A New Years Night Concert, Teil V (Constanze) – Die Kraft eines wundervollen Gedankens

Constanze hatte nicht den Hauch einer Ahnung, ob Matt das ernst gemeint hatte. Aber so, wie sie ihn einschätzte, machte er keine Scherze, wenn er sie so ansah. Sie schwitzte auf einmal, hatte das Gefühl, ihr Gesicht brannte, leuchtete rot auf vor Erregung. Ihr Herz begann, zu klopfen. Das waren alles Zeichen dafür, dass Matt sie wirklich getroffen hatte. Sie nahm das wirklich ernst, was Matt ihr da gerade eröffnet hatte. Nach dem Inneren eines Sterns wollte Matt nun ganz offensichtlich in ihr eigenes Innerstes blicken, und das mit dem gleichen, fast studierenden Blick. Nein, dachte sie sofort, er hatte den Stern nicht nur studiert, er hatte sich auch völlig auf ihn eingelassen, sich gefühlsmäßig in ihm eingefunden. Und er wollte ihre Gefühle genauso erleben, wie er das gestern Nacht auch schon getan hatte. Constanze schluckte, kam aber kaum zum Nachdenken, denn eine der anderen Türen öffnete sich, und eine schlanke, sehr elegant in ein enges, schwarzes Kleid gekleidete Frau kam herein. Sie war ungefähr in ihrem Alter, schätzte Constanze, hatte schwarze, kinnlang  geschnittene Haare, dunkle, lebhafte Augen und ein symmetrisches, apart geschnittenes Gesicht. Sie lächelte Constanze sofort freundlich an.

„Hallo Constanze! Ich bin Nina“, stellte sie sich vor, und Constanze hatte nicht den Hauch eines Eindrucks, als wäre Nina nicht aufrichtig erfreut über ihre Anwesenheit hier.

Nina ließ sich auch durch ihr sprachloses Staunen nicht beirren. Sie war ganz offensichtlich zu Hause hier. Sie trug bequeme, schwarze Pumps, und auch das schwarze Kleid, so exklusiv es auch aussah, wirkte auf Constanze sehr bequem. Phantastisch wurde es eigentlich erst durch seine Trägerin, der es auf den Leib geschneidert zu sein schien, ohne dabei unbequem zu werden. Es besaß keinerlei Applikationen, bestach aber optisch sofort durch einen sehr guten, klassisch einfachen Schnitt und ein entsprechendes Material. Dazu trug Nina ein passendes weinrotes Bolerojäckchen, auf das dieselben Attribute zu trafen. Wer immer hier die Kleidung aussuchte, hatte ein gutes Auge und nutzte Kleidung, um die Trägerin hervorzuheben, nicht das Kleid. Constanze kannte sich mit teurer Mode aus, sie übersah das mit einem einzigen Blick und registrierte es lediglich. Nina selbst war es, die ihre Aufmerksamkeit sofort auf sich zog.

„Ich habe mir gerade sagen lassen, du wärst im Moment ein wenig erbost“, sagte sie freundlich lächelnd und setzte sich zu ihr an den Bettrand.

„Ja, das kann man so sagen“, antwortete Constanze ihr spontan. Sie mochte die andere Frau sofort, auf der Stelle. Nina war freundlich, aber nicht nur das, sie war es wirklich ehrlich, sie begegnete ihr mit weiblicher Sympathie. Sie schien Constanze ebenfalls spontan sofort zu mögen. Constanze reagierte auf sie herzlich und mit einem sicheren Gespür für die andere, ihre weibliche Intuition sagte ihr das. Frauen hatten einfach einen anderen Zugang zueinander, wenn sie sich sympathisch waren. Und dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit und des besonderen Verständnisses füreinander brachte für Constanze ein tiefes Gefühl der Sicherheit mit sich. Begründen hätte sie das auch nicht weiter können, aber sie hatte den Eindruck, als hätte sie von Nina nichts zu befürchten. Ausgerechnet von Matts eigener Sklavin.

„Ich bin noch gar nicht so ganz fit“, bekannte sie der Fremden.

„Oh, soll ich dich noch ein wenig alleine lassen?“ Nina reagierte sofort mit ehrlicher Anteilnahme und etwas erschrocken. Constanze konnte es nicht glauben, aber die Entwicklung der Situation überrannte sie in diesem Moment völlig.

„Nein, nein“, beruhigte sie die andere deswegen ehrlich. „Bleib nur hier. Aber er ist ein Monster!!“, brach es aus Constanze heraus. Nina grinste, ihre Augen funkelten, aber immer noch freundlich und lebhaft. Es gab auch keinen noch so winzigen Augenblick, in dem nicht sofort klar gewesen wäre, auf wen Constanze sich da bezog.

„Ja, das ist er“, antwortete Nina sofort. „Aber womit hat er dich denn so aus der Fassung gebracht? Ich bin neugierig!“

„Ich habe eigentlich gedacht, ich könnte mich gut zur Wehr setzen, aber er hat einfach die besseren Karten. Er will, dass ich mich völlig fallen lasse. Und er hat mir auch beschrieben, wie er das anstellen will. Und das hat mir glasklar dabei gezeigt, dass er genau weiß, was er da sagt.“ Constanzes Tonfall war unwillkürlich empört, sie erklärte im Affekt auch nicht, worauf sie sich im Einzelnen genau bezog, aber Nina verstand sie dennoch sofort.

„Oh, was hat er denn genau mit dir vor?“, fragte sie sofort nach und lächelte noch freundlicher, richtig strahlend, und immer noch war ihr Verhalten glaubhaft sympathisch Constanze zugewandt und voller weiblicher Anteilnahme.

„Er weiß genau, wie er das angehen muss“, stotterte Constanze weiter. „Und ihm ist jedes Mittel Recht, auch solche, die er sonst nicht anzuwenden pflegt.“

„Zur Not ja“, nickte Nina. „Da hast du völlig Recht.“

„Er will mir Lust bereiten, hier auf dem Bett und in deiner Gegenwart. Ich hab ihn gefragt, ja und dann?, was passiert dann?, ich konnte mir das gar nicht vorstellen!“ Es platzte so aus Constanze heraus, sie war völlig verwirrt, fast verstört.

„Ah, ok!“, meinte Nina, „und ?“

„Na ja, jetzt kann ich es mir vorstellen!“ Constanze hatte sich nicht im Griff. „Er schätzt meine Emotionen dabei sehr treffend ein, und als er mir die Situation schilderte, konnte ich von da aus selber weiter. Das wird ein Kampf für mich, ein echter Kampf bis aufs Blut!“

„Das heißt?“ Nina sah Constanze aufmerksam an und hörte ihr einfach nur gut zu. Und Constanze, die die fremde Frau ja eigentlich noch weniger kannte als Matt, fühlte sich zu ihr hingezogen, einfach, weil Nina Matt ja viel besser als sie selbst kannte und ihr trotzdem in allem bisher Recht gegeben hatte. Nina schien unabhängig zu denken, obwohl sie sich als Matts Sklavin bezeichnete. Und diese offensichtliche Unvoreingenommenheit, die Nina da an den Tag legte, machte sie für Constanze in diesem Moment zu der richtigen Gesprächspartnerin. Sie war ebenfalls eine Frau, sie konnte Constanze verstehen.

„Na ja, erst habe ich mich geschämt bei diesem Gedanken, wollte mich verbergen, hatte Angst davor.“ Constanze wurde Nina gegenüber immer offener, denn Ninas ruhige, lebhafte Augen zeigten ihr sowohl Mitgefühl wie auch Verständnis, eine Kenntnis dieser Sachlage, der Gefühle, die gerade in ihr tobten. „Dann kam aber Lust dazu, und das hat mich wütend gemacht, richtig und echt aggressiv ihm gegenüber. Wie kann er sich so etwas mir gegenüber herausnehmen?? Und an dieser Stelle hat er mich daran erinnert, dass er mich in dieser Nacht in den Käfig gesteckt hat. Er ist sehr wohl in der Lage, auch das mit mir tun!“

Nina musterte sie mitfühlend. „Du warst heute Nacht im Käfig? Bei diesen Temperaturen? Was hast du denn nur angestellt? So etwas macht mein Herr normalerweise nicht im Winter.“ Ihre klare Stimme war nun so distinguiert, dass Constanze klar wurde, diese Frau hatte einmal im Geschäftsleben gestanden oder tat das noch, sie war weder dumm noch ungebildet, ganz im Gegenteil. Sie fing an, ihr Gegenüber wirklich zu mögen. Sie senkte die Augen.

„Ich wollte mich von der alten Brücke in den Fluss stürzen, zur Neujahrsstunde. Dein Herr hat das verhindert.“

„Ah, ok,  ich verstehe“, antwortete Nina nur mit ruhiger Stimme, so, als wären ihr solche Gefühle nicht fremd. Constanze sah die fremde Frau wieder an und begegnete ihren tiefbraunen Augen. Tatsächlich musterte Nina sie jetzt eindeutig mitfühlend, aber nicht mitleidig. Constanze fühlte sich von ihr verstanden und ermutigt, weiter zu sprechen.

