aber gut, Frau Doktor“, oder „Für eine so erfahrene Ärztin sehen Sie aber wirklich gut aus.“ Und dennoch hatte sie den Eindruck, dass es ihm ein wenig schwer gefallen war, klar bei ihrem Gespräch denken zu können. Er besaß einen elaborierten Sprachstil, hatte aber nur auffallend wenig gesagt, eigentlich nur einzelne, wenige Sätze. Stattdessen hatten seine Augen eine lebhafte Sprache gesprochen. Was ihm aber nicht schwer gefallen war, das war, ihr die Kontrolle über die Situation zu überlassen. Er hatte keinerlei Eindruck schinden wollen, keinen Plan gehabt zu haben. Warum auch, hinterfragte sie sich sofort selber und wunderte sich über die eigenartigen Gänge, die ihre Gedanken gerade so nahmen. Dann aber läutete das Telefon und sie war wieder im Trott, der Fremde war vergessen.

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©Matt

Zufällige Begegnung (Julia), Teil 1

Es war alles an diesem Tag reiner Zufall, wenn man denn an Zufälle glaubte. Matt hatte seinen schwarzen Mercedes zwei Straßen weiter abgestellt und befand sich auf raschem Weg zu einer seiner devot ihm zugehörigen Frauen. Die Ärztin kannte er schon eine ganze Weile und besuchte sie regelmäßig oder bestellte sie seinerseits an ihm genehme Orte, auch in die Waldhütte hatte er sie schon kommen lassen. Er wusste, die hart arbeitende Frau liebte ihn, man konnte getrost sagen, sie war ihm im Spiel um Macht, Dominanz und Ergebung verfallen. Er hatte ihr befohlen, alles zu besorgen und bereitzuhalten, was er für sie benötigen würde, er hatte also selber nichts als seine Schlinge dabei, die er immer bei sich trug. Er ging nicht leichtfertig mit den Gefühlen der Frauen um, die er in seiner weiteren Peripherie hatte, auch Charlene besuchte er regelmäßig, er wusste, sie würde sonst wirklich leiden. Er hatte seine Frauen gezähmt und an sich gewöhnt, nun war er auch für sie verantwortlich, und dieser Verantwortung stellte er sich gerne. Er war nicht verheiratet, er fühlte sich frei und damit mächtig, denn er war es nicht nur geschäftlich, sondern damit auch privat. Keine Frau auf diesem Planeten hatte Macht über ihn, aber das hieß nicht, dass er für diese Frauen nicht eine starke Zuneigung hegte, die manchmal sogar er als Liebe bezeichnete. Die Frauen wiederum hatten ihre Selbstkontrolle an ihn abgegeben, zwei bisher völlig und ein paar wenige weitere in Teilbereichen, sie hatten sich ihm in Liebe ergeben, ein Gefühl, dass noch wesentlich stärker werden konnte als in einer normalen Liebesbeziehung, das war Matt klar, und das war auch sein Ziel bei manchen Frauen. Er konnte es in ihren Augen lesen, manchmal bettelten sie ihn um Schläge geradezu an, auch wenn sie sich gegen ihn heftig wehrten. Die Psychologie der menschlichen Lust war komplex, ein ausgewogenes Maß an sadistischem Zwang und liebevollem Umgang war für manche der Frauen ein einzigartiges Erlebnis. Matt wusste nicht, wie er das bezeichnen sollte, auch vor sich selber nicht. Aber dann war es, als würde er nicht nur in seinem Bewusstsein, sondern auch in dem der Frau weilen und genau fühlen können, was sie wirklich brauchte, wonach sie sich wirklich sehnte unter all den Schichten der gesellschaftlichen Anpassung und Erziehung. Wenn er selber eine devote Seite in sich besaß, dann war sie so gering ausgeprägt, dass er sie nicht als solche wahrnehmen konnte, und er stieß seinerseits auch in aller Regel auf Frauen, die sehr devot veranlagt waren, die er in dieser Hinsicht nur noch befreien musste. Aber er besaß auch eine sehr liebevolle Seite, er konnte seine Frauen wirklich gut auffangen nach einer Sitzung mit ihm. Vielleicht war das das Devote in ihm selbst, das wusste er nicht. Manche Frauen hatte er nur für einige Monate, dann führten ihre Lebenswege wieder auseinander. Manche Frauen führte er als sein Eigen für Jahre, Jahre, in denen sie noch nicht einmal seinen wahren Namen kannten. Er wusste nicht, wie er das bezeichnen sollte, aber bei manchen Frauen handelte er, als wären er und sie ein gemeinsames Bewusstsein, dann konnte er auch erfühlen, wie sehr die Frau noch wirklich an ihm hing. Er mochte diese ihm eigene Fähigkeit nicht einfach benennen als Empathie, er beließ es lieber bei dieser selbst für ihn vagen Umschreibung.