„Er hat mit mir einen Handel gemacht. Ich sollte ihm eine Nacht und einen Tag schenken, danach würde er mir bei allem helfen, was ich dann zu tun gedenken würde. Nur den Tod würde er mir nicht bringen. Und daran hat er mich eben erinnert.  Ich komme aus dieser Geschichte nicht heraus, wir zwei haben ein Abkommen!“

Nina legte ihre Hände beide in den Schoß und übereinander, streckte ihre Arme und ihren Rücken grazil durch, sah kurz von Constanze weg und schloss aufatmend die Augen, eine entspannte und friedliche Haltung. Sie sah überaus reizend aus für Constanze, wie sie da schlank und elegant neben ihr auf dem Bett saß. Dann richtete sie ihren Blick wieder auf Constanze. „Stimmt!“, antwortete sie nur und lächelte sie an.

„Also, ich komme aus dieser Geschichte nicht heraus, er will mir hier auf dem Bett die Beine öffnen und mir Lust bereiten. So, wie ich ihn kennen gelernt habe, werde ich mich dagegen nicht wehren können. Also werde ich mich zurückziehen, meinen Körper instrumentalisieren. Ich werde meinen Körper als reine Rüstung einsetzen, wie einen Schild. Dann ist es völlig egal, ob ich nackt bin. Aber dann ist da ja halt immer noch die Lust.“

„Oh, wie gemein!“, stimmte Nina ihr zu und sah sie weiter offen an.

„Und was macht er dann? Er nimmt dich, und führt mir mit dir vor, was ich bekommen könnte, wenn ich nachgebe…“

„Oh, der Schuft!“, stimmte Nina ihr sofort zu.

„Und an der Stelle hab ich zu ihm gesagt, du Ungeheuer, ehrlich, Nina, wenn er das schafft, dann ist er entweder ein echter Löwenbändiger …“

„Ah, deswegen kratzbürstig!“, warf Nina lachend ein.

„Oder ich bringe ihn danach irgendwann um….“, vollendete Constanze ihren letzten Satz. „Ja, genau“, stimmte sie Nina dann zu, „ich wollte ihm ans Leder! Ich hab zu ihm gesagt, mein Geist ist wie ein Raubtier im Käfig, ich habe Übung mit so einer Situation, ich gehe an den Gitterstäben hin und her, ohne Ruhe, so lange, wie es eben dauert, bis ich einen Weg hinaus aus diesem Käfig finden kann…“

„Dann hättest du aber gleich uns alle drei auf dem Gewissen …..“, eröffnete Nina ihr immer noch mit ihrer klaren, ruhigen Stimme, „denn dann werfe ich mich dazwischen.“ Sie nahm Constanzes Äußerung schlicht und ergreifend ernst und antwortete ihr auch so, was Constanze nicht wenig beeindruckte.

Constanze musste lächeln. Nina hatte tatsächlich ihren Körperbau und ungefähr auch ihr Gewicht, aber nicht ihren Zorn in diesem Moment. Und Constanze wusste, wenn sie wirklich zornig war, konnte sie Berge versetzen. „Hm, dich verschone ich dann“, grinste sie die andere humorvoll an. „Dich räume ich dann aus dem Weg…“

Nina musterte sie weiter und lächelte nicht zurück, sondern blieb ernst. „Ja, das mag sein, dass du das tun willst, Constanze, aber ich werde meinen Herren und Partner schützen.“

„Hm, ja,….“, antwortete Constanze nachdenklich. Das war natürlich irgendwie auch völlig klar und eindeutig Ninas Recht. Sie sah, Nina meinte das ernst, auch wenn sie sie weiter anlächelte. „Bring mich nicht auf Ideen, Nina…“

„Was denn für welche?“ Nina legte den Kopf leicht schräg, als sie Constanze neugierig in die Augen sah.

Constanze lachte auf. „Du, überlasse das lieber Matt!“, empfahl sie ihr wieder herausfordernd grinsend, „ich meine, du wirst schließlich nicht immer dabei sein!  Er muss sich schon selber wehren können!“

Ninas Lächeln vertiefte sich. „Ach, du, ich kann auch gut mit Frauen umgehen, also …..“

„Wie bitte?“ Constanze sah der anderen in die Augen, und sie vermerkte wieder für sich ihr freundliches Lächeln und ihre zugewandte, zuvorkommende Haltung ihr gegenüber. Nina reagierte in fast jedem ihrer Sätze anders, als Constanze das erwartet hätte, auch jetzt wieder. Sie machte sie nicht darauf aufmerksam, dass Matt sich sehr gut alleine verteidigen konnte, sie reagierte tatsächlich ohne jede sichtbare Abwehr auf sie und nahm sie einfach ernst. Das konnte sie unmöglich spielen. Sie ging auch nicht auf Constanzes aggressiven Tonfall ein, soviel war ihr sofort klar, als sie ihr ins Gesicht sah. Nina schien sie eher zu mögen, und ihr Plan sah wohl eher so aus, dass sie vor hatte, Constanze durch ihre Liebe, ihre Zuneigung, die sie ihr entgegen brachte, von einem Attentat auf Matt abzuhalten. Nina schien überhaupt nicht eifersüchtig zu sein, und tatsächlich war Constanze das auch nicht auf sie. Hier herrschte definitiv keine Konkurrenzsituation um Matt, so viel war Constanze auch sofort klar. Das war schon vorstellbar, unter diesen Umständen, dass Nina gut mit anderen Frauen hier im Haus umgehen konnte, denn wie konnte man einem anderen Menschen besser begegnen als mit ehrlich empfundener Liebe? Wenn Nina nicht eifersüchtig war, dann war sie unter Umständen erfreut über weibliche Gesellschaft in diesem Haus, das Constanze ja doch recht groß zu sein schien. Matt hatte sicher nicht sie selbst als erste hierher gebracht. Wenn er das mit anderen Frauen auch schon getan hatte, dann war Nina diese Situation vertraut, und genau so reagierte sie ja auch. Souverän und unerschrocken. Nina war definitiv keine schwache Frau.

Constanze lachte wieder. „Ach ja, das hab ich ganz vergessen, ach du Schreck…“, stimmte sie ihr zu und signalisierte ihr gleichzeitig damit das Ergebnis ihrer Überlegungen. „Stimmt…“ Ihr wurde leicht schwindelig, diese komplett andere Denkweise von Nina, in die sie sich gerade erfolgreich hinein versetzte, war keinesfalls unsinnig, aber der ihren so fremd, dass sie sich fühlte, als würde sie plötzlich Doppelbilder sehen. Zwei völlig verschiedene Sehweisen ein und derselben Situation.

„Siehst du?“ Ninas Augen funkelten, ihr ganzes Gesicht strahlte, als würde ihr diese Situation eher Freude bereiten und keinerlei Stress. So, als wäre diese ganze Sache ein kniffeliges Spiel, dass es zu lösen galt.

„Hmm….“ Constanze musste nachdenken. Diese Situation hier wurde für sie immer schlechter überschaubar und auch immer erstaunlicher, fremder. Es kam ihr so vor, als würden in diesem Haus ganz andere Maßstäbe für zwischenmenschliche Beziehungen herrschen. „Also, ehrlich gesagt kann ich da im Moment nicht weiter, weil ich echte Zuneigung auch so beantworte, immer. Das ist wirklich eine starke Waffe von dir, deine Liebe, daran habe ich gar nicht gedacht! Damit hätte ich auch niemals gerechnet, nicht im Entferntesten! Was für eine Konstellation….“

„Tja!“, meinte Nina nur, und ihre Augen funkelten jetzt eindeutig belustigt. „Ich sage dir doch, du musst erst an mir vorbei!“

„So langsam bekomme ich Manschetten…“, murmelte Constanze, und das war die reine Wahrheit. So war diese Konstellation für sie fast nicht mehr überwindbar.

„Und da Matt mir ja eh sagt, was er will, setzt er mich dann eben auch gegen oder für dich ein“, schickte Nina nach.

„Die hatte ich gestern schon zeitweilig“, murmelte Constanze weiter. Sie meinte die Angst, die Matt ihr zu machen begann, und dachte an die Situation auf der Brücke. Ihr Blick irrte jetzt ab. „Ich hab den Eindruck, das wird für mich eine echte Mutprobe werden… Das macht mir Bauchschmerzen jetzt…“

Nina verstand sie auch ohne Nachfrage weiterhin. „Du musst es doch einfach nur zulassen“, drang ihre Stimme sanft zu Constanze vor. „Der Rest kommt dann von ganz alleine.“

Constanze sah wieder auf. „Zulassen, sagst du?“, fragte sie empört gegen. „Ufff… ja, das ist so ein Problem. Wenn es ans Zulassen von etwas geht, das ich nicht will, dann wird es schwierig. Und ihm gefällt das, je heftiger, umso besser, das hab ich eben gespürt.“ Constanze konnte es kaum fassen, dass sie ein Gespräch, das sie eigentlich mit Matt hätte führen müssen, nun gerade mit seiner Sklavin führte, einer Frau, die aus tief empfundener, gebender Liebe in seinem Sinne sprach, die aber auch sie selbst zu mögen schien.