Matt wechselte in Gedanken versunken mit raschen, weit ausgreifenden Schritten die schmale Wohnstraße in Düsseldorfs vornehmer Stadtwohngegend direkt am Rhein, in Oberkassel. Mit leicht vorgebeugten Schultern und gesenktem Gesicht wirkte er, als würde er sich gegen einen Sturm stellen, aber er war nur in seine eigenen Gedanken und Reflexionen versunken. Er hatte ein gutes Geschäft abgeschlossen, im Finanzbereich war er geschickt und risikobereit, ein Raubfisch ganz sicher. Er wusste, sein Testosteron versetzte ihn in die Bereitschaft, ein Risiko über alle Vernunft hinweg anzunehmen. Gerade im Finanzwesen, das nach wie vor von Männern dominiert wurde, war Testosteron eine überaus wichtige Triebfeder, und das männliche Sexualhormon war dafür im Bewusstsein der Gesellschaft noch nicht einmal so bekannt. Ein Erfolg einer Aktie motivierte die Börsianer, es dem Glücklichen gleich zu tun und es mit dieser Aktie ebenfalls zu versuchen. Diese Risikobereitschaft bei der einzelnen Transaktion war die Auswirkung des Testosterons, diese Aktie stieg und stieg, sie weckte die Begehrlichkeiten der beteiligten Börsianer wie eine schöne Frau. Die Männer in Anzug und Krawatte, die so kühl geschäftsmäßig wirkten, verhielten sich in Wahrheit nach demselben Beuteschema, mit dem sie eine schöne Frau ansahen. Oft ersetzte der risikoreiche Handel mit dem An- und Verkauf von Aktien sogar den entsprechenden Umgang dieser Männer mit den von ihnen begehrten Frauen, den sie sich vielleicht nur erträumen konnten. Oft waren diese Männer in der Wirklichkeit nicht in der Lage, sich eine begehrenswerte Frau auch zu greifen. Die gesellschaftliche Normierung, private Kompromisse und Verpflichtungen und sehr häufig auch einfach mangelnder Mut oder grundsätzlicher, tief sitzender Zweifel an der eigenen Manneskraft, das alles waren Gründe für so ein Verhalten der Überzahl der Männer auf diesem Parkett. Das tiefsitzende Schönheitsideal, das fest im kollektiven Empfinden der Gesellschaft verankert war, tat sein Übriges. Matt kannte viele der Börsianer persönlich, er wusste das aus eigener Anschauung. Der Handel mit Aktien ersetzte ihnen den Fick mit einer begehrenswerten Frau. Fand so etwas in großem Stil statt, dann nannte man das eine Blase, der Wert der Aktie auf dem Börsenparkett überstieg dann manchmal weit ihren realen Wert. Untersuchungen nach dem Börsencrash 2008 hatten genau diesen Mechanismus frei gelegt, und daraus hatte auch Matt gelernt. Er musste lächeln. Frauen besaßen wenig Testosteron, das war manchmal ihre Stärke und manchmal auch ihre Schwäche.

Matt besaß unter anderem auch einen Börsenschein, er war also berechtigt, direkt an der Frankfurter Aktienbörse zu spekulieren. Er hatte von einem seiner Geschäftspartner einen Wink bekommen und gehandelt, mit Erfolg. Der Erfolg, so sinnierte er, bestand darin, diesen eigentlich fiktiven Wert einer Aktie zu mehren und ihn in klingende Münze umzuwandeln, bevor die Aktie abstürzen konnte. Das war ihm wieder einmal gelungen, aber das war bei weitem nicht immer so. Matt empfand sich als nicht den Regeln der Gesellschaft unterworfen, auch in diesem Bereich bedeutete das für ihn eine gewisse Überlegenheit. Er handelte gewiss risikobereit, aber er musste seine Triebe nicht unterdrücken. Das befähigte ihn dazu, auch im hitzigsten Handel auf dem Börsenparkett einen kühlen Kopf zu bewahren. Seine Fähigkeit, komplexe logische und nichtlineare Muster zu erkennen, tat ihr Übriges, genauso wie seine blitzschnelle Auffassungsgabe dabei. Er hatte die Aktien rechtzeitig abstoßen können heute Vormittag, er roch es quasi, sie würden heute Nachmittag schon fallen. Dieser Handel bedeutete auch für einen wie ihn den Erwerb von Geld in einem Maße, wie er dafür vielleicht einen Monat harter Arbeit hätte ansetzen müssen. Er war also bester Laune und hatte beschlossen, sich nach Düsseldorf zu begeben und seiner Chilly einen Besuch abzustatten.

Matt musste unvermutet einer alten Dame mit Hündchen an der Leine ausweichen und sah stirnrunzelnd auf. Er stand noch immer unter Strom, der erfolgreich abgeschlossene Handel versetzte ihn quasi in einen Testosteronrausch. Er hätte die alte Dame fast überrannt.

Dabei fiel ihm etwas weiter vor ihm eine junge Frau auf. Sie sprang gerade elastisch von ihrem Fahrrad ab und führte es geschickt bis an die Eingangstür in eines der alten, stuckverzierten Reihenhäuser aus der Barockzeit. Ihre geschmeidigen Schritte und der Sprung hatten ihren sehr kurzen Rock leicht verschoben, Matts Augen fanden ruckartig ins Hier und Jetzt zurück. Sie setzte ihre schlanken, ansehnlichen Beine so mit einer unabsichtlich wirkenden, natürlichen Grazie in Szene, sie warf die langen, schwarzen Haare energisch zurück, ihren ganzen schlanken Körper erfüllte eine gespannte, fröhliche Energie. Matt sah ihr lächelnd hinterher. Sie war alles in allem einfach interessant, leuchtend, eine junge, lebensfrohe Persönlichkeit strahlte aus ihren dunklen Augen, er brauchte das Lächeln auf ihren Lippen nicht zu sehen, ihr ganzer Körper strahlte diese unverbrauchte Frische aus.

Sie verschwand in dem Gebäude, und die schwere Holztür hatte sich noch nicht ganz wieder geschlossen, da hielt ein Mann sie fest. Ein unauffällig in schwarz gekleideter Mann, der genauso schnell, wie er in Matts Gesichtsfeld aufgetaucht war, auch schon fast verstohlen wirkend ebenfalls im Haus verschwand. Matts Sinne registrierten diese Handlung blitzschnell, er wusste es sofort und sicher, da stimmte etwas nicht. Und seine Reaktion war ebenso unvermittelt und sicher, er handelte rein aus dem Bauch heraus, intuitiv, er spürte die Gefahr förmlich dräunend um sich selbst herum. Vielleicht hatte die junge Frau ihn mit ihrem natürlichen Charme bezaubert, vielleicht war es ein Schutzreflex, wie er ihn gehabt hätte, wenn er ein Rehkitz im hohen Gras versteckt gefunden hätte. Später wusste er das selber nicht mehr, aber er handelte sofort.

Matt war nur wenige Sekunden später an dem Haus angelangt. Normalerweise steckte er seine Nase nicht in fremde Angelegenheiten, aber irgendetwas ließ ihn hier und jetzt anders handeln. Er besah sich kurz und scharf das Schloss der Haustür und fand, dass es ein altmodisches Türschloss war. Dabei angelte er schon in seiner Manteltasche nach seinem Schlüssel, an dem er einen kleinen Dietrich hängen hatte. Er brauchte ein paar Minuten konzentrierter und unauffälliger Arbeit, dann sprang die Zarge zurück und die Tür war offen. Er schlüpfte rasch in die Dunkelheit des Treppenhauses.

Noch während er die schwere Tür leise hinter sich zu fallen ließ, hörte er Geräusche aus dem ersten Stock. Leises Schreien, schwere Schritte, dann ein Poltern. Eine Tür fiel zu. Diese Geräuschkulisse genügte seinen angespannten Sinnen, er sah förmlich vor sich, was da passierte, wenn es auch in schwarz-weißen Bildern vor seinem inneren Auge vorbei raste. Blitzschnell spurtete er die Treppe übers Eck nach oben und verhielt vor der jetzt gerade geschlossenen Eingangstür in eine Wohnung. Er neigte sein Ohr gegen die Tür, und was er hörte, war eindeutig, eindeutiger konnte es nicht mehr werden. Ein Fahrrad fiel klappernd auf einen Holzboden und rutschte ein ganzes Stück. Eine Frau schrie auf, eine helle, junge Frauenstimme, er hörte die schweren Schritte eines anderen, eindeutig eines Mannes. Er hörte, wie er die Frau anfuhr, wie er sie hochzureißen schien, ihren Schreien nach an ihren Haaren. Er schleifte sie über den Boden und warf sie auf etwas Nachgiebiges, ein Bett oder ein Sofa. Matt hatte die Situation vor seinem inneren Auge, als wäre er in der Wohnung, immer noch in schwarz-weiß, als wäre seine Phantasie eine Kamera mit einem entsprechend eingelegten Filmmaterial. Während er seinen Dietrich erneut einsetzte, hörte er das gepeinigte Schluchzen der Frau, jetzt an derselben Stelle bleibend, ihr leises Zappeln durch die Tür. Er hörte, wie ihr ihre Kleidung mit einem lauten Knirschen vom Leib gerissen wurde. Sie schrie auf, oder zumindest versuchte sie es, denn dann war ihr Schreien nur noch sehr gedämpft zu hören, der Mann musste sie sofort geknebelt haben. Dann wurde ihr Schreien lauter durch den Knebel, panischer, und sie schrie einmal so gepeinigt auf, dass es Matt kalt überlief, der Mann tat dieser jungen Frau gerade eine entsetzliche Gewalt an, und in diesem Moment sprang vor Matt die Tür mit einem leisen Klicken auf.