„Ich glaube, ihm geht es da nur darum, dass du die Sklavin in dir zu und herauslässt“, erklärte Nina ihr.

Constanze richtete sich fast kerzengerade im Sitzen auf und sah die andere fast fassungslos an. Aber das, was sie sagte, und die Art, wie sie es sagte, das war alles absolut schlüssig für sie. Und es gab für Constanze nicht den geringsten Grund, der anderen gegenüber unfreundlich zu werden oder sie weniger zu mögen, als sie es jetzt schon tat. Ganz im Gegenteil, ein so loyaler Mensch musste auch sympathisch sein in ihren Augen. „Du, ich brauche einen Moment Pause“, presste sie dann hervor. „Das ist zu viel für mich, ich muss erst einmal wieder von dem Baum herunter klettern, auf dem ich gerade sitze…“

Sie lächelte die andere fast hilfesuchend an und Nina öffnete auch schon den Mund, doch dann ging auf einmal die Tür wieder auf, hinter der Matt vorhin verschwunden war.

**

Matt überblickte die Situation, die er vorfand, mit einem einzigen, langen Blick. Er hatte sich in der Zwischenzeit frisch gemacht und etwas Bequemes angezogen. Er sah Constanzes hilfesuchenden Blick, sie sah ihn so erschrocken und mit so glänzenden Augen an, dass er fast dachte, ihr wären die Tränen gekommen. Und seine Nina war gerade dabei, ihr zur Hilfe zu eilen, er kannte seine Sklavin nur zu gut. Er ging mit ein paar energischen Schritten auf das Bett zu, in dem Constanze noch immer saß. Er trat auf die andere Seite, deckte Constanze einfach ganz auf und schob wortlos seine Arme unter ihre Taille und ihre Knie. Er hob sie in seine Arme wie in der Nacht zuvor, umrundete mit ihr das Bett und setzte sich zu Nina, ließ Constanze in seinen Armen herunter auf seinen Schoß rutschen und umfasste sie dann mit beiden Armen. Er warf einen lächelnden Seitenblick zu Nina, die ihn voller Liebe in ihren dunklen Augen ansah.

„Ihr unterhaltet euch noch?“ Seine Frage war eigentlich mehr eine Feststellung.

„Du bist eine ganz Nette!“, sagte Constanze gepresst zu Nina. Nina wiederum lächelte sie an.

„Danke dir“, sagte sie einfach.

Constanze ließ sich jetzt aufatmend in Matts Arme und an ihn sinken. Er fühlte ihren raschen Herzschlag, sah ihre aufgewühlten Augen, ihre gerötete Haut, fühlte ihre schnelle, flache Atmung. Constanze war voller Angst und Unruhe, das war mehr als offensichtlich, sie rang gerade um Fassung.

„Constanze, Liebes, bitte sieh mich an“, wies er sie leise an. Constanzes Blick irrte zu seinem Gesicht, dann fiel sie in seine Augen. Ihre rasche Atmung wurde etwas ruhiger.

„Liebes, weißt du noch? Ich habe dich auf der Brücke aufgelesen. Denkst du, das wäre ein leichter oder angenehmer Tod dort unten im eiskalten Wasser geworden?“ Er sah ihr ruhig in die glänzenden Augen, sprach mit ruhiger, sanfter und dunkler Stimme, so, wie er mit seinen Frauen sprach. Sie lagen ihm am Herzen, mehr als irgendein Mensch sonst, und wer ihn besser kennen lernen konnte, wusste das auch.

„Nein“, murmelte Constanze erschüttert, „das wohl ganz sicher nicht.“ Er nickte, griff sie mit einem Arm so, dass er mit der anderen Hand ihr Gesicht streicheln konnte.

„Du hast es im Käfig zu spüren bekommen, Liebes“, sprach er langsam weiter. „Ich weiß, wie ausgekühlt dein Körper war, ich habe dich erst herausgeholt, als du fast schon das Bewusstsein verloren hättest. Und jetzt denkst du, es könnte schlimmer sein, deine Lust zuzulassen, meine Schöne? Schlimmer als DAS?“

Constanze schluckte einmal trocken und schmiegte aufatmend ihre Wange in seine Hand. Er lächelte sie freundlich an. „Aber da kann ich doch gar nichts tun, meine Reaktion auf so etwas kann ich doch nicht steuern!“ Ihre sanfte, frauliche Stimme hatte wieder einen flehenden Unterton.

„Liebes, denkst du denn, das wäre mir nicht klar?“, erwiderte er und griff nun fest in ihre Haare dicht an ihrer Kopfhaut, so wie in der vergangenen Nacht im Käfig, aber ohne ihr dabei weh zu tun. Er zwang sie nur, ihn anzusehen, und sie war auch voll bei ihm.

„Liebes, höre mir gut zu!“, mahnte er sie leise. Ihre im Sonnenlicht aufleuchtenden grünen Augen waren ganz auf seine gerichtet und weit geöffnet. Er zog ihren Kopf ein wenig zurück, so dass sie ihm ihren Hals in einer grazilen Pose präsentierte. „Du hast dein Leben wegwerfen wollen heute Nacht. Hast du dich noch nie gefragt, warum wir dieselben Fehler immer und immer wieder machen? Gesellschaftliche Regeln haben dich auf diese Brücke getrieben. Denkst du, das war die richtige Reaktion von dir auf die Zwänge der Gesellschaft?“

Jetzt liefen Constanzes Augen tatsächlich über. „Nein, aber ich habe keinen Ausweg mehr gesehen“, bekannte sie ihm leise und mit rauer Stimme, schluckte einmal schwer. Sie versuchte nicht, sich zu verteidigen und sie wollte auch kein Mitleid. Es waren tief empfundene Gefühle, die Constanze so reagieren ließen. Nicht nur Nina und Matt, alle könnten Constanze in diesem Moment ansehen, wie es bei diesen Worten gerade in ihr aussah. Ihr Handeln auf der Brücke war ihr Eingeständnis eines Totalversagens, eines Totalschadens ihres bisherigen Lebens gewesen, und das wusste Constanze auch.

„Hast du dich das niemals gefragt, Liebes? Wieso wir dieselben Fehler immer und immer wieder machen?“, wiederholte Matt seine Frage mit sanfter Stimme. Constanze antwortete ihm nicht, leckte sich nur einmal nervös über die Lippen. Aber er hatte auch nicht mit einer Antwort gerechnet.

„Gesellschaftliche Regeln sind Konventionen, Liebes. Von Menschen für Menschen gemacht. Es gibt keine naturgegebene Ordnung. Alle Konventionen können überwunden werden, wirklich ALLE. Das muss man nur erst begreifen. Was allerdings keine Konvention ist, das ist, dass wir von unserer Geburt bis zu unserem Tod mit anderen Menschen verknüpft sind. Unsere Leben gehören nicht nur uns alleine. Wir sind miteinander verbunden, Liebes, wir alle. Ob wir das nun einsehen oder überhaupt wollen oder eben nicht. Wir können aber selber entscheiden, wie wir diese Verbindung zueinander gestalten wollen. Ich kenne deinen Ehemann, Liebes, er gestaltet die meisten seiner Verbindungen als Konkurrenzsituation. Aber wenn es so aussehen sollte, als würde uns beide so ein Verhalten von ihm voneinander trennen können, dann ist das eine Illusion, meine Schöne. Nur durch die Augen eines anderen ist es uns möglich, uns selbst zu sehen. Du kennst die Spiegelung deiner Persönlichkeit durch deinen Mann, Constanze. Gib dir selber die Möglichkeit, dich durch meine Augen zu sehen.“ Er unterbrach sich und lächelte Constanze an. Sie erwiderte nichts.

„Konventionen sind nichts anderes als Grenzen, Constanze. Du hast dein ganzes bisheriges Leben damit zugebracht, sie zu erlernen. Aber Grenzen sind eigentlich dazu da, um überschritten zu werden. Das Wesen unseres Lebens und unseres Seins liegt in den Konsequenzen unserer Worte und Taten.“ Er hatte den letzten Satz langsam gesprochen und betont, lächelte dabei  in ihre aufgewühlten Augen und ließ seine Worte einen Moment sinken.