Er öffnete die Tür und konnte sofort die Lage übersehen. Die Frau war grob und hastig mit ausgebreiteten Armen an ihrem Bett fixiert worden, auf das er durch einen Wohnraum mit dem umgeworfenen Fahrrad und eine geöffnete Tür hindurch in einem Schlafzimmer sehen konnte. Der Mann hatte sie mit Drähten um die schmalen Handgelenke an ihr eigenes Bett gefesselt und sich massig über ihren nackten, nur halb entkleideten, schmalen Leib geworfen. Er war bereits in sie eingedrungen, wie ihr Schrei es Matt bereits hatte wissen lassen, und stieß sie nun rhythmisch hart nach oben.

Matt war für einen Moment nicht in der Lage, sich zu bewegen. Sie hatte ihren Kopf zur Seite gedreht, starrte blicklos ins Leere, sie erschien ihm nicht mehr von Leben erfüllt zu sein als eine Puppe. Matt hatte niemals in einem Krieg gekämpft, aber ihm war auf der Stelle klar, dass die Frau sich in ihr ureigenes Innerstes zurückgezogen hatte, in ihr letztes Zuhause, dass diese Form der Gewalt gegen ihren Leib und ihre Seele in ihr verwüstetes Land schuf. Als er die Geräusche gehört hatte, hatte er den Schrecken kognitiv schon begriffen, aber erst jetzt, da er es auch mit eigenen Augen sehen konnte, erfasste er das wirkliche, reale Grauen, das die junge Frau fest gepackt hielt. Er musste nicht in ihre Gesichtszüge sehen, die leblos erstarrt und bar jedes Ausdrucks waren, er sah es an ihren fest angespannten Gliedmaßen, ihrer ungeheuer flachen und schnellen Atmung. Von Verstandesseite her wusste er sehr wohl, dass er an ihrem jetzigen Schicksal keine Schuld trug, aber sein Bauch sagte ihm etwas völlig anderes. Sein Bauchgefühl schaltete die Logik aus. Er verstand etwas von Lust und Angst, von Gewalt und Zwang, aber er würde dennoch niemals verstehen, wie ein Mann an einer so unter ihm liegenden Frau Gefallen finden konnte und darüber hinaus sogar eine triebhafte Befriedigung seiner sexuellen Gelüste. Die Angst war ein starkes Stimulans, sie bewirkte, dass jede Menge Hormone ausgeschüttet wurden, aber eine derartige Panik war wie ein verheerender flächiger Großbrand aller ihrer lebenserhaltenden Systeme, angefangen bei ihrem Geist und ihrer Seele. Der Mann hatte zugegriffen, bediente sich brutal an ihrer Mitte, am Mittelpunkt seines Interesses an ihr, hielt ihren panikstarren Leib auf Spannung, genoss diese Art ihrer Spannung sogar. Und die Frau unter ihm haushaltete sichtbar mit ihrer noch verbliebenen Energie, aber lange würde sie ihm und seinem Wüten in ihr nicht mehr standhalten können. Gleich würde ihr Leib brechen, weich werden, und damit auch ihr Geist. Gleich würde er zu ihrem innersten Kern durchdringen, den sie noch beschützte, und dann würde die Gewalt ihre weiche Seele verschlingen.

So eigenartig es sich bei Matts Vorlieben und Ansichten, bei seinem Tun, seinem Handeln an Frauen  auch anhörte, Matt war noch niemals Zeuge einer solchen Szene geworden. Wenn er eine Frau in seinen Händen hielt, in seiner Gewalt hatte, dann war er sich ihrer Schönheit, sowohl ihrer inneren wie ihrer äußeren, ständig bewusst, bei allem, was er mit ihr auch tat. Er schonte sie keineswegs, und die Grenze, an der er sich zusammen mit der Frau entlang bewegte, war haarfein, aber er kannte sie genau, und es würde ihm wirklich niemals in den Sinn kommen, diese Schönheit zu brechen. Es war für ihn schwer, es einem anderen zu erklären, aber er trat in eine Art Synergie, Koexistenz mit der unverwechselbaren Schönheit der Frau, die er nahm. Er war gemeinsam mit ihr dort, wo er sie hin brachte, er lebte und atmete in diesen Momenten dort genauso wie sie. Es war wirklich niemals sein Ziel gewesen, die Frau, mit der er sich befasste, zu zerstören. Soviel war völlig sicher.

Der Mann war so vertieft in sein Handeln, dass er Matt hinter sich völlig überhörte. Matt zögerte aufgrund der Überflutung mit Reizen und Gedanken dazu einige wertvolle Sekunden lang. Er hörte den Mann keuchen, immer lauter stöhnen, hörte, wie er ihr Schimpfworte ins Ohr raunte und sie dabei noch härter stieß, er hörte das Reiben Haut über Haut, das Klatschen Haut auf Haut, wenn er gegen ihr Becken stieß. Sein unartikuliertes Grunzen wurde zunehmend vollends enthemmt. Das riss Matt dann endlich aus seiner Erstarrung. Wie lang hatten sich diese wenigen Sekunden nun für ihn hingezogen? Und wie lang waren diese wenigen Momente wohl für die Frau, jetzt, da sie jeder Mut verlassen haben musste und ihre Kraft nicht mehr ausreichen würde, weil der Wunsch, sich endgültig aufzugeben, in ihr übermächtig wurde? Wie lang kam ihr diese kurze Zeit wohl vor, wo sie, in ihrer vertrauten Umgebung überwältigt, trotz dieses Umstandes nicht mehr stark genug sein konnte?

Matt schloss rasch die Tür und ging leise wie ein Raubtier und ebenso angespannt bis an die Schlafzimmertür. Entsetzte, angstgeweitete Augen, in Tränen schwimmend, und ihr starrer, leerer Blick, im übermächtigen Griff der Panik fest erstarrt, so sah sie in seine ruhigen Augen, ohne dabei irgendetwas zu sehen. Ihr zierlicher Leib wurde hart gestoßen, er nahm die Panik und den Schmerz der Frau so überdeutlich wahr, als würde er das tun. Als würde er sie auf dem Bett vor sich vergewaltigen. Aber so etwas tat er keine Frau an, so wie der Vergewaltiger vor ihm tat er keiner Frau Gewalt an. Er wusste, dieses Erlebnis würde das weiche Gemüt der jungen Frau brechen, sie hatte dem nichts entgegen zu setzen, keine Lebenserfahrung, keine innere Härte, keinen geschulten Verstand oder sichere Emotionen, gar nichts. Er musste nicht lange überlegen.

Er war mit zwei Schritten am Bett und riss den Mann am Kragen mit einem harten Ruck hoch. Der Mann gab ein überraschtes Keuchen von sich. Er war ebenfalls jung und gut trainiert, aber Matts schnelles, entschlossenes Handeln gab ihm den entscheidenden Überraschungsvorteil. Er riss den Körper des fremden Angreifers ganz hoch. Der Kopf fuhr zu ihm herum, der Mann richtete sich unwillkürlich auf seine Knie im Bett auf, riss sein Geschlecht aus der Frau dabei, unwillkürlich in einer für einen Mann typisch aussehenden Stellung über ihrem Körper ein neues Gleichgewicht suchend, halb über sie gebeugt.

„Was, zum Teufel…“, begann er, zu sprechen, und wurde von einem harten Boxhieb von Matt einfach aus dem Bett geworfen. Matt schlug sofort zu, auch da musste er nicht denken. Schnelles Handeln entschied über den Erfolg seines Eingreifens. Am Unterkiefer getroffen fiel der Kerl auf der anderen Seite des Bettes herunter und schlug schwer auf dem Boden auf. Sofort war Matt bei ihm, der überraschte Mann bot ihm ein leichtes Ziel. Matt konnte beileibe nicht überragend gut boxen, für so ein Training hatte er weder Zeit noch Muße genug, aber er war trainiert im Abwehrkampf Mann gegen Mann. Er riss den benommenen Mann wieder am Pullover hoch und versetzte ihm einen weiteren Hieb, der ebenso mühelos sein Ziel an seinem Unterkiefer fand, so hart, dass er seinen Kiefer knacken hören konnte. Der Mann sackte halb zusammen, wurde von Matt aber sofort auf die schwankenden Füße gerissen. Matt konnte sehen, wie der Mann mit der Zunge unwillkürlich prüfte, ob seine Zähne noch alle fest saßen.