„Wie besiegt man eine Idee, Liebes?“, fuhr er dann mit eindringlichen Worten fort. „Die Idee von Liebe und von Freiheit in deinem Geist und deinem Herzen?“ Er hielt einen Moment inne. Als Constanze noch immer nicht antwortete, fuhr er fort. „Eine Idee kann man nur mit einer anderen Idee besiegen. Wenn du also Liebe und Freiheit suchst, dann suchst du sie im Tod vergebens. Mit meiner Geige habe ich dir auf der Brücke und im Käfig eine andere Möglichkeit gezeigt, dich über diese Grenzen hinweg zu setzen. Und diese Möglichkeit heißt Vertrauen, fallen lassen. Ich führe dich über deine Grenzen hinweg. Ich weiß, dass sie da sind, ich werde behutsam und mit der vollen Verantwortung mit dir umgehen. Aber die echte Liebe und die Freiheit findest du erst jenseits deiner Grenzen. Und Nina und ich, wir beide wissen das.“

Wieder schluckte Constanze nur hart. Seitdem Matt sie gestern Nacht angesprochen hatte, hatte er sie in Erstaunen versetzt, fortwährend, hatte sie um ihre Fassung gebracht und in ihren Anschauungen schwankend werden lassen. Und jetzt fasste er quasi zusammen, was er sich gestern Nacht schon gedacht haben musste. Er nickte nur, als habe er ihre Gedanken lesen können. Wahrscheinlicher war, dass er sie gerade nachvollzog.

„Wenn du Nina nach dem Überschreiten ihrer Grenzen fragen wirst, dann wirst du von ihr hören, welchen Kampf das für sie bedeutet hat.“ Wieder unterbrach er sich, legte seine Hand einen Moment um Ninas Wange, sie lächelte ihm wieder zu und nickte nur.

„Jeder Mensch muss dabei kämpfen, Constanze. So ganz ohne Kampf kann es niemand. Ich habe vor, dir heute dabei zu helfen, Kleines. Das haben wir beide gestern Nacht so ausgemacht. Aber du bist nicht meine Gefangene. Wenn du gehen willst, dann steht dir das jetzt und hier frei. Aber bedenke, bevor du antwortest: Gestern Nacht haben die Klänge meiner Geige deinen Geist erfüllt, im Moment sind es wohl eher Pauken und Trompeten. Was hättest du lieber in deinem Herzen?“

Wieder schluckte Constanze. „Du bleibst bei mir, Matt?“, fragte sie ihn dann leise. „Du zwingst mich zu nichts, was mir Schaden zufügen würde?“

„Was hätte ich denn davon?“, hielt er lächelnd gegen. „Du wirst kämpfen müssen heute, soviel ist sicher. Aber wenn du diesen Kampf beendet hast, dann habe ich dich gelehrt, dich wirklich ganz fallen zu lassen, in meine Hände. Bei mir bist du gut aufgehoben, du kannst mir völlig vertrauen, ich weiß genau, was ich tue. Wo du jetzt noch keine Lösung siehst, wird deine ganze Weltsicht sich verändert haben. Ein neuer Weg für dich am Neujahrstag. Ich wüsste kein passenderes Datum. Und wenn du es geschafft hast, eine andere Konsequenz aus deinen Worten und Taten zu ziehen als bisher, letzten Endes als in der letzten Nacht, dann kannst du fürs erste hier bei mir bleiben. So lange du möchtest. Wir informieren deinen Mann, aber daran ändern wird er nichts können. Du bist hier völlig sicher. Du wirst alle Zeit der Welt haben, um dein Leben zu überdenken und das Wesen deines Lebens zu ändern.“

„Und du meinst, das muss so sein, wie du es mir angekündigt hast?“, fragte Constanze ihn.

„Mein Liebes, du hast Kräfte tief in dir, die bisher allen verborgen geblieben sind, sogar dir selber. Die will ich frei legen. Wir werden beide sehen, was dabei zu Tage tritt. Du bist eine leidenschaftliche Frau, und genau das hat dich bis auf die Brücke getrieben. Es kommt nicht darauf an, was für ein Bild du selber von dir hast, Liebes, vertraue einfach auf das Bild, das ich von dir habe. Ja, und genau deswegen muss es so sein und nicht anders. Du musst aufhören, um Beherrschung um jeden Pries zu kämpfen, und du musst es lernen, dein wahres Wesen zuzulassen. Und du bist an mich geraten. Ich persönlich glaube nicht an Zufälle im Leben. Ich kann sehen, dass sich dieser Kampf um deine Seele lohnt.“

„Aber ich habe Angst“, flüsterte sie. Matt nickte nur.

„Wenn du die nicht hättest, dann wäre es keine Grenze, Liebes. Angst gehört dazu. Denke an das, was ich dir gesagt habe. Du hast auf einer Brücke gestanden, als du eine Konsequenz ziehen wolltest, eine endgültige. Und das Wesen deines Lebens liegt genau in diesen Konsequenzen, die du aus dem ziehst, was dir widerfahren ist. Eine Brücke ist eine Querung, und sie ist gut zu verteidigen gegen angreifende Feinde. Du darfst jetzt nicht nachgeben. Wenn du im Kampf um deine Brücke wirklich unterliegen solltest, dann war es zumindest ein ehrenvoller Kampf. Aber du wirst nie wissen, was du eigentlich verteidigt hast, wenn du jetzt einfach aufgibst. Wir sind alle eingebunden in die gewaltigen Kräfte unseres Kosmos. Wir bestehen alle aus Sternenstaub, das macht uns alle wertvoll. Unsere Bestimmung ist die Freiheit, nicht die Begrenzung. Wenn eine Sonne stirbt, wird sie zu einem leuchtenden Diamanten am Himmel. Alles ist endlich, nicht nur unsere Leben, nicht nur unsere Sonne, selbst unser Universum ist das. Aber spätestens, wenn es so weit ist, dass die Lichter am Himmel eines nach dem anderen verlöschen, dann solltest du wissen, wer du wirklich bist, mein Liebes. Diese Erkenntnis kannst du mitnehmen, wenn du einmal stirbst. Den Kampf, den du um diese Erkenntnis und um die Freiheit gekämpft hast, der wird zu einem Teil von dir, ein untrennbaren. Was dann kommt, wenn die Dunkelheit einsetzt, das weiß ich auch nicht. Aber ich weiß, dass wir uns jetzt, wo unser Himmel noch voller Lichter ist, gegenseitig helfen können. Und ich weiß, dass genau das auch im Grunde unsere Daseinsberechtigung hier auf dieser Erde ist. Kannst du das glauben, mein Liebes?“

Constanze nickte nur. Ihr fehlten die Worte, aber sie hatte die Bilder in ihrer Seele. Wieder hatte Matt kräftige Farbstriche auf ihren Himmel gemalt, er hatte sich auf wirklich wunderbare Gedanken bezogen. Und Worte brauchte es in diesem Moment nicht mehr. Aber eine Frage hatte sie dann doch noch, und die hatte sie Matt schon gestern Nacht gestellt.

„Wer bist du?“, fragte sie leise und sah ihm in die blauen Augen.

Er lachte auf, antwortete ihr aber ernsthaft. „Letzten Endes bin ich das, was ich in deinen Augen lesen kann, wenn du mich ansiehst, mein Kätzchen. Ansonsten bin ich vielleicht besonders, aber nicht grundsätzlich anders als alle anderen auch. Vielleicht kann ich nicht nur gut reden, sondern auch gut zuhören, wer weiß? Aber jetzt sollten wir dafür sorgen, dass du dich frisch machen und etwas Wärmeres anziehen kannst. Ich bleibe besser bei dir. Kommst du mit mir?“

Constanze sah an sich herunter und nickte nur. „So?“, fragte sie nur.

Matt nickte. „Also wenn es nach mir ginge, könntest du so bis ans Ende der Welt gehen, Liebes. Du siehst wunderschön aus. Aber wir besorgen dir doch besser etwas zum Anziehen. Und wenn unsere Zeit es heute zulässt, dann können wir heute Abend auf ein ganz privates Neujahrkonzert gehen, eines, wo dein Mann ganz sicher nicht auftauchen wird, genauso wenig wie einer seiner Geschäftsfreunde. Dann könntest du meine Geige einmal eingebunden in ein Orchester hören.“

Matt lächelte Constanze an.