„Raus hier, du mieses, feiges Stück Dreck“, zischte er ihn an, „bevor ich es mir doch noch anders überlege und die Polizei rufe. Mach, dass du Land gewinnst, und sollte ich dein Gesicht noch ein einziges Mal wieder sehen, dann gnade dir Gott!“ Der Mann blutete aus einer Platzwunde auf seiner Unterlippe, er rappelte sich mühsam auf und stierte Matt mit umflorten, erschrockenen Augen an. Dann drehte er sich wortlos um und taumelte aus dem Raum, verließ mehr schwankend als wirklich rennend den Tatort seines Verbrechens. Matt ging ihm ruhig hinterher und sah ihm nach, wie er die Treppen herunter hastete, ihm noch einen panikerfüllten Blick zuwarf und dann verschwand. Er schloss ruhig die Tür und wandte sich der vergewaltigten Frau zu.

Matt wusste nicht recht, was er jetzt tun sollte, in einer solchen Lage hatte er sich noch nie befunden. Die Frau lag reglos auf dem Bett, atmete noch immer flach und sehr hochfrequent, die Beine auseinander gezwungen, den Kopf auf die Seite gedreht, ihre Augen starrten blicklos geradeaus.  Er sah sie unschlüssig an und ging ruhig an dem Bett vorbei, sah aus dem Fenster zur Straße hinaus. Er sah den Mann leicht taumelnd die Straße überqueren und dabei noch seine Hose richten. Scheinbar hatte er jetzt erst bemerkt, dass sie noch auf Halbmast gehangen hatte, genauso wie sein Schwanz, als er die Wohnung so überhastet verlassen hatte. Er schüttelte leicht den Kopf und sah ihm nachdenklich nach.

Der Unterschied zwischen dem, was er mit seinen Frauen machte und dem, was sich hier gerade abgespielt hatte, war für ihn mehr als offensichtlich. Er fügte seinen Frauen Schmerzen zu, gewiss, und er jagte ihnen auch bewusst Angst ein, aber er nahm ihnen niemals jegliche Hoffnung. Angst war ein starkes Stimulans für den ganzen Körper, sie bereitete jedes Lebewesen auf diesem Planeten mit einem komplexen Bewusstsein auf eine Kampf- oder eine Fluchtsituation vor. Stresshormone versetzten den ganzen Körper in einen gespannten Erregungszustand, und der Mensch als soziales Lebewesen war darauf konditioniert, diese Angst auch zu kommunizieren, entweder durch seine Reaktionen, seinen Gesichtsausdruck oder durch die Sprache. Er war darauf ausgelegt, im sozialen Sinn um Schutz zu bitten. Matt hatte sich viel mit diesen Dingen beschäftigt, und das aus gutem Grund. Er wollte das Denken der Frauen verändern, und das konnte er nur, wenn ihr Angstniveau so steuern konnte, dass die Frauen zwar ein starkes nervöses Erregungsniveau erreichten, aber in ihrer Handlungsfähigkeit, der Abrufbarkeit ihrer Leistungsfähigkeit, noch nicht zu sehr eingeschränkt waren. Wenn er sich einigermaßen darüber im Klaren war, welche Risiken die betreffende Frau wohl in ihrem Leben schon bewältigt hatte, und darüber hinaus in seiner Einschätzung ihrer Kompetenz, dieser Situation standhalten zu können, nicht ganz daneben lag, dann wurde die Angst produktiv, sowohl für die betroffene Frau wie auch für ihn. Diese Erfahrung der Frau, dass sie sich in einer akuten Gefahrensituation befand, die sie aber bewältigen konnte, wenn sie sich ihm völlig unterwarf, führte dann zu einer von ihm erwünschten Steigerung ihres Lebensgefühls und damit auch seines Lebensgefühls. Der Kick, der Moment, in dem diese starke Stressphase, diese starke Anspannung in ihr umschlug in eine Befreiung von dieser Angstphase, der ließ die Frauen dann fliegen und ihn mit ihr. Matt hatte es gelernt, zu erkennen, wann dieser Punkt bei der Frau eintrat, und er war die ganze Zeit bei ihr und richtete sich nach ihren Reaktionen. Deswegen redete er mit ihnen, machte ihnen ihre Situation kognitiv klar, und deswegen duldete er keinerlei Abschweifung, die Aufmerksamkeit der Frau musste sich immer auf ihn und sein Tun richten. Trotz aller Gewalt und trotz seiner übermächtigen Dominanz verschmolz er mit der Frau.