„Und du tauchst da öfter mal mit gleich zwei Frauen auf?“

Wieder lachte er gut gelaunt auf. „Oh, das ist nicht das erste Mal, Liebes, aber ganz sicher ist das auch nicht so häufig, wie es dir vielleicht jetzt erscheinen mag. Gehen wir?“

Er ließ sie los. Constanze stand auf und wartete, bis Matt ihre Hand ergriffen hatte. Zu dritt strebten sie der Tür zu. Matt lächelte Constanze mit blitzenden Augen an. „Aber eines ist sicher, das wird ein spannender Tag heute!“

**

©Matt

Zufällige Begegnung (Julia), Teil 1

Es war alles an diesem Tag reiner Zufall, wenn man denn an Zufälle glaubte. Matt hatte seinen schwarzen Mercedes zwei Straßen weiter abgestellt und befand sich auf raschem Weg zu einer seiner devot ihm zugehörigen Frauen. Die Ärztin kannte er schon eine ganze Weile und besuchte sie regelmäßig oder bestellte sie seinerseits an ihm genehme Orte, auch in die Waldhütte hatte er sie schon kommen lassen. Er wusste, die hart arbeitende Frau liebte ihn, man konnte getrost sagen, sie war ihm im Spiel um Macht, Dominanz und Ergebung verfallen. Er hatte ihr befohlen, alles zu besorgen und bereitzuhalten, was er für sie benötigen würde, er hatte also selber nichts als seine Schlinge dabei, die er immer bei sich trug. Er ging nicht leichtfertig mit den Gefühlen der Frauen um, die er in seiner weiteren Peripherie hatte, auch Charlene besuchte er regelmäßig, er wusste, sie würde sonst wirklich leiden. Er hatte seine Frauen gezähmt und an sich gewöhnt, nun war er auch für sie verantwortlich, und dieser Verantwortung stellte er sich gerne. Er war nicht verheiratet, er fühlte sich frei und damit mächtig, denn er war es nicht nur geschäftlich, sondern damit auch privat. Keine Frau auf diesem Planeten hatte Macht über ihn, aber das hieß nicht, dass er für diese Frauen nicht eine starke Zuneigung hegte, die manchmal sogar er als Liebe bezeichnete. Die Frauen wiederum hatten ihre Selbstkontrolle an ihn abgegeben, zwei bisher völlig und ein paar wenige weitere in Teilbereichen, sie hatten sich ihm in Liebe ergeben, ein Gefühl, dass noch wesentlich stärker werden konnte als in einer normalen Liebesbeziehung, das war Matt klar, und das war auch sein Ziel bei manchen Frauen. Er konnte es in ihren Augen lesen, manchmal bettelten sie ihn um Schläge geradezu an, auch wenn sie sich gegen ihn heftig wehrten. Die Psychologie der menschlichen Lust war komplex, ein ausgewogenes Maß an sadistischem Zwang und liebevollem Umgang war für manche der Frauen ein einzigartiges Erlebnis. Matt wusste nicht, wie er das bezeichnen sollte, auch vor sich selber nicht. Aber dann war es, als würde er nicht nur in seinem Bewusstsein, sondern auch in dem der Frau weilen und genau fühlen können, was sie wirklich brauchte, wonach sie sich wirklich sehnte unter all den Schichten der gesellschaftlichen Anpassung und Erziehung. Wenn er selber eine devote Seite in sich besaß, dann war sie so gering ausgeprägt, dass er sie nicht als solche wahrnehmen konnte, und er stieß seinerseits auch in aller Regel auf Frauen, die sehr devot veranlagt waren, die er in dieser Hinsicht nur noch befreien musste. Aber er besaß auch eine sehr liebevolle Seite, er konnte seine Frauen wirklich gut auffangen nach einer Sitzung mit ihm. Vielleicht war das das Devote in ihm selbst, das wusste er nicht. Manche Frauen hatte er nur für einige Monate, dann führten ihre Lebenswege wieder auseinander. Manche Frauen führte er als sein Eigen für Jahre, Jahre, in denen sie noch nicht einmal seinen wahren Namen kannten. Er wusste nicht, wie er das bezeichnen sollte, aber bei manchen Frauen handelte er, als wären er und sie ein gemeinsames Bewusstsein, dann konnte er auch erfühlen, wie sehr die Frau noch wirklich an ihm hing. Er mochte diese ihm eigene Fähigkeit nicht einfach benennen als Empathie, er beließ es lieber bei dieser selbst für ihn vagen Umschreibung.

Matt wechselte in Gedanken versunken mit raschen, weit ausgreifenden Schritten die schmale Wohnstraße in Düsseldorfs vornehmer Stadtwohngegend direkt am Rhein, in Oberkassel. Mit leicht vorgebeugten Schultern und gesenktem Gesicht wirkte er, als würde er sich gegen einen Sturm stellen, aber er war nur in seine eigenen Gedanken und Reflexionen versunken. Er hatte ein gutes Geschäft abgeschlossen, im Finanzbereich war er geschickt und risikobereit, ein Raubfisch ganz sicher. Er wusste, sein Testosteron versetzte ihn in die Bereitschaft, ein Risiko über alle Vernunft hinweg anzunehmen. Gerade im Finanzwesen, das nach wie vor von Männern dominiert wurde, war Testosteron eine überaus wichtige Triebfeder, und das männliche Sexualhormon war dafür im Bewusstsein der Gesellschaft noch nicht einmal so bekannt. Ein Erfolg einer Aktie motivierte die Börsianer, es dem Glücklichen gleich zu tun und es mit dieser Aktie ebenfalls zu versuchen. Diese Risikobereitschaft bei der einzelnen Transaktion war die Auswirkung des Testosterons, diese Aktie stieg und stieg, sie weckte die Begehrlichkeiten der beteiligten Börsianer wie eine schöne Frau. Die Männer in Anzug und Krawatte, die so kühl geschäftsmäßig wirkten, verhielten sich in Wahrheit nach demselben Beuteschema, mit dem sie eine schöne Frau ansahen. Oft ersetzte der risikoreiche Handel mit dem An- und Verkauf von Aktien sogar den entsprechenden Umgang dieser Männer mit den von ihnen begehrten Frauen, den sie sich vielleicht nur erträumen konnten. Oft waren diese Männer in der Wirklichkeit nicht in der Lage, sich eine begehrenswerte Frau auch zu greifen. Die gesellschaftliche Normierung, private Kompromisse und Verpflichtungen und sehr häufig auch einfach mangelnder Mut oder grundsätzlicher, tief sitzender Zweifel an der eigenen Manneskraft, das alles waren Gründe für so ein Verhalten der Überzahl der Männer auf diesem Parkett. Das tiefsitzende Schönheitsideal, das fest im kollektiven Empfinden der Gesellschaft verankert war, tat sein Übriges. Matt kannte viele der Börsianer persönlich, er wusste das aus eigener Anschauung. Der Handel mit Aktien ersetzte ihnen den Fick mit einer begehrenswerten Frau. Fand so etwas in großem Stil statt, dann nannte man das eine Blase, der Wert der Aktie auf dem Börsenparkett überstieg dann manchmal weit ihren realen Wert. Untersuchungen nach dem Börsencrash 2008 hatten genau diesen Mechanismus frei gelegt, und daraus hatte auch Matt gelernt. Er musste lächeln. Frauen besaßen wenig Testosteron, das war manchmal ihre Stärke und manchmal auch ihre Schwäche.

Matt besaß unter anderem auch einen Börsenschein, er war also berechtigt, direkt an der Frankfurter Aktienbörse zu spekulieren. Er hatte von einem seiner Geschäftspartner einen Wink bekommen und gehandelt, mit Erfolg. Der Erfolg, so sinnierte er, bestand darin, diesen eigentlich fiktiven Wert einer Aktie zu mehren und ihn in klingende Münze umzuwandeln, bevor die Aktie abstürzen konnte. Das war ihm wieder einmal gelungen, aber das war bei weitem nicht immer so. Matt empfand sich als nicht den Regeln der Gesellschaft unterworfen, auch in diesem Bereich bedeutete das für ihn eine gewisse Überlegenheit. Er handelte gewiss risikobereit, aber er musste seine Triebe nicht unterdrücken. Das befähigte ihn dazu, auch im hitzigsten Handel auf dem Börsenparkett einen kühlen Kopf zu bewahren. Seine Fähigkeit, komplexe logische und nichtlineare Muster zu erkennen, tat ihr Übriges, genauso wie seine blitzschnelle Auffassungsgabe dabei. Er hatte die Aktien rechtzeitig abstoßen können heute Vormittag, er roch es quasi, sie würden heute Nachmittag schon fallen. Dieser Handel bedeutete auch für einen wie ihn den Erwerb von Geld in einem Maße, wie er dafür vielleicht einen Monat harter Arbeit hätte ansetzen müssen. Er war also bester Laune und hatte beschlossen, sich nach Düsseldorf zu begeben und seiner Chilly einen Besuch abzustatten.

Matt musste unvermutet einer alten Dame mit Hündchen an der Leine ausweichen und sah stirnrunzelnd auf. Er stand noch immer unter Strom, der erfolgreich abgeschlossene Handel versetzte ihn quasi in einen Testosteronrausch. Er hätte die alte Dame fast überrannt.

Dabei fiel ihm etwas weiter vor ihm eine junge Frau auf. Sie sprang gerade elastisch von ihrem Fahrrad ab und führte es geschickt bis an die Eingangstür in eines der alten, stuckverzierten Reihenhäuser aus der Barockzeit. Ihre geschmeidigen Schritte und der Sprung hatten ihren sehr kurzen Rock leicht verschoben, Matts Augen fanden ruckartig ins Hier und Jetzt zurück. Sie setzte ihre schlanken, ansehnlichen Beine so mit einer unabsichtlich wirkenden, natürlichen Grazie in Szene, sie warf die langen, schwarzen Haare energisch zurück, ihren ganzen schlanken Körper erfüllte eine gespannte, fröhliche Energie. Matt sah ihr lächelnd hinterher. Sie war alles in allem einfach interessant, leuchtend, eine junge, lebensfrohe Persönlichkeit strahlte aus ihren dunklen Augen, er brauchte das Lächeln auf ihren Lippen nicht zu sehen, ihr ganzer Körper strahlte diese unverbrauchte Frische aus.