Hier hatte er nun völlig unverhofft vor Augen, was passierte, wenn ein Mann sich nach diesen Gesichtspunkten nicht richtete und sich einfach von der Frau nahm, was er haben wollte. Die Angst der jungen Frau hatte sich zur Panik ausgewachsen, sie war zu der Überzeugung gelangt, dass sie sich selbst nicht mehr erhalten konnte, und alles, was ihr geblieben war, war, sich in ihr ureigenes Innerstes zurück zu ziehen und diesen letzten Bereich so lange wie möglich vor der überwältigend bedrohlichen Außenwelt zu verteidigen. Der Mann hatte dieser jungen Frau ein schweres psychisches Trauma zugefügt, er hatte ihren ureigenen Intimbereich in mehreren Formen schwerstens verletzt, einmal, indem er sie in ihrem persönlichen Rückzugsort, ihrem Sicherheitsbereich angegriffen hatte, dann, indem er ihren Körper instrumentalisiert hatte und zuletzt, indem er das, was dabei in ihr vorging, völlig ignoriert hatte. Diese Angststarre, die rasende Panik, in der sie sich befand, erlebte sie als unüberwindbar, und das würde sie für immer verändern.

Matt seufzte leise auf. Vielleicht lag es daran, dass er seine eigenen Wertmaßstäbe besaß, dass er sie nicht von der Gesellschaft bestimmen ließ. Vielleicht lag es auch daran, dass er schon viele Frauen an einem Punkt kurz vor diesem erlebt hatte. Vielleicht mochte er die junge Frau auch ganz einfach, er wusste es selber nicht. Aber die Art der Gesellschaft, mit derart traumatisierten Frauen umzugehen, verstärkte ihr Trauma gewissermaßen noch, und auch das war ihm sehr bewusst. Frauen verstärkten mit ihrer mitleidigen oder mitfühlenden Reaktion auf diesen Vorgang das eigene Erleben der Frau, sie sagten ihr damit, dass sie richtig fühlte. Und Männer wandten sich in aller Regel von derart traumatisierten Frauen zumindest innerlich ab, sie distanzierten sich von diesem Vorgang und suggerierten der betroffenen Frau damit, dass die sie umgebenden Männer an diesem Vorgang keine Schuld trugen, dass sie selber so niemals gehandelt hätten. Damit lief die Frau, wenn sie nicht wirklich stark war, Gefahr, sich selbst zumindest als hilfloses Opfer eines einzelnen gewaltbereiten Mannes zu sehen, oder sie gewann sogar unbewusst den Eindruck, dass sie durch eigenes Fehlverhalten die Gewaltbereitschaft des Mannes erst ausgelöst hatte. Die gesellschaftliche Normierung hatte die Männer unfähig dazu gemacht, sich als Vertreter desselben Geschlechtes aktiv und bewusst um die Frau zu kümmern. Es ging sie einfach nichts an, eine fremde Frau ging sie nichts an, das war eine erschütternde Wahrheit.

Die eigentliche Wahrheit dahinter war die, dass alle Männer den Keim für ein solches Handeln in sich trugen, manche mehr, manche weniger, aber es war im Mann als Verhaltensmuster angelegt. Der jungen Frau würde es nicht wirklich helfen, in Schutz, in Gewahrsam genommen zu werden. Wenn er sie jetzt einfach losbinden und trösten würde, die Polizei rufen würde, würde erst einmal eine Institution sie vereinnahmen. In der Zeit, in der sie sich beruhigen konnte, das Ganze sich in ihr legen und sie Abstand gewinnen konnte, würden sich auch diese unbewussten Vorgänge in ihr festigen. Sie würde schwer an diesem Trauma leiden, vielleicht würde sie unfähig werden, jemals wieder ein echtes Vertrauensverhältnis zu einem Mann aufzubauen. Diesen einen Vorfall, auch, wenn er ihn jetzt vorzeitig abgebrochen hatte, würde sie ihr ganzes weiteres Leben lang mit sich und in sich tragen, tief in sich versteckt, ohne dass man sie dort so ohne weiteres erreichen konnte.

Aber jetzt lag sie noch völlig offen vor ihm, beziehungsweise im Moment hinter ihm. Jetzt konnte er ihr als ein Mann, der zu einer solchen Tat ebenso fähig war und der sich dessen auch bewusst war, beweisen, dass er sich im gegebenen Falle anders entscheiden würde. Er konnte einen Kontrapunkt zu dem Handeln seines Vorgängers vorhin setzen, wenn er sich jetzt eben nicht abwandte und weg sah.  Wenn er es jetzt schaffen würde, in ihr Vertrauen zu ihm zu wecken, dann würde sie es vielleicht auch wieder in alle Männer haben können und das eben Vorgefallene als einmaligen, wenn auch schmerzhaften Vorgang ablegen können. Er seufzte leise auf. So etwas hatte er für heute wirklich nicht geplant, er hatte vorgesehen, sich ablenken und ausleben zu können. Aber er war an dem Schicksal dieser Frau nicht mehr unbeteiligt, als Zuschauer und als Eingreifender, als ihr Retter, war er nicht mehr unbeteiligt, hatte er ihr gegenüber auch eine Verantwortung. Und auch, wenn ihm das gerade gar nicht in den Kram passen wollte, wollte er sich dieser Verantwortung auch nicht entziehen. Er würde auf seine Weise versuchen, ihr zu helfen, und vielleicht würde er damit Erfolg haben. Das hoffte er zumindest.

Er senkte seufzend den Blick und zog sein kleines Smartphone hervor. Dabei verzogen sich seine Mundwinkel kurz und leicht nach oben, ein angedeutetes Lächeln, als er daran denken musste, dass so ziemlich jeder Zeuge dieser Szene, ob Mann oder Frau, empört aufschreien würde bei dem, was er nun zu tun gedachte. So etwas sollte man doch nun wirklich nicht tun, man könnte ja über vieles reden, aber bei so etwas… Ja, bei so etwas?, würde er dann ungerührt nachhaken. Er war eben nicht ‚man‘. Seine Bereitschaft zu ‚gesellschaftlich richtigem Verhalten‘ war ohnehin nur sehr schwach ausgeprägt. Doch jetzt einfach zu gehen war keine Option für ihn. Die Frage, die sich für ihn aus dieser unerwarteten Wendung der Ereignisse ergab, war für ihn eigentlich keine. Er drückte eine Kurzwahl. Am anderen Ende meldete sich sofort seine Charlene.

„Herr, wie schön, deine Stimme zu hören“, begrüßte sie ihn mit diesem leicht rauchigen Timbre in ihrer feinen Stimme, eine Frauenstimme mit einer individuellen Klasse, die ihn immer wieder neu anzog. Er schloss leicht die Augen. Er war auf dem Weg zu ihr, weil sie ihn immer wieder neu faszinieren konnte, er hatte ihr Bild vor seinem inneren Auge wie das einer Rose, die in einem Park blühte, für alle Augen sichtbar, aber sie war seine Rose. Das würde morgen immer noch so sein, und es war schon immer so gewesen, seitdem er ihr in die Augen gesehen hatte.

„Liebes, ich werde aufgehalten“, informierte er sie trotz seiner Gedanken sachlich und zügig. „Du solltest bitte deinen Dienst morgen absagen, kannst du das?“

„Ja, Herr, natürlich“, kam ihre Antwort prompt und freundlich. Sie reagierte nie eilfertig, aber fast immer so, wie er es sehen wollte an ihr. Das schmückte sie in seinen Augen ungemein. Er liebte diese ruhige innere Geschlossenheit, die sie ausstrahlte.

„Bleibe bitte am Handy“, fuhr er mit leiser Stimme fort. „es kann sein, dass du mir helfen kommen musst, dann bringe bitte deine Tasche mit, sei so lieb. Ich bin dir ganz nahe, spätestens heute Nacht bin ich bei dir, Liebes.“ Er ballte dabei unwillkürlich seine Faust, mit der er eben zugeschlagen hatte, unwillkürlich mit voller Schlagkraft aus der Schulter. Er hatte es nicht auf einen Kampf ankommen lassen wollen, deswegen war unter seinen präzisen Hieben die Haut auf seiner Hand aufgeschürft und seine Handwurzelknochen schmerzten. Aber andererseits war er auch wieder gottfroh, dass er diesen blöden, verdammten Kerl jetzt nicht bewusstlos hier liegen hatte, hier hätte er ihn nun gar nicht mehr brauchen können, er hätte jetzt nur Umstände mit ihm gehabt. Nach seinem Empfinden hatte er das für die Frau nach Männerart geregelt, der Kerl hatte sie überfallen und trug sich jetzt mit einer Gehirnerschütterung und lockeren Zähnen durch seine Schläge herum. Das, so fand er, war ausreichend als Strafe und auch als Denkzettel.

„Gut, Herr“, hörte er derweil Chillys Stimme durch das Handy kommen. Sie war eine erfahrene, patente Ärztin, sie hatte sehr schnell erfasst, was er wie von ihr erwartet hatte und verhielt sich danach, wie auch jetzt. Er hätte sich jederzeit bei ihr unter das Messer gelegt…. Aber seine Gedanken schweiften schon wieder ab, hin zu ihr. Hinter ihm lag die junge Frau, er konnte ihren schnellen, leisen Atem hören, er musste sich um sie kümmern, und zwar sofort.

„Bis gleich, Liebes“, verabschiedete er seine frei lebende Frau und ließ auch jetzt sein Bedauern, nicht bei ihr sein zu können, nicht durch seine Stimme durchklingen. Sie wusste das, sie brauchte keine Bestätigung von ihm. Er legte auf und drehte sich zurück ins Zimmer.