Sie verschwand in dem Gebäude, und die schwere Holztür hatte sich noch nicht ganz wieder geschlossen, da hielt ein Mann sie fest. Ein unauffällig in schwarz gekleideter Mann, der genauso schnell, wie er in Matts Gesichtsfeld aufgetaucht war, auch schon fast verstohlen wirkend ebenfalls im Haus verschwand. Matts Sinne registrierten diese Handlung blitzschnell, er wusste es sofort und sicher, da stimmte etwas nicht. Und seine Reaktion war ebenso unvermittelt und sicher, er handelte rein aus dem Bauch heraus, intuitiv, er spürte die Gefahr förmlich dräunend um sich selbst herum. Vielleicht hatte die junge Frau ihn mit ihrem natürlichen Charme bezaubert, vielleicht war es ein Schutzreflex, wie er ihn gehabt hätte, wenn er ein Rehkitz im hohen Gras versteckt gefunden hätte. Später wusste er das selber nicht mehr, aber er handelte sofort.

Matt war nur wenige Sekunden später an dem Haus angelangt. Normalerweise steckte er seine Nase nicht in fremde Angelegenheiten, aber irgendetwas ließ ihn hier und jetzt anders handeln. Er besah sich kurz und scharf das Schloss der Haustür und fand, dass es ein altmodisches Türschloss war. Dabei angelte er schon in seiner Manteltasche nach seinem Schlüssel, an dem er einen kleinen Dietrich hängen hatte. Er brauchte ein paar Minuten konzentrierter und unauffälliger Arbeit, dann sprang die Zarge zurück und die Tür war offen. Er schlüpfte rasch in die Dunkelheit des Treppenhauses.

Noch während er die schwere Tür leise hinter sich zu fallen ließ, hörte er Geräusche aus dem ersten Stock. Leises Schreien, schwere Schritte, dann ein Poltern. Eine Tür fiel zu. Diese Geräuschkulisse genügte seinen angespannten Sinnen, er sah förmlich vor sich, was da passierte, wenn es auch in schwarz-weißen Bildern vor seinem inneren Auge vorbei raste. Blitzschnell spurtete er die Treppe übers Eck nach oben und verhielt vor der jetzt gerade geschlossenen Eingangstür in eine Wohnung. Er neigte sein Ohr gegen die Tür, und was er hörte, war eindeutig, eindeutiger konnte es nicht mehr werden. Ein Fahrrad fiel klappernd auf einen Holzboden und rutschte ein ganzes Stück. Eine Frau schrie auf, eine helle, junge Frauenstimme, er hörte die schweren Schritte eines anderen, eindeutig eines Mannes. Er hörte, wie er die Frau anfuhr, wie er sie hochzureißen schien, ihren Schreien nach an ihren Haaren. Er schleifte sie über den Boden und warf sie auf etwas Nachgiebiges, ein Bett oder ein Sofa. Matt hatte die Situation vor seinem inneren Auge, als wäre er in der Wohnung, immer noch in schwarz-weiß, als wäre seine Phantasie eine Kamera mit einem entsprechend eingelegten Filmmaterial. Während er seinen Dietrich erneut einsetzte, hörte er das gepeinigte Schluchzen der Frau, jetzt an derselben Stelle bleibend, ihr leises Zappeln durch die Tür. Er hörte, wie ihr ihre Kleidung mit einem lauten Knirschen vom Leib gerissen wurde. Sie schrie auf, oder zumindest versuchte sie es, denn dann war ihr Schreien nur noch sehr gedämpft zu hören, der Mann musste sie sofort geknebelt haben. Dann wurde ihr Schreien lauter durch den Knebel, panischer, und sie schrie einmal so gepeinigt auf, dass es Matt kalt überlief, der Mann tat dieser jungen Frau gerade eine entsetzliche Gewalt an, und in diesem Moment sprang vor Matt die Tür mit einem leisen Klicken auf.

Er öffnete die Tür und konnte sofort die Lage übersehen. Die Frau war grob und hastig mit ausgebreiteten Armen an ihrem Bett fixiert worden, auf das er durch einen Wohnraum mit dem umgeworfenen Fahrrad und eine geöffnete Tür hindurch in einem Schlafzimmer sehen konnte. Der Mann hatte sie mit Drähten um die schmalen Handgelenke an ihr eigenes Bett gefesselt und sich massig über ihren nackten, nur halb entkleideten, schmalen Leib geworfen. Er war bereits in sie eingedrungen, wie ihr Schrei es Matt bereits hatte wissen lassen, und stieß sie nun rhythmisch hart nach oben.

Matt war für einen Moment nicht in der Lage, sich zu bewegen. Sie hatte ihren Kopf zur Seite gedreht, starrte blicklos ins Leere, sie erschien ihm nicht mehr von Leben erfüllt zu sein als eine Puppe. Matt hatte niemals in einem Krieg gekämpft, aber ihm war auf der Stelle klar, dass die Frau sich in ihr ureigenes Innerstes zurückgezogen hatte, in ihr letztes Zuhause, dass diese Form der Gewalt gegen ihren Leib und ihre Seele in ihr verwüstetes Land schuf. Als er die Geräusche gehört hatte, hatte er den Schrecken kognitiv schon begriffen, aber erst jetzt, da er es auch mit eigenen Augen sehen konnte, erfasste er das wirkliche, reale Grauen, das die junge Frau fest gepackt hielt. Er musste nicht in ihre Gesichtszüge sehen, die leblos erstarrt und bar jedes Ausdrucks waren, er sah es an ihren fest angespannten Gliedmaßen, ihrer ungeheuer flachen und schnellen Atmung. Von Verstandesseite her wusste er sehr wohl, dass er an ihrem jetzigen Schicksal keine Schuld trug, aber sein Bauch sagte ihm etwas völlig anderes. Sein Bauchgefühl schaltete die Logik aus. Er verstand etwas von Lust und Angst, von Gewalt und Zwang, aber er würde dennoch niemals verstehen, wie ein Mann an einer so unter ihm liegenden Frau Gefallen finden konnte und darüber hinaus sogar eine triebhafte Befriedigung seiner sexuellen Gelüste. Die Angst war ein starkes Stimulans, sie bewirkte, dass jede Menge Hormone ausgeschüttet wurden, aber eine derartige Panik war wie ein verheerender flächiger Großbrand aller ihrer lebenserhaltenden Systeme, angefangen bei ihrem Geist und ihrer Seele. Der Mann hatte zugegriffen, bediente sich brutal an ihrer Mitte, am Mittelpunkt seines Interesses an ihr, hielt ihren panikstarren Leib auf Spannung, genoss diese Art ihrer Spannung sogar. Und die Frau unter ihm haushaltete sichtbar mit ihrer noch verbliebenen Energie, aber lange würde sie ihm und seinem Wüten in ihr nicht mehr standhalten können. Gleich würde ihr Leib brechen, weich werden, und damit auch ihr Geist. Gleich würde er zu ihrem innersten Kern durchdringen, den sie noch beschützte, und dann würde die Gewalt ihre weiche Seele verschlingen.

So eigenartig es sich bei Matts Vorlieben und Ansichten, bei seinem Tun, seinem Handeln an Frauen  auch anhörte, Matt war noch niemals Zeuge einer solchen Szene geworden. Wenn er eine Frau in seinen Händen hielt, in seiner Gewalt hatte, dann war er sich ihrer Schönheit, sowohl ihrer inneren wie ihrer äußeren, ständig bewusst, bei allem, was er mit ihr auch tat. Er schonte sie keineswegs, und die Grenze, an der er sich zusammen mit der Frau entlang bewegte, war haarfein, aber er kannte sie genau, und es würde ihm wirklich niemals in den Sinn kommen, diese Schönheit zu brechen. Es war für ihn schwer, es einem anderen zu erklären, aber er trat in eine Art Synergie, Koexistenz mit der unverwechselbaren Schönheit der Frau, die er nahm. Er war gemeinsam mit ihr dort, wo er sie hin brachte, er lebte und atmete in diesen Momenten dort genauso wie sie. Es war wirklich niemals sein Ziel gewesen, die Frau, mit der er sich befasste, zu zerstören. Soviel war völlig sicher.

Der Mann war so vertieft in sein Handeln, dass er Matt hinter sich völlig überhörte. Matt zögerte aufgrund der Überflutung mit Reizen und Gedanken dazu einige wertvolle Sekunden lang. Er hörte den Mann keuchen, immer lauter stöhnen, hörte, wie er ihr Schimpfworte ins Ohr raunte und sie dabei noch härter stieß, er hörte das Reiben Haut über Haut, das Klatschen Haut auf Haut, wenn er gegen ihr Becken stieß. Sein unartikuliertes Grunzen wurde zunehmend vollends enthemmt. Das riss Matt dann endlich aus seiner Erstarrung. Wie lang hatten sich diese wenigen Sekunden nun für ihn hingezogen? Und wie lang waren diese wenigen Momente wohl für die Frau, jetzt, da sie jeder Mut verlassen haben musste und ihre Kraft nicht mehr ausreichen würde, weil der Wunsch, sich endgültig aufzugeben, in ihr übermächtig wurde? Wie lang kam ihr diese kurze Zeit wohl vor, wo sie, in ihrer vertrauten Umgebung überwältigt, trotz dieses Umstandes nicht mehr stark genug sein konnte?

Matt schloss rasch die Tür und ging leise wie ein Raubtier und ebenso angespannt bis an die Schlafzimmertür. Entsetzte, angstgeweitete Augen, in Tränen schwimmend, und ihr starrer, leerer Blick, im übermächtigen Griff der Panik fest erstarrt, so sah sie in seine ruhigen Augen, ohne dabei irgendetwas zu sehen. Ihr zierlicher Leib wurde hart gestoßen, er nahm die Panik und den Schmerz der Frau so überdeutlich wahr, als würde er das tun. Als würde er sie auf dem Bett vor sich vergewaltigen. Aber so etwas tat er keine Frau an, so wie der Vergewaltiger vor ihm tat er keiner Frau Gewalt an. Er wusste, dieses Erlebnis würde das weiche Gemüt der jungen Frau brechen, sie hatte dem nichts entgegen zu setzen, keine Lebenserfahrung, keine innere Härte, keinen geschulten Verstand oder sichere Emotionen, gar nichts. Er musste nicht lange überlegen.

Er war mit zwei Schritten am Bett und riss den Mann am Kragen mit einem harten Ruck hoch. Der Mann gab ein überraschtes Keuchen von sich. Er war ebenfalls jung und gut trainiert, aber Matts schnelles, entschlossenes Handeln gab ihm den entscheidenden Überraschungsvorteil. Er riss den Körper des fremden Angreifers ganz hoch. Der Kopf fuhr zu ihm herum, der Mann richtete sich unwillkürlich auf seine Knie im Bett auf, riss sein Geschlecht aus der Frau dabei, unwillkürlich in einer für einen Mann typisch aussehenden Stellung über ihrem Körper ein neues Gleichgewicht suchend, halb über sie gebeugt.

„Was, zum Teufel…“, begann er, zu sprechen, und wurde von einem harten Boxhieb von Matt einfach aus dem Bett geworfen. Matt schlug sofort zu, auch da musste er nicht denken. Schnelles Handeln entschied über den Erfolg seines Eingreifens. Am Unterkiefer getroffen fiel der Kerl auf der anderen Seite des Bettes herunter und schlug schwer auf dem Boden auf. Sofort war Matt bei ihm, der überraschte Mann bot ihm ein leichtes Ziel. Matt konnte beileibe nicht überragend gut boxen, für so ein Training hatte er weder Zeit noch Muße genug, aber er war trainiert im Abwehrkampf Mann gegen Mann. Er riss den benommenen Mann wieder am Pullover hoch und versetzte ihm einen weiteren Hieb, der ebenso mühelos sein Ziel an seinem Unterkiefer fand, so hart, dass er seinen Kiefer knacken hören konnte. Der Mann sackte halb zusammen, wurde von Matt aber sofort auf die schwankenden Füße gerissen. Matt konnte sehen, wie der Mann mit der Zunge unwillkürlich prüfte, ob seine Zähne noch alle fest saßen.

„Raus hier, du mieses, feiges Stück Dreck“, zischte er ihn an, „bevor ich es mir doch noch anders überlege und die Polizei rufe. Mach, dass du Land gewinnst, und sollte ich dein Gesicht noch ein einziges Mal wieder sehen, dann gnade dir Gott!“ Der Mann blutete aus einer Platzwunde auf seiner Unterlippe, er rappelte sich mühsam auf und stierte Matt mit umflorten, erschrockenen Augen an. Dann drehte er sich wortlos um und taumelte aus dem Raum, verließ mehr schwankend als wirklich rennend den Tatort seines Verbrechens. Matt ging ihm ruhig hinterher und sah ihm nach, wie er die Treppen herunter hastete, ihm noch einen panikerfüllten Blick zuwarf und dann verschwand. Er schloss ruhig die Tür und wandte sich der vergewaltigten Frau zu.

Matt wusste nicht recht, was er jetzt tun sollte, in einer solchen Lage hatte er sich noch nie befunden. Die Frau lag reglos auf dem Bett, atmete noch immer flach und sehr hochfrequent, die Beine auseinander gezwungen, den Kopf auf die Seite gedreht, ihre Augen starrten blicklos geradeaus.  Er sah sie unschlüssig an und ging ruhig an dem Bett vorbei, sah aus dem Fenster zur Straße hinaus. Er sah den Mann leicht taumelnd die Straße überqueren und dabei noch seine Hose richten. Scheinbar hatte er jetzt erst bemerkt, dass sie noch auf Halbmast gehangen hatte, genauso wie sein Schwanz, als er die Wohnung so überhastet verlassen hatte. Er schüttelte leicht den Kopf und sah ihm nachdenklich nach.

Der Unterschied zwischen dem, was er mit seinen Frauen machte und dem, was sich hier gerade abgespielt hatte, war für ihn mehr als offensichtlich. Er fügte seinen Frauen Schmerzen zu, gewiss, und er jagte ihnen auch bewusst Angst ein, aber er nahm ihnen niemals jegliche Hoffnung. Angst war ein starkes Stimulans für den ganzen Körper, sie bereitete jedes Lebewesen auf diesem Planeten mit einem komplexen Bewusstsein auf eine Kampf- oder eine Fluchtsituation vor. Stresshormone versetzten den ganzen Körper in einen gespannten Erregungszustand, und der Mensch als soziales Lebewesen war darauf konditioniert, diese Angst auch zu kommunizieren, entweder durch seine Reaktionen, seinen Gesichtsausdruck oder durch die Sprache. Er war darauf ausgelegt, im sozialen Sinn um Schutz zu bitten. Matt hatte sich viel mit diesen Dingen beschäftigt, und das aus gutem Grund. Er wollte das Denken der Frauen verändern, und das konnte er nur, wenn ihr Angstniveau so steuern konnte, dass die Frauen zwar ein starkes nervöses Erregungsniveau erreichten, aber in ihrer Handlungsfähigkeit, der Abrufbarkeit ihrer Leistungsfähigkeit, noch nicht zu sehr eingeschränkt waren. Wenn er sich einigermaßen darüber im Klaren war, welche Risiken die betreffende Frau wohl in ihrem Leben schon bewältigt hatte, und darüber hinaus in seiner Einschätzung ihrer Kompetenz, dieser Situation standhalten zu können, nicht ganz daneben lag, dann wurde die Angst produktiv, sowohl für die betroffene Frau wie auch für ihn. Diese Erfahrung der Frau, dass sie sich in einer akuten Gefahrensituation befand, die sie aber bewältigen konnte, wenn sie sich ihm völlig unterwarf, führte dann zu einer von ihm erwünschten Steigerung ihres Lebensgefühls und damit auch seines Lebensgefühls. Der Kick, der Moment, in dem diese starke Stressphase, diese starke Anspannung in ihr umschlug in eine Befreiung von dieser Angstphase, der ließ die Frauen dann fliegen und ihn mit ihr. Matt hatte es gelernt, zu erkennen, wann dieser Punkt bei der Frau eintrat, und er war die ganze Zeit bei ihr und richtete sich nach ihren Reaktionen. Deswegen redete er mit ihnen, machte ihnen ihre Situation kognitiv klar, und deswegen duldete er keinerlei Abschweifung, die Aufmerksamkeit der Frau musste sich immer auf ihn und sein Tun richten. Trotz aller Gewalt und trotz seiner übermächtigen Dominanz verschmolz er mit der Frau.

Hier hatte er nun völlig unverhofft vor Augen, was passierte, wenn ein Mann sich nach diesen Gesichtspunkten nicht richtete und sich einfach von der Frau nahm, was er haben wollte. Die Angst der jungen Frau hatte sich zur Panik ausgewachsen, sie war zu der Überzeugung gelangt, dass sie sich selbst nicht mehr erhalten konnte, und alles, was ihr geblieben war, war, sich in ihr ureigenes Innerstes zurück zu ziehen und diesen letzten Bereich so lange wie möglich vor der überwältigend bedrohlichen Außenwelt zu verteidigen. Der Mann hatte dieser jungen Frau ein schweres psychisches Trauma zugefügt, er hatte ihren ureigenen Intimbereich in mehreren Formen schwerstens verletzt, einmal, indem er sie in ihrem persönlichen Rückzugsort, ihrem Sicherheitsbereich angegriffen hatte, dann, indem er ihren Körper instrumentalisiert hatte und zuletzt, indem er das, was dabei in ihr vorging, völlig ignoriert hatte. Diese Angststarre, die rasende Panik, in der sie sich befand, erlebte sie als unüberwindbar, und das würde sie für immer verändern.

Matt seufzte leise auf. Vielleicht lag es daran, dass er seine eigenen Wertmaßstäbe besaß, dass er sie nicht von der Gesellschaft bestimmen ließ. Vielleicht lag es auch daran, dass er schon viele Frauen an einem Punkt kurz vor diesem erlebt hatte. Vielleicht mochte er die junge Frau auch ganz einfach, er wusste es selber nicht. Aber die Art der Gesellschaft, mit derart traumatisierten Frauen umzugehen, verstärkte ihr Trauma gewissermaßen noch, und auch das war ihm sehr bewusst. Frauen verstärkten mit ihrer mitleidigen oder mitfühlenden Reaktion auf diesen Vorgang das eigene Erleben der Frau, sie sagten ihr damit, dass sie richtig fühlte. Und Männer wandten sich in aller Regel von derart traumatisierten Frauen zumindest innerlich ab, sie distanzierten sich von diesem Vorgang und suggerierten der betroffenen Frau damit, dass die sie umgebenden Männer an diesem Vorgang keine Schuld trugen, dass sie selber so niemals gehandelt hätten. Damit lief die Frau, wenn sie nicht wirklich stark war, Gefahr, sich selbst zumindest als hilfloses Opfer eines einzelnen gewaltbereiten Mannes zu sehen, oder sie gewann sogar unbewusst den Eindruck, dass sie durch eigenes Fehlverhalten die Gewaltbereitschaft des Mannes erst ausgelöst hatte. Die gesellschaftliche Normierung hatte die Männer unfähig dazu gemacht, sich als Vertreter desselben Geschlechtes aktiv und bewusst um die Frau zu kümmern. Es ging sie einfach nichts an, eine fremde Frau ging sie nichts an, das war eine erschütternde Wahrheit.

Die eigentliche Wahrheit dahinter war die, dass alle Männer den Keim für ein solches Handeln in sich trugen, manche mehr, manche weniger, aber es war im Mann als Verhaltensmuster angelegt. Der jungen Frau würde es nicht wirklich helfen, in Schutz, in Gewahrsam genommen zu werden. Wenn er sie jetzt einfach losbinden und trösten würde, die Polizei rufen würde, würde erst einmal eine Institution sie vereinnahmen. In der Zeit, in der sie sich beruhigen konnte, das Ganze sich in ihr legen und sie Abstand gewinnen konnte, würden sich auch diese unbewussten Vorgänge in ihr festigen. Sie würde schwer an diesem Trauma leiden, vielleicht würde sie unfähig werden, jemals wieder ein echtes Vertrauensverhältnis zu einem Mann aufzubauen. Diesen einen Vorfall, auch, wenn er ihn jetzt vorzeitig abgebrochen hatte, würde sie ihr ganzes weiteres Leben lang mit sich und in sich tragen, tief in sich versteckt, ohne dass man sie dort so ohne weiteres erreichen konnte.

Aber jetzt lag sie noch völlig offen vor ihm, beziehungsweise im Moment hinter ihm. Jetzt konnte er ihr als ein Mann, der zu einer solchen Tat ebenso fähig war und der sich dessen auch bewusst war, beweisen, dass er sich im gegebenen Falle anders entscheiden würde. Er konnte einen Kontrapunkt zu dem Handeln seines Vorgängers vorhin setzen, wenn er sich jetzt eben nicht abwandte und weg sah.  Wenn er es jetzt schaffen würde, in ihr Vertrauen zu ihm zu wecken, dann würde sie es vielleicht auch wieder in alle Männer haben können und das eben Vorgefallene als einmaligen, wenn auch schmerzhaften Vorgang ablegen können. Er seufzte leise auf. So etwas hatte er für heute wirklich nicht geplant, er hatte vorgesehen, sich ablenken und ausleben zu können. Aber er war an dem Schicksal dieser Frau nicht mehr unbeteiligt, als Zuschauer und als Eingreifender, als ihr Retter, war er nicht mehr unbeteiligt, hatte er ihr gegenüber auch eine Verantwortung. Und auch, wenn ihm das gerade gar nicht in den Kram passen wollte, wollte er sich dieser Verantwortung auch nicht entziehen. Er würde auf seine Weise versuchen, ihr zu helfen, und vielleicht würde er damit Erfolg haben. Das hoffte er zumindest.

Er senkte seufzend den Blick und zog sein kleines Smartphone hervor. Dabei verzogen sich seine Mundwinkel kurz und leicht nach oben, ein angedeutetes Lächeln, als er daran denken musste, dass so ziemlich jeder Zeuge dieser Szene, ob Mann oder Frau, empört aufschreien würde bei dem, was er nun zu tun gedachte. So etwas sollte man doch nun wirklich nicht tun, man könnte ja über vieles reden, aber bei so etwas… Ja, bei so etwas?, würde er dann ungerührt nachhaken. Er war eben nicht ‚man‘. Seine Bereitschaft zu ‚gesellschaftlich richtigem Verhalten‘ war ohnehin nur sehr schwach ausgeprägt. Doch jetzt einfach zu gehen war keine Option für ihn. Die Frage, die sich für ihn aus dieser unerwarteten Wendung der Ereignisse ergab, war für ihn eigentlich keine. Er drückte eine Kurzwahl. Am anderen Ende meldete sich sofort seine Charlene.

„Herr, wie schön, deine Stimme zu hören“, begrüßte sie ihn mit diesem leicht rauchigen Timbre in ihrer feinen Stimme, eine Frauenstimme mit einer individuellen Klasse, die ihn immer wieder neu anzog. Er schloss leicht die Augen. Er war auf dem Weg zu ihr, weil sie ihn immer wieder neu faszinieren konnte, er hatte ihr Bild vor seinem inneren Auge wie das einer Rose, die in einem Park blühte, für alle Augen sichtbar, aber sie war seine Rose. Das würde morgen immer noch so sein, und es war schon immer so gewesen, seitdem er ihr in die Augen gesehen hatte.

„Liebes, ich werde aufgehalten“, informierte er sie trotz seiner Gedanken sachlich und zügig. „Du solltest bitte deinen Dienst morgen absagen, kannst du das?“

„Ja, Herr, natürlich“, kam ihre Antwort prompt und freundlich. Sie reagierte nie eilfertig, aber fast immer so, wie er es sehen wollte an ihr. Das schmückte sie in seinen Augen ungemein. Er liebte diese ruhige innere Geschlossenheit, die sie ausstrahlte.

„Bleibe bitte am Handy“, fuhr er mit leiser Stimme fort. „es kann sein, dass du mir helfen kommen musst, dann bringe bitte deine Tasche mit, sei so lieb. Ich bin dir ganz nahe, spätestens heute Nacht bin ich bei dir, Liebes.“ Er ballte dabei unwillkürlich seine Faust, mit der er eben zugeschlagen hatte, unwillkürlich mit voller Schlagkraft aus der Schulter. Er hatte es nicht auf einen Kampf ankommen lassen wollen, deswegen war unter seinen präzisen Hieben die Haut auf seiner Hand aufgeschürft und seine Handwurzelknochen schmerzten. Aber andererseits war er auch wieder gottfroh, dass er diesen blöden, verdammten Kerl jetzt nicht bewusstlos hier liegen hatte, hier hätte er ihn nun gar nicht mehr brauchen können, er hätte jetzt nur Umstände mit ihm gehabt. Nach seinem Empfinden hatte er das für die Frau nach Männerart geregelt, der Kerl hatte sie überfallen und trug sich jetzt mit einer Gehirnerschütterung und lockeren Zähnen durch seine Schläge herum. Das, so fand er, war ausreichend als Strafe und auch als Denkzettel.

„Gut, Herr“, hörte er derweil Chillys Stimme durch das Handy kommen. Sie war eine erfahrene, patente Ärztin, sie hatte sehr schnell erfasst, was er wie von ihr erwartet hatte und verhielt sich danach, wie auch jetzt. Er hätte sich jederzeit bei ihr unter das Messer gelegt…. Aber seine Gedanken schweiften schon wieder ab, hin zu ihr. Hinter ihm lag die junge Frau, er konnte ihren schnellen, leisen Atem hören, er musste sich um sie kümmern, und zwar sofort.

„Bis gleich, Liebes“, verabschiedete er seine frei lebende Frau und ließ auch jetzt sein Bedauern, nicht bei ihr sein zu können, nicht durch seine Stimme durchklingen. Sie wusste das, sie brauchte keine Bestätigung von ihm. Er legte auf und drehte sich zurück ins Zimmer